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14. November 2009, 11:36 Uhr

Gesprächstherapie mit Sigmar

Die SPD hat sich wieder gefunden. Auf dem Parteitag in Dresden haben die Genossen so intensiv wie lange nicht diskutiert - und Sigmar Gabriel konnte diesem Bewusstsein eine Stimme geben. Von Sebastian Christ, Dresden

Zoom
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Tolles Ergebnis für Sigmar Gabriel: Der neue SPD-Chef erhielt auf dem Parteitag 94,2 Prozent der Stimmen© Fabrizio Bensch/Reuters

Der Mann ist ein Phänomen. Schon zu Beginn seiner Rede steht Sigmar Gabriel mit feuchter Stirn am Podium. Er sagt: "Auch ich habe Lampenfieber." Und dann liefert er die Rede seines Lebens. Am Ende steht der ganze Saal: Präsidium, Parteivorstand, und um die Bühne herum im Dreiviertelkreis die Delegierten des Dresdner Parteitags. Sie klatschen ihm zu, man hätte der Partei kaum mehr eine solche Begeisterungsfähigkeit zugetraut. Und in ihrer Mitte wischt sich Gabriel die mittlerweile tropfnassen Haarsträhnen von der Stirn. Er ist blass, wirkt sichtlich erschöpft. Als hätte er gerade gegen ganz große Windmühlenflügel gekämpft - und gewonnen.

In seiner Rede ist Gabriel das quasi Undenkbare gelungen: Trennscharf skizzierte er die Grundzüge eines neuen sozialdemokratischen Selbstbewusstseins. Mehr noch, er zeigte seiner Partei einen möglichen Weg aus der Krise auf. Für jeden Erkennbar. Eine Zukunft, in der die SPD sich wieder erkennbar von anderen Parteien abgrenzt.

"Seit bald 20 Jahren geht ein Gespenst um in Europa - auch in Deutschland: das Gespenst der politischen Mitte. Genauer gesagt der "Neuen Mitte". "Alle reden über sie, alle reklamieren sie für sich, alle meinen sie zu kennen - ohne allerdings genau erläutern zu können, wer oder was denn nun diese Mitte ist", sagte Gabriel. Früher sei die Mitte kein abstrakter Ort gewesen. Sie habe schlicht zu der Partei gehört, die Deutungshoheit über das politische Geschehen erlangt habe. "Die Mitte war links, weil wir sie verändert haben! Die SPD hat sie erobert."

"Kein Gesprächpartner ist zuviel, keine Initiative zu klein"

Beinahe zwei Stunden redet er, 27 Seiten umfasst sein Manuskript. Besonders im hinteren Teil muss er Passagen auslassen, um seinen Vortrag nicht unnötig zu dehnen. Zwischendrin bricht ihm immer wieder die Stimme aus. Er klingt dann ein wenig wie der Fußballreporter Herbert Zimmermann in der Radioübertragung des WM-Finales von 1954.

Gabriel beschimpft "BWL-Yuppies" und Journalisten. Er ätzt gegen Merkels Regierungserklärung und ihre Eigendefinition von "Mitte". Aber vor allem baut er seine eigene Partei auf - mit Kraft in der Sprache, aber auch mit Charme, wenn er sich mitten in seiner Rede bei jenen entschuldigt, die von ihm nur den Rücken sehen.

Der Leitsatz seiner Rede steht klein und unscheinbar in der Mitte des Manuskripts: "Kein Gesprächpartner ist zuviel, keine Initiative zu klein, als das wir uns nicht mit ihr treffen sollten." Gabriel will sagen: Parteiarbeit, das wird in den kommenden Jahren Wiederaufbauarbeit sein.

Ritterschlag vom DGB-Boss

Nachdem er sich zweimal für die Standing Ovations bedankt hat, und die Leute immer noch klatschen, läuft Gabriel runter zur Ehrenreihe, in der Altprominente der SPD sitzen. Ganz rechts Greta Wehner, die Witwe des legendären SPD-Zuchtmeisters, die trotz gesundheitlicher Probleme ins Plenum gekommen war. Daneben Erhard Eppler und Hans-Jochen Vogel. Selbst als ihnen Gabriel die Hand geschüttelt hat, stehen sie weiter da und klatschen. Zum Schluss bekommt er noch von DGB-Chef Michael Sommer einen Knuff gegen die Schulter. So etwas wie der Ritterschlag des Tages.

