VG-Wort Pixel

Dringender Reformbedarf Fünf Forderungen an die neue Regierung: Was in der Pflege jetzt passieren muss

Pflege Bundestagswahl: Eine Pflegekraft auf Hausbesuch
In den Krankenhäusern, Heimen und bei den ambulanten Diensten herrscht ein enormer Pflegenotstand – dabei brauchen wir alle gute Pflege. Früher oder später.
© sanjeri / Getty Images
Fachkräftemangel, wenig Wertschätzung, kaum Zeit für Menschlichkeit: In der Pflege warten große Baustellen auf die kommende Bundesregierung. Hier sieht die stern-Redaktion den größten Handlungsbedarf. 

Das gab es noch nie in der Geschichte des Deutschen Fernsehpreises. Auf der großen Bühne nehmen zwei junge Pflegefachkräfte die heiß begehrte Auszeichnung für die ProSieben-Doku "Joko & Klaas – Live: Pflege ist #NichtSelbstverständlich" entgegen. Das verleiht einem Beruf Glamour, der so systemrelevant ist wie kaum ein anderer. Gut so, denn Nachwuchs wird dringend gebraucht. Alltag heißt für Pflegekräfte oft: Sie sind geplagt von chronischem Stress, arbeiten auf unterbesetzen Stationen und fürchten, sich nicht ausreichend um Patienten und Bewohner kümmern zu können, ja ihre Gesundheit und ihr Leben zu gefährden. Bis zu 500.000 Pflegefachkräfte werden im Jahr 2030 fehlen.

Die Intensivpflegefachkraft und Influencerin Franziska Böhler gibt in dem neuen Format #Voxstimme einen düsteren Ausblick auf das Jahr 2030. "Das Traurigste ist, dass Sie zum Ende Ihres Lebens höchstwahrscheinlich alleine sein werden. Wir können uns nicht um Sie kümmern. Dabei ist eigentlich genau das unser Job." Wir werden also vielleicht in den Armen von Pflegerobotern sterben, oder aber in unseren letzten Jahren von unseren überlasteten Kindern, Ehepartnern oder Geschwistern gepflegt werden – die verzweifelt versuchen, nebenher genug Geld zu verdienen. Fast jede(r) zwanzigste Deutsche wird Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums zufolge im Jahr 2030 pflegebedürftig sein.

Selbst die Corona-Pandemie änderte wenig. Noch immer fehlt den Politikerinnen und Politikern die Einsicht, dass sich unser Gesundheitssystem fundamental ändern muss, damit die Pflege profitiert. Gefordert hat der stern dies schon vor zwei Jahren im Ärzteappell, Anfang dieses Jahres mit der Bundestagspetition Pflege und zuletzt in der Serie "Neustart Deutschland: Das stern-Wahlprogramm" , die sich direkt an die Politik wandte. Auch Pflegende, etwa die Organisatoren des "Walk of Care", machen auf die Probleme aufmerksam – mit Demonstrationen vor dem Bundesministerium für Gesundheit und Aktionen wie "#gibuns5". 

Im Vorfeld der Bundestagswahl hat der stern fünf eigene Kernforderungen an die künftige Bundesregierung formuliert – damit wir alle am Ende unseres Lebens nicht alleine sein werden. Damit uns dann, wenn es uns schlecht geht, auch künftig Pflegekräfte zur Seite stehen. 

1. Radikale Entlastung und Aufwertung der Pflegeberufe 

Die Geringschätzung des Pflegeberufs hat eine lange Tradition. Als im Jahr 1832 die Krankenpflegeschule an der Charité eröffnet wurde, suchte man Bewerber, die lesen konnten, damit sie die Medikamente für die äußere und innere Anwendung nicht verwechselten. 160 Jahre später noch glaubte der damalige Sozialminister Norbert Blüm, alles, was man für den Pflegeberuf brauche, sei "ein gutes Herz und eine ruhige Hand". Das war in den 80ern, als sich in vielen Krankenhäusern noch Nonnen, Novizen und Klosterbrüder für Gotteslohn aufopferten. 

Dieser scheinbaren Logik folgend sparten die Krankenhäuser und Heime über viele Jahrzehnte am Pflegepersonal, sie wurden als reiner Kostenfaktor, nicht als Gewinnbringer betrachtet. Mit drastischen Folgen: Mindestens 40.000 Stellen müssten Schätzungen des Deutschen Pflegerats zufolge an Kliniken besetzt werden, in der Altenpflege laut einem Regierungsgutachten 120.000. 

