Die SPD hat sich wieder gefunden. Auf dem Parteitag in Dresden haben die Genossen so intensiv wie lange nicht diskutiert - und Sigmar Gabriel konnte diesem Bewusstsein eine Stimme geben. Von Sebastian Christ, Dresden

Tolles Ergebnis für Sigmar Gabriel: Der neue SPD-Chef erhielt auf dem Parteitag 94,2 Prozent der Stimmen© Fabrizio Bensch/Reuters
Der Mann ist ein Phänomen. Schon zu Beginn seiner Rede steht Sigmar Gabriel mit feuchter Stirn am Podium. Er sagt: "Auch ich habe Lampenfieber." Und dann liefert er die Rede seines Lebens. Am Ende steht der ganze Saal: Präsidium, Parteivorstand, und um die Bühne herum im Dreiviertelkreis die Delegierten des Dresdner Parteitags. Sie klatschen ihm zu, man hätte der Partei kaum mehr eine solche Begeisterungsfähigkeit zugetraut. Und in ihrer Mitte wischt sich Gabriel die mittlerweile tropfnassen Haarsträhnen von der Stirn. Er ist blass, wirkt sichtlich erschöpft. Als hätte er gerade gegen ganz große Windmühlenflügel gekämpft - und gewonnen.
In seiner Rede ist Gabriel das quasi Undenkbare gelungen: Trennscharf skizzierte er die Grundzüge eines neuen sozialdemokratischen Selbstbewusstseins. Mehr noch, er zeigte seiner Partei einen möglichen Weg aus der Krise auf. Für jeden Erkennbar. Eine Zukunft, in der die SPD sich wieder erkennbar von anderen Parteien abgrenzt.
"Seit bald 20 Jahren geht ein Gespenst um in Europa - auch in Deutschland: das Gespenst der politischen Mitte. Genauer gesagt der "Neuen Mitte". "Alle reden über sie, alle reklamieren sie für sich, alle meinen sie zu kennen - ohne allerdings genau erläutern zu können, wer oder was denn nun diese Mitte ist", sagte Gabriel. Früher sei die Mitte kein abstrakter Ort gewesen. Sie habe schlicht zu der Partei gehört, die Deutungshoheit über das politische Geschehen erlangt habe. "Die Mitte war links, weil wir sie verändert haben! Die SPD hat sie erobert."
Beinahe zwei Stunden redet er, 27 Seiten umfasst sein Manuskript. Besonders im hinteren Teil muss er Passagen auslassen, um seinen Vortrag nicht unnötig zu dehnen. Zwischendrin bricht ihm immer wieder die Stimme aus. Er klingt dann ein wenig wie der Fußballreporter Herbert Zimmermann in der Radioübertragung des WM-Finales von 1954.
Gabriel beschimpft "BWL-Yuppies" und Journalisten. Er ätzt gegen Merkels Regierungserklärung und ihre Eigendefinition von "Mitte". Aber vor allem baut er seine eigene Partei auf - mit Kraft in der Sprache, aber auch mit Charme, wenn er sich mitten in seiner Rede bei jenen entschuldigt, die von ihm nur den Rücken sehen.
Der Leitsatz seiner Rede steht klein und unscheinbar in der Mitte des Manuskripts: "Kein Gesprächpartner ist zuviel, keine Initiative zu klein, als das wir uns nicht mit ihr treffen sollten." Gabriel will sagen: Parteiarbeit, das wird in den kommenden Jahren Wiederaufbauarbeit sein.
Nachdem er sich zweimal für die Standing Ovations bedankt hat, und die Leute immer noch klatschen, läuft Gabriel runter zur Ehrenreihe, in der Altprominente der SPD sitzen. Ganz rechts Greta Wehner, die Witwe des legendären SPD-Zuchtmeisters, die trotz gesundheitlicher Probleme ins Plenum gekommen war. Daneben Erhard Eppler und Hans-Jochen Vogel. Selbst als ihnen Gabriel die Hand geschüttelt hat, stehen sie weiter da und klatschen. Zum Schluss bekommt er noch von DGB-Chef Michael Sommer einen Knuff gegen die Schulter. So etwas wie der Ritterschlag des Tages.
Die Bundestagswahl mit ihren Rekordergebnissen (Minusergebnisse für CDU und SPD, Positivrekorde für Grüne und FDP) war eine Zäsur: Fast zehn Jahre lang haben sich die Volksparteien immer weiter angenähert. Jetzt grenzen sich die Partnerparteien der Großen Koalition wieder voneinander ab: Der Union ist der Machterhalt gelungen - um den Preis der inhaltlichen Aushöhlung. Die CDU, c'est Angela Merkel. Die SPD stellt im neuen Bundestag so wenig Abgeordnete wie noch nie. Und obwohl auch Sigmar Gabriel seine Kandidatur für den SPD-Vorsitz keineswegs einer basisdemokratischen Bewegung verdankt, kehrt die politische Diskussionskultur langsam in die SPD zurück.
Seit den Schröder-Jahren wurde die Sozialdemokratie "durchregiert". Wenn es im Bundestag knapp wurde, stellte der Kanzler die Vertrauensfrage - und setzte damit seiner Partei die Pistole auf die Brust. "Basta-Politik funktioniert nur, wenn auch abgenickt wird. Basta-Politik ist zuerst Abnick-Politik", sagt der Parteilinke Hermann Scheer treffend.