Die Bundestagswahl mit ihren Rekordergebnissen (Minusergebnisse für CDU und SPD, Positivrekorde für Grüne und FDP) war eine Zäsur: Fast zehn Jahre lang haben sich die Volksparteien immer weiter angenähert. Jetzt grenzen sich die Partnerparteien der Großen Koalition wieder voneinander ab: Der Union ist der Machterhalt gelungen - um den Preis der inhaltlichen Aushöhlung. Die CDU, c'est Angela Merkel. Die SPD stellt im neuen Bundestag so wenig Abgeordnete wie noch nie. Und obwohl auch Sigmar Gabriel seine Kandidatur für den SPD-Vorsitz keineswegs einer basisdemokratischen Bewegung verdankt, kehrt die politische Diskussionskultur langsam in die SPD zurück.

Seit den Schröder-Jahren wurde die Sozialdemokratie "durchregiert". Wenn es im Bundestag knapp wurde, stellte der Kanzler die Vertrauensfrage - und setzte damit seiner Partei die Pistole auf die Brust. "Basta-Politik funktioniert nur, wenn auch abgenickt wird. Basta-Politik ist zuerst Abnick-Politik", sagt der Parteilinke Hermann Scheer treffend.

Seite 1: Gesprächstherapie mit Sigmar
Seite 2: Begeisterungsarmer Abschied für Münte
KOMMENTARE (10 von 15)
 
gsc777 (14.11.2009, 16:39 Uhr)
Lächerlich
Diesen Artikel hat wohl ein Haus- und Hof-Schreiber der SPD geschrieben. Schlimmer gehts nimmer! Da kann man nur rufen: Heiß und fettig. Nur weil der ehemalige POP-Minister eine für ihn geschriebene Rede vorgelesen hat, ist jetzt alles besser geworden. Und die Super-Ilu der Sozis, der STERN, macht daraus eine Ode an die SPD.
Lächerlich. Eine Partei, in der nach einer Niederlage die Verlierer sich die besten Posten sichern - ohne Abstimmung - ist und bleibt ein Sauhaufen.
Glück auf.
mike24121953 (14.11.2009, 13:15 Uhr)
es kann gelingen
Gabriel ist ein echter Lichtblick, Nahles ist unsympathisch, machtbesessen und arrogant und muss noch durch Wowereit ersetzt werden. Auch Altschleimer Steinmeier muss noch durch einen charakterstarken Altmeister ausgetauscht werden, durch Steinbrück.
Wo ist der eigentlich? Hat wahrscheinlich die Schnauze voll, wie damals Lafontaine, sehr schade!
Die ganze damalige Basta Meute muss kaltgestellt werden und die SPD sollte ihren Frieden mit Oskar Lafontaine machen.
Und wenn die SPD jetzt auch wieder soziale Politik macht, dann kann es gelingen!!!
Sternchen2020 (14.11.2009, 12:18 Uhr)
Kalauer der Woche
Das halte ich für den Kalauer der Woche, dass sich die SPD wiedergefunden haben soll, nur weil sie ein paar Stündchen öffentlich diskutiert.

Die Schäden, die diese Partei gesellschaftlich angerichtet hat, sind immens. Viele Menschen wurden in ein fürchterliches Elend verbracht, unzählige Lebensbiografien komplett zerstört.

