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11. Juli 2009, 18:14 Uhr

Die graue Macht

Sie sind alt, sie sind kampflustig, und sie sind viele. 20 Millionen Wähler zählen 60 Jahre und mehr. Um sie milde zu stimmen, hat die Regierung mitten in der Krise die Renten hochgesetzt. Deshalb balgen sich die Minister Scholz und Steinbrück. Sogar Norbert Blüm schaltete sich in die Debatte ein. Szenen aus einem Land auf dem Weg zur Rentner-Demokratie. Von Franziska Reich

Wählerschaft, Wähler, Rentner, Rentner-Demokratie

"Ohne die Älteren, ob man es begrüßt oder nicht, ist auf Dauer keine Wahl mehr zu gewinnen", sagt Otto Wulff, Chef der CDU-Altenorganisation Senioren-Union© Timmo Schreiber

An diesem schönen Junitag trägt sie ihr hoffnungsgrünes Sakko. Sie hat das James-Bond-Potpourri des Leipziger Musikschul-Orchesters über sich ergehen lassen, sie hat brav die Begrüßungsreden beklatscht, nun tritt sie ans Mikrofon. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Schirmherrin des 9. Deutschen Seniorentages. Zu ihren Füßen sitzen 3000 Rentner im dunklen Saal der Messehalle II. Viele haben die Arme vor der Brust verschränkt.

Sie spricht über die Ehrfurcht einflößende Lebensleistung dieser Rentnergeneration. Stille im Saal. Sie sagt: "Ruhestand ist doch ein falscher Begriff. Man muss sich nur die Reisegruppen angucken. Da gibt es ein hohes Maß an Mobilität!" Stille im Saal. Sie ruft: "Rente muss mehr sein als Grundsicherung. Wir sind froh, dass es in diesem Jahr eine Rentensteigerung gibt. Ich stehe absolut dazu!" Und endlich, endlich murmelt es "Jawoll" und "So ist es". Ein bisschen Applaus plätschert durch die Reihen. Nicht frenetisch, aber immerhin.

Dieses kleine "Immerhin" ist wichtig für Angela Merkel. Es ist wichtig für die Union, die bei der Europawahl 48 Prozent der über 60-jährigen Wähler gewinnen konnte. Es ist wichtig für jeden Politiker, der auf der Jagd nach Stimmen durchs Land zieht. Denn in jedem Gasthof, auf jedem Marktplatz besetzt die Rentnerklientel die Stuhlreihen und freut sich über ein paar wohlige Versprechen, dass die Renten auch in Zukunft sicher sind.

Wichtige Stimmen

Eine graue Macht, die durch schiere Masse unter Politikern Angst verbreitet - und so heimlich über die jüngeren Generationen herrscht. Deutschland ist längst auf dem Weg in eine Rentner-Demokratie. 2006, als zum ersten Mal die Kürzung der Altersbezüge drohte, verabschiedete die Große Koalition eine Sicherungsklausel. Zwei Jahre später setzte sie den Riester-Faktor aus, sonst hätten die Renten auch damals sinken müssen. Und in diesem Jahr, Super-Wahljahr schließlich, steigert man die Renten in einer Höhe, die es seit den 90er Jahren nicht mehr gab: um 2,4 Prozent im Westen, 3,4 Prozent im Osten. Davon können die meisten Arbeitnehmer derzeit nur träumen.

Weltwirtschaftskrise? Haushaltslöcher? Alles egal.

Egal, dass die Rentenkasse eigentlich schon heute pleite ist. Egal, dass sie 240 Milliarden Euro pro Jahr braucht, aber nur 160 Milliarden einnimmt und der Staat den Rest aus Steuermitteln zuschießt - ein Drittel. Dass schon in 20 Jahren zwei Arbeitnehmer für einen Rentner aufkommen müssen. Dass manche Bundesländer heute für die Pensionen der Staatsdiener im Ruhestand so viel aufbringen müssen, dass in ihren Haushalten kaum noch Geld übrig ist für Schulen oder neue Straßen. Dass die jüngeren Arbeitnehmer nicht mehr auf eine auskömmliche Rente hoffen können, sondern selbst vorsorgen müssen. Alles egal.

