VG-Wort Pixel

Norbert Blüm wird 75 "Ich bin nun mal keine Flasche"


Gute Sprüche hat er bis heute drauf und die Aussage "Die Rente ist sicher" hängt Norbert Blüm noch immer an. An diesem Mittwoch wird Blüm 75.

Die vier Worte werden Norbert Blüm wohl immer anhängen: "Die Rente ist sicher", lautete der Slogan, mit dem der CDU-Politiker als Bundesarbeitsminister jahrelang gegen die Angst vor Altersarmut zu Felde zog. Mit seiner Renten-Äußerung handelte sich Blüm beim politischen Gegner zwar den Vorwurf der Lüge ein, doch auch vor seinem 75. Geburtstag am Mittwoch bereut der Ex-Minister den umstrittenen Satz nicht: Die gesetzliche Rentenversicherung sei immer zuverlässig gewesen, "und deshalb verteidige ich sie", sagte Blüm jüngst im Hessischen Rundfunk - auch wenn diese Haltung den Lobbyisten der privaten Versicherungswirtschaft nicht passe.

Klein beigeben war nie die Sache des gelernten Werkzeugmachers Blüm, der lange Jahre als soziales Aushängeschild der CDU galt und von 1982 bis 1998 Arbeitsminister in den Kabinetten des damaligen CDU-Kanzlers Helmut Kohl war. Der in Rüsselsheim geborene Sohn eines Kraftfahrzeugschlossers und Busfahrers musste sich seine Erfolge stets hart erarbeiten. Das Abitur holte Blüm am Abendgymnasium nach, nachdem er seine Handwerkerlehre bei der Adam Opel AG absolviert hatte. Geld verdiente er später als Bauarbeiter, Lkw-Fahrer, Kellner und Kunstschmied in der Türkei. Als Stipendiat studierte der überzeugte Katholik schließlich unter anderem Philosophie, Germanistik und Theologie, 1967 promovierte er mit einer philosophischen Arbeit.

Schon 1949 war Blüm in die IG Metall eingetreten, 1950 wurde er Mitglied der CDU. In der Union engagierte er sich von Anfang an in der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft. Als Vertreter des linken CDU-Flügels bekam Blüm heftigen Gegenwind aus konservativen Parteikreisen - vom damaligen CSU-Chef Franz Josef Strauß musste er sich die Bezeichnung "Herz-Jesu-Marxist" gefallen lassen. "Darauf bin ich richtig stolz", bekannte Blüm zuletzt in der "Märkischen Allgemeinen". "Mit dem Vornamen 'Herz-Jesu' ertrage ich jeden Zunamen." Im übrigen sei er "ganz entschieden der Ansicht, dass Etiketten auf Flaschen gehören, und ich bin nun mal keine Flasche".

Blüm galt stets als Verfechter sozialstaatlicher Grundsätze, der in der langen Tradition des sozialen Friedens hierzulande auch einen Standortfaktor für die deutsche Wirtschaft sah. Eng verbunden ist sein Name zudem mit der Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung 1995. Die Pflegeversicherung habe eine "Infrastruktur von Pflegediensten geschaffen und seitdem schon vielen Menschen geholfen", resümierte Blüm jüngst im "Sonntags-Express".

Die Abwahl Kohls 1998 markierte auch den Anfang vom Ende der parteipolitischen Karriere Blüms - der verheiratete Vater zweier Töchter und eines Sohnes zog sich in der Folgezeit schrittweise aus der Politik zurück. Als Blüm 2002 aus dem Bundestag ausschied, hatte sich der Mann mit der Nickelbrille und der spitzen Zunge schon lange mit seinem früheren Chef Kohl überworfen: Weil der Alt-Kanzler in der CDU-Spendenaffäre vom Jahreswechsel 1999/2000 hartnäckig zur Herkunft der Gelder geschwiegen hatte, hielt ihm sein ehedem treuer Gefolgsmann Blüm damals parteischädigendes Verhalten vor.

Sein Krach mit Kohl sei "sehr schade" gewesen, bekannte Blüm im "Sonntags-Express", "aber ich hatte keine Chance, das anders zu machen". Er habe Kohl geschätzt und schätze ihn immer noch als großen Staatsmann, stellte Blüm zwar klar. "Doch in Sachen Parteispenden war ich anderer Meinung als er, und darüber ist unsere sehr enge Freundschaft zerbrochen. Ich kann aber nicht aus Freundschaft sagen, dass zwei mal zwei fünf ist. Ich habe gesagt, das ist vier, und das wollte er nicht einsehen."

Auch nach seinem Abschied aus der Politik blieb Blüm in der Öffentlichkeit präsent, unter anderem durch seinen Einsatz für Kinderrechte, als Autor von Märchenbüchern und als Hochschullehrer. Auch an seinem Geburtstag will Blüm eine Vorlesung halten: Am Mittwoch spricht der dann 75-Jährige an der RWTH Aachen zum Thema Gerechtigkeit und christliche Soziallehre.

Richard Heister, AFP (mit DPA)

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker