Mario Voigt, Sven Schulze
CDU-Ministerpräsidenten fordern mehr deutsche Sprache im Radio – in KI-Text

Die CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt und Thüringen: Sven Schulze (l.) und Mario Voigt
Die CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt und Thüringen: Sven Schulze (l.) und Mario Voigt
© dts Nachrichtenagentur / Imago Images

Debattieren Sie mit!

  • Mit stern-Account aktiv an allen Debatten teilnehmen und kommentieren.
Jetzt registrieren
Mario Voigt und Sven Schulze, zwei CDU-Ministerpräsidenten aus Ost-Bundesländern, wollen deutsche Musiker stärken. Ein Gastbeitrag fällt beiden auf die Füße.

„Musik ist mehr als Unterhaltung. Sie ist Sprache, Identität, kulturelles Selbstverständnis.“ So steht es in einem Gastbeitrag bei der „Welt“, geschrieben von Mario Voigt und Sven Schulze. Die Ministerpräsidenten von Thüringen und Sachsen-Anhalt fordern deshalb „mehr Raum für deutsche Stimmen“ im Radio.

Ihr Hauptargument: Der Anteil deutschsprachiger Musik liege bei lediglich drei Prozent im privaten Radio, und bei zehn Prozent auf öffentlich-rechtlichen Sendern. Die Zahlen stammen aus einer Gema-Studie aus dem vergangenen Jahr.

Musik stifte Identität, schreiben die Ministerpräsidenten – unter Verweis auf Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel. „Gerade in einer Zeit, in der vieles globaler, schneller und austauschbarer wird“, heißt es da, „wächst das Bedürfnis nach Orientierung. Nach etwas, das bleibt. Unsere Sprache ist ein solcher Anker. Unsere Kultur ist ein solcher Anker.“

Die Sprache des Artikels ist auffällig glatt

Worthülse reiht sich an Worthülse. Der Verdacht liegt nah: Dieser Text klingt KI-generiert. Und das ist er auch. Das räumte eine Sprecherin der Thüringer Staatskanzlei ein. 

„Selbstverständlich nutzen wir bei unserer Arbeit auch moderne digitale Werkzeuge, darunter KI-Anwendungen“, bestätigte die Sprecherin dem Berliner „Tagesspiegel“. Der Beitrag wurde den Angaben zufolge eigenständig erstellt und im Redaktionsprozess mehrfach bearbeitet. „Dass einzelne Formulierungen oder sprachliche Wendungen durch digitale Hilfsmittel angeregt oder verbessert werden, ist ein zeitgemäßer Einsatz dieser Technologien.“

Unklar blieb, wie viel selbstgeschrieben ist, und wie viel KI-generiert. Aus Magdeburg hieß es lediglich, die Staatskanzlei von Sven Schulze habe inhaltliche Positionen eingebracht.

Sven Schulze muss eine Wahl gewinnen, Mario Voigt kämpft gegen Plagiatsvorwürfe

Mutmaßlich wollten die Ost-Ministerpräsidenten vermitteln: Die CDU kümmert sich um deutsche Leitkultur. Ein Seitenhieb gegen die AfD, die in beiden Bundesländern stark ist.

Doch der Gastbeitrag fällt den Landesregierungschefs auf die Füße – zur Unzeit. Voigt wehrt sich seit Monaten gegen Plagiatsvorwürfe. Und Schulze, der noch unbekannte Ministerpräsident, muss im September eine Wahl gewinnen.

Im Netz wird über den Einsatz „moderner Werkzeuge“ gespöttelt – insbesondere vonseiten der AfD. „Mario Voigt hat offenbar aus seiner Promotionsaffäre die falschen Schlüsse gezogen“, sagte der medienpolitische Sprecher der Thüringer AfD-Fraktion, Jens Cotta, der Nachrichtenagentur DPA. „Früher wurden fremde Texte als eigene ausgegeben, heute erledigt das Sprachmodell die Arbeit, und das Ergebnis heißt Chefsache.“

Die Technische Universität Chemnitz hatte im Januar nach fast eineinhalb Jahren Prüfung entschieden, Voigt die Doktorwürde zu entziehen. Der 49-Jährige wehrt sich dagegen und hat Widerspruch bei der Uni eingelegt. Der Thüringer AfD-Fraktionschef Björn Höcke forderte den Rücktritt Voigts, die regierende CDU spricht von einer „Schmutzkampagne“.

Und Sven Schulze? Der ist erst seit Januar im Amt. Und liegt drei Monate vor der Landtagswahl 15 Prozentpunkte hinter der AfD, ließ der MDR kürzlich erfragen.

Die Forderung nach mehr Clueso und Tokio Hotel im Radio dürfte ihn in Umfragen eher nicht nach vorn katapultieren.

Die Forderung der CDU-Politiker ist Jahrzehnte alt

Die Diskussion um mehr deutsche Musik im Radio kommt seit den 1990ern alle Jahre wieder auf. Schon 1996 kritisierte der deutsche Liedermacher Heinz Rudolf Kunze im „Spiegel“, „die Flut von ausländischer Musik und eben auch ausländischem Schund“ sorge dafür, dass der deutsche Nachwuchs nicht mehr gehört werde. Deshalb plädierte Kunze für eine gesetzlich festgeschriebene Quote für deutsche Musik.

In Frankreich gibt es eine solche Quote seit 1994, bis heute ist sie umstritten. Dort muss rund 60 Prozent der gespielten Musik europäisch produziert sein, und insgesamt 40 Prozent der Musik aus Frankreich kommen.

Quellen: Welt“, „Tagesspiegel“, „Magdeburger Volksstimme“, Gema, Goethe Institut, Spotify

mkb

PRODUKTE & TIPPS

Kaufkosmos