Die Jüngeren mögen die Wirtschaft am Laufen halten, das Bruttosozialprodukt und damit auch die Renten erarbeiten, aber die wichtigste Zielgruppe im Kampf um die Macht sind längst die Wähler jenseits der 60. Die Generation Silber. S-Klasse. Best-Ager. Die wissen das auch nur zu gut. "Ohne die Älteren, ob man es begrüßt oder nicht, ist auf Dauer keine Wahl mehr zu gewinnen", sagt Otto Wulff, Chef der CDU-Altenorganisation Senioren-Union, "Die Älteren spüren das und werden sich mehr und mehr ihrer Macht bewusst." Mit unverhohlenem Vergnügen beobachtet er, mit welch wachsendem Feuereifer sich die Parteistrategen Gedanken um seine Altersgenossen machen. Mit 20 Millionen Stimmen stellen die Senioren schon heute ein Drittel aller Wähler. Und ihr Gewicht ist noch größer, weil sie brav hingehen. Bei der Bundestagswahl 2005 gaben 85 Prozent der 60- bis 70-Jährigen ihre Stimme ab - sieben Prozent mehr als die Deutschen im Durchschnitt.

Wachsende Wut

Eine einfache Formel: Keine Alten - keine Macht.

Das Blöde für Wahlkämpfer ist nur, dass sich die Rentner in letzter Zeit gern ein bisschen zickig anstellen. "Die Politiker der etablierten Parteien müssen aufpassen. Die Wut bei uns ist groß", sagt Helmut Polzer, "so groß, wie ich es mir nie erträumt hätte."

Eigentlich ist Helmut Polzer ein echter Vorzeigerentner - mit traditioneller Liebe zur CSU. 71 Jahre alt. Ehemaliger Finanzbeamter. Reihenhaus in Egmating, ordentlich gestutzter Rasen, gepolsterte Sitzecke in der Küche, liebe Enkel. Doch mit jedem Jahr, das er seit seiner Verrentung untätig verbringen musste, wurde er wütender. Bis er vor zwei Jahren einen Zeitungsartikel las. Überschrift: "Sie streichen uns den Lebensabend".

An diesem Tag griff Helmut Polzer zum Stift und verfasste einen glühenden Leserbrief: "Ja, es wird höchste Zeit, dass die charakterlosen Jasager-Politiker in die Hartz-IV-Abgründe gewählt werden, damit sie unter uns älteren Semestern, die zu Almosenempfängern degradiert werden, keinen weiteren Schaden anrichten können."

Eine Rentner-Partei wird geboren

In den Tagen nach Erscheinen im "Münchner Merkur" stand das Polzersche Telefon nicht mehr still. "Sie müssen was tun!", riefen die Alten in den Hörer. Und: "Gründen Sie eine eigene Partei!" Und also gründete der brave Herr Polzer die Rentnerinnen und Rentner Partei (RRP) - und bekämpft seither das "marode System".

Weist man Herrn Polzer hin auf die überplanmäßige Rentenerhöhung zum 1. Juli, dann ruft er: "Das ist doch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein! Wir sind über Jahre geschröpft worden!" Und fragt man ihn, ob er sich nicht freue über null Prozent Inflation, dann schnauft er: "Ach was! Was wissen wir denn, was da an Inflation noch alles auf uns zukommt!"

Nein, so einfach lässt sich Herr Polzer nicht mehr beruhigen. Hunderte Stunden seines Rentnerlebens verbringt er auf hitzigen Veranstaltungen in vollbesetzten Gasthäusern. Da erklärt eine alte Dame in dunkelbraunem Kostüm mit schüchternem Flüstern: "Ich habe immer CSU gewählt. Wenn das hier nichts wird mit der Rentnerpartei, dann wähle ich die Linken. Hauptsache, Protest." Da beschwert sich ein schwitzender Mann mit dunklem Grollen: "Wir sind so viele, und trotzdem hört keiner auf uns!"

Gefühlte Ungerechtigkeit

Teurere Pflegeversicherung, Senkung von Sozialabgaben, von denen sie nicht profitieren, Arztleistungen, die nicht erstattet werden, und noch immer dieser verhasste Euro! In jedem Saal trifft Helmut Polzer auf empörte Wähler. Alle über 60. Alle auf 180.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 28/2009

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