Sachsen versinkt in einem Sumpf von Skandalen. Es geht um Kinderprostitution, Korruption und Amtsmissbrauch. Im stern.de-Interview beschreibt Jürgen Roth, Autor des demnächst erscheinenden Buches "Anklage unerwünscht", das kriminelle Netzwerk.

Sachsens Justiz und Politik ist durch ein kriminelles Netzwerk mit dem Rotlichtmilieu verbunden© Matthias Rietschel/AP, Boris Roessler/DPA
Es geht um unterschiedliche, voneinander vollkommen getrennte Fallkomplexe. Einmal ist da der Fallkomplex Leipzig. Dort steht die Verbindung zwischen Rotlichtmilieu und Stadtverwaltung und die Verbindung zwischen Rotlichtmilieu und Justiz im Mittelpunkt. Der nächste Fallkomplex befasst sich mit der kalabresischen Mafia N´dranghetta.
Die hat einen ihrer zentralen Stützpunkte in Leipzig.
Es gibt noch den Fallkomplex osteuropäische OK (Organisierte Kriminalität) in Dresden. In diesem Komplex ist vom sächsischen Verfassungsschutz ermittelt worden. Informanten des Verfassungsschutzes haben hier nicht nur Gerüchte, sondern konkrete Informationen über die organisierte Kriminalität in Dresden geliefert. Ein vierter Fallkomplex ist Plauen im Vogtland. Dort haben hohe Polizeibeamte, Bau-Unternehmer, kriminelle Größen und Leute aus dem Rotlichtmilieu zusammengearbeitet. Das ist das Plauener Netzwerk.
Ja, die Stadt ist klein. Doch es gibt dort ungewöhnlich viele Prostituierte. Ihre Dienstleistungen wurden von den 90er Jahren bis zum Jahr 2000 regelmäßig von Staatsanwälten und Polizeibeamten als Gegenleistung dafür in Anspruch genommen, dass sie gegen dieses Netzwerk keine Ermittlungen einleiteten. Hinzu kam, dass einer der wichtigsten kriminellen Drahtzieher gleichzeitig V-Man des Landeskriminalamtes war. Diese Vorgänge enden jedoch mit dem Selbstmord des Plauener Kripochefs Ende 1999 beziehungsweise beziehen sich in einem Fall zusätzlich auf einen ehemaligen Staatssekretär ohne ihn genau zu belasten, weil die weiteren Ermittlungen der Verfassungsschützer bekanntlich gestoppt wurden.
Offiziell, ja. Innerhalb der Polizei gab es jedoch Zweifel. Genährt wurden diese Zweifel von einem anderen Vorfall. So gab es vor dem Selbstmord des Kripochefs einen Mord an einem Russen, der, wie der Kripochef, in dieses Netzwerk involviert war. Nach diesem "Selbstmord" ist der Plauener Staatsanwalt nach Bayern verschwunden und hat später das mächtige Grundstück des ehemaligen SED-Kaders Harry Tisch für gerade mal 50.000 Euro gekauft. Harry Tisch war Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der SED und Vorsitzender des FDGB in der DDR.
Röger steht im Mittelpunkt von Zeugenaussagen des Fallkomplexes Leipzig. Er soll demnach Teil des kriminellen Leipziger Netzwerkes, bei dem es auch um Kinderbordelle ging, gewesen sein. Röger hat zudem immer wieder - der Verdacht liegt nahe auf Anweisung - Verfahren und Anzeigen niedergeschlagen. Außerdem hatte er Kontakt zu Thorsten R., einem bekannten Kriminellen.
Im Moment wird mit allen Techniken der Desinformation versucht, den Skandal und die eigentlich zentrale Frage, wer für diesen Sumpf verantwortlich ist, einzudämmen. Es wird versucht, alles als Gerüchte und Mutmaßungen zu diskriminieren. Das verbreiten insbesondere jene Journalisten, die bislang kein einziges Blatt der Erkenntnisse des Verfassungsschutzes gelesen haben.
Ich verspreche mir in der Sachlage wenig. Ich hoffe hingegen, dass der Untersuchungsausschuss endlich herausfindet wer für all diese Skandale die Verantwortung trägt. Denn was jetzt herausgekommen ist, steht ja in einer langen Tradtition von nicht aufgeklärten Fällen von Wirtschaftskriminalität in Sachsen.
Stock ist ein Bauernopfer, gemäß dem Motto: Der Bote, der die schlechte Nachricht überbringt, wird geköpft.
Ideal wäre, wenn im Untersuchungsausschuss sämtliche Affären in einem Gesamtzusammenhang aufgezeigt würden, und, dass als Konsequenz, Polizei- und Justizposten mit qualifizierten und vor allem unabhängigen Persönlichkeiten besetzt werden. Das größte Dilemma, das behoben werden müsste, ist die Abhängigkeit der Staatsanwaltschaft von der Politik. Solange die Staatsanwaltschaft an der langen Leine der Politik hängt, kann sie nicht unabhängig arbeiten. Wenn das Justizministerium die "Appellfähigkeit" der Staatsanwälte einfordert - was soll da noch an Ergebnissen herauskommen?
Es gab ein Urteil des sächsischen Verfassungsgerichts, dass der Verfassungsschutz nur dann die Organisierte Kriminalität beobachten darf, wenn ihre Aktivitäten die freiheitliche Grundordnung gefährden. De Maizière hat trotz des Urteils weiterhin vom Verfassungsschutz die Organisierte Kriminalität durch die Verfassungsschützer beobachten lassen. Er befand sich in einem Spannungsverhältnis zwischen dem Urteil des Verfassungsgerichtes und seinem Interesse, die OK zu bekämpfen.
Er hatte gute Vorsätze, wollte Organisierte Kriminalität bekämpfen, was das Landeskriminalamt bislang nicht erfolgreich tat. Davon bin ich überzeugt. Dennoch: Es gab das Urteil des Verfassungsgerichts, das er nicht beachtet hat. Wir leben immer noch in einem Rechtsstaat - auch wenn Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit in Sachsen bekanntlich nicht die große Rolle spielen.
Sachsen ist nur ein Fall von vielen. In Mecklenburg-Vorpommern dürfte es sicher ähnlich schlimm sein. Dass die Staatsanwaltschaft an der kurzen Leine gehalten wird, ist leider weitverbreitet. In Sachsen ist es aber am extremsten.
Ich bin durch nichts mehr zu schockieren. Ich kannte die Dinge, die jetzt diskutiert werden schon seit langem. Ich bin nur erstaunt, dass die weiterverbreitete Korruption und politische Willfährigkeit in der Justiz noch immer ein Tabuthema ist. Auch aus diesem Grund habe ich mit meinen Kollegen Rainer Nübel, und Rainer Fromm zusammen das Buch geschrieben.
Interview: Britta Hesener
Jürgen Roth Jürgen Roth recherchierte zusammen mit seinen Kollegen Rainer Nübel, und Rainer Fromm für sein neues Buch "Anklage unerwünscht" über Korruption und Willkür in der deutschen Justiz. Ein komplettes Kapitel widmet er darin auch dem Skandal in Sachsen, vornehmlich dem kriminellen Netzwerk in Plauen im Vogtland. Das Buch erscheint am 22. Juni im Eichborn-Verlag. Preis: 19,95 Euro.