Es gibt kein pardon dafür, wirklich keins. Solch einer Partei wird das Vertrauen dauerhaft entzogen, nicht nur für wenige Monate.
hardius (14.11.2009, 11:26 Uhr)
Schön, daß sie darüber geredet haben
Der Druck ist raus aus dem Kessel der Delegierten. Oder besser für den Vorstand ist die Kuh vom Eis.
In der Opposition läßt sich jetzt immer schön fordern. Auch gegen eigene "Errungenschaften".
Hartz IV und Rente 67 sind und bleiben Kinder der SPD.
CDU und FDP brauchen sich nicht bemühen, sondern dürfen jetzt abmildern. Das prägt sich ein! Die Arbeitnehmer sehen ihre "Wohltäter" nicht in der SPD. Warum auch?
mramorak (14.11.2009, 11:01 Uhr)
So schnell?
Ja hat diese Partei sich so schnell wieder gefunden - eigendlich zum wievielsten mal? Und Sie schreiben von einem Wiederaufbau. Geht es bei diesem "Wiederaufbau" wie bei dem in Afghanistan, man baut auf und auf und auf und zum 15. mal baut man wieder auf und der feind, wohl schlauer als SPD-Spitze, zerstört immer wieder.
bob-der-meister (14.11.2009, 09:20 Uhr)
Vorsicht ...
... vor Schnellsch(l)üssen:
Die Rede seines Lebens? Heute zehrt keriner mehr länger als vielleicht eine Woche von einer frenetisch bejubelten Rede.
Steinmeier hat zu Beginn des Wahlkampfs auch eine "fulminante" Rede gehalten, und ist kläglich untergegangen.
Ob Gabriel mal Lehrer war oder nicht ist wohl kaum interessant, zumal er diesen Beruf ja nie wirklich ausgeübt hat. Er war schon immer eher Berufspolitiker.
Juristen, Historiker, Betriebswirte und Physiker machen allerdings auch nicht immer eine bessere Figur in ihren politischen Ämtern.
starmax (14.11.2009, 08:34 Uhr)
Und immer noch sind sie was Besseres...
..jeden Falls glauben das diese abgewatschten Vorturner. Beim Kopf beginnt der Fisch zu stinken - auch wenn versucht wird, alte Affären zu übergehen (wie war das noch mit dem VW-Beratervertrag, Sigmar?) Glück gehabt, weil es kaum richtige Staatsanwälte gibt in diesem Land.
An den Lügen ist diese Partei kaputt gegangen - und genauso macht man weiter. Bravo!
Wahrhyde (14.11.2009, 07:48 Uhr)
The return of realism?
Auch gestern gab es wieder einige, die das "Kommunikationsproblem" vorschoben, von dem Drohsel sprach. Dazu gehörte auch der neue "Freund" von Fraktionsführer, der Aufsteiger Pronold.

Bin sehr gespannt, was Steinmeier heute sagen wird. Mein Tipp: "Die Agenda war klasse und es darf sich nichts ändern." Im Gespräch mit Phoenix deutete er gar den höflichen Lebenswerk-Applaus für Münte als Zustimmung zu dessen politischen Ansichten um, die Millionen Wähler einfach nur noch abstößt.

Mein Highlight des gestrigen Tages, von einem Redner dessen Name ich im Moment nicht greifbar habe: "Ich will nie hören, dass etwas alternativlos ist. Es gibt immer eine Alternative, und die muss diskutiert werden."
-Lea- (14.11.2009, 07:37 Uhr)
Hat sich wieder gefunden?
Na das geht aber schnell, bei einer Partei ohne Inhalt kein Wunder. Wieder gefunden ist da wohl nichts. Die nächste Bundestagswahl wird die endgültige Beerdigung der SPD. Zurecht.
VolkerRockel (14.11.2009, 07:27 Uhr)
Ein große Herausforderung für Sigmar Gabriel!
Zweifelsohne ist die Rückwärtsgewandtheit und die Anhängigkeit einiger GenossenInnen an die eigenen Entscheidungen der letzten Jahre, in Fraktionsspitze wie auch der alten und neuen politischen Führungsriege der partei, die größte Herausforderung die auf Sigmar Gabriel wartet!

Die Tatsache, dass es offensichtlich immer noch GenossenInnen gibt, die sich verweigern die Ursachen des Wahldesasters in ihrem eigenen Handeln zu erkennen, macht die Aufgabe der sich Simar Gabriel stellt nicht einfach!


Es ist also offensichtlich nicht nur eine Orientierungslosigkeit, die die alten Führungsriege der SPD zeitweise befallen hat und dem Wahldesaster vom 27.09.2009 Vorschub leistete; sondern es scheint auch weiterhin eine Art kognitive Dissonanz zu geben, die offenbar den einen oder anderen Spitzenpolitiker in der SPD noch belastet!


Dennoch bleibt festzustellen: Die Wahl des Sigmar Gabriel in den Vorstandsvorsitz ist eine gute Entscheidung, die der SPD weiterhelfen wird!

Und ohne Frage ist eine wiedererstarkte SPD, nach dem was sich in der Koalition von CSU/CSU und FDP auf der Bundesebene an desaströser politischer Ausrichtung abzeichnet, wichtiger denn je für Deutschland!
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