Diejenigen, die jetzt als Auszubildende antreten für unsere Zukunft in Würde, brauchen jetzt gute Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten, damit nicht – wie in den vergangenen Jahren der Fall – ein Drittel während der Ausbildung abspringt. In Nachbarländern wie Schweden oder den Niederlanden ist der Beruf längst akademisiert, weil man erkannt hat, welche fundamentale Rolle eine hochqualifizierte Pflege für die Gesundheit und das Überleben von Patientinnen und Patienten, Bewohnerinnen und Bewohnern hat. Die Perspektive darauf, nach einer langen Ausbildung und Studium irgendwann auf Augenhöhe mit Ärztinnen und Ärzten eigenverantwortlich arbeiten zu können, und zwar nicht nur im Management, sondern auch am Krankenbett, würde viele junge Menschen in den Beruf locken, die heute Pflege nicht in Erwägung ziehen.

Ebenso braucht es nach oben Perspektiven. Wer in der Pflege arbeitet, muss die Aussicht haben aufzusteigen und gutes Geld zu verdienen. Das ist heute oft nicht der Fall. Hoch qualifizierte Pflegefachkräfte, die fünf bis sieben Jahre Ausbildung oder Studium hinter sich haben, verdienen oft netto nur einige hundert Euro mehr als Berufsbeginner. Insgesamt sind die Pflege-Gehälter lächerlich gering für die hohe Verantwortung, vor allem in der Altenpflege, wo sie nochmal monatlich im Schnitt 500 Euro niedriger liegen als in der Krankenpflege. In einem radikal umgebauten Gesundheitssystem (siehe Forderung 5) wird es möglich sein, Pflegekräfte endlich angemessen zu bezahlen.

Am allerwichtigsten aber ist, den chronischen Personalnotstand sofort und mit allen Mitteln zu bekämpfen, denn er treibt die Pflegekräfte in Massen aus dem Beruf. Dafür gibt es valide Personalbemessungsinstrumente, die in der vergangenen Legislaturperiode entwickelt wurden, deren Einführung sich jedoch aus unerfindlichen Gründen abermals verzögert hat. Um es konkret zu machen: Der CDU-Politiker Jens Spahn wollte nicht. Das ist sein größtes Versagen in der Pflegepolitik. Wer immer das Amt von ihm übernimmt, muss hier sofort handeln. 

2. Die Pflegekosten begrenzen

Als Norbert Blüm 1995 die Pflegeversicherung durchsetzte, hatte er ein großes Ziel. Er wollte Hilfsbedürftige von den Pflegekosten entlasten, die Menschen sollten nicht mehr verarmen, wenn sie zum Pflegefall wurden. Wen früher dieses Schicksal traf, endete oft beim Sozialamt. Etwa 80 Prozent aller Pflegebedürftigen bezogen damals Sozialhilfe. Die Pflegeversicherung änderte das.
Doch in den letzten Jahren sind die Kosten für die Heimbewohner kräftig gestiegen. Die Hilfsbedürftigen zahlen nicht nur für Miete und Verpflegung, sondern auch für Investitionen (damit das Heim erneuert wird), für die Ausbildung (damit es Azubis gibt) und einen Teil der Pflegekosten (weil die Pflegeversicherung nicht alles übernimmt). Im Bundesdurchschnitt trägt der Bewohner oder die Bewohnerin im Monat 2125 Euro.
Das ist viel Geld, da die durchschnittliche Rente im Westen für Männer bei 1169 Euro (Osten: 1264 Euro) und Frauen 700 Euro (Osten: 1033 Euro) liegt. Klar haben manche etwas gespart, aber viele Deutsche haben wenig für das Alter zurückgelegt. 
Die Eigenanteile können aber in den nächsten Jahren kräftig steigen. Werden etwa Pflegekräfte besser bezahlt – etwa wegen eines neuen Tarifvertrags – zahlen die Mehrkosten vor allem die Heimbewohner. Die Pflegeversicherung übernimmt, wie gesagt, nur einen festgelegten Teil der Kosten. Den Rest muss der Bewohner schultern, und so stieg der Eigenanteil in manchen Heimen über Nacht um 500 oder 600 Euro im Monat.
Das können aber immer weniger Hilfsbedürftige übernehmen, und so beantragen sie Sozialhilfe. Innerhalb von drei Jahren stieg die Quote um 1,6 Prozentpunkte auf 33,1 Prozent aller Bewohner. Die große Koalition hat vor kurzem zwar noch beschlossen, den Heimbewohnern zu helfen, mit speziellen Zuschüssen. Doch diese Hilfen nutzen nicht allzu viel. Denn in den nächsten Jahren sollen zehntausende Pflegekräfte neu eingestellt und besser bezahlt werden. Entsprechend kräftig werden die Eigenanteile steigen.
Sinnvoller wäre es einen sogenannten "Pflege-Deckel" einzuführen. Das heißt: Der Einzelne zahlt einen bestimmten Anteil der Pflegekosten selbst, also etwa 600 Euro, den darüberhinausgehenden Rest übernimmt die Pflegekasse. Steigende Eigenanteile, etwa weil Pflegekräfte besser bezahlt werden, wären dann kein Problem mehr für die Bewohner. Diese Ausgaben müssten die Pflegekassen übernehmen.
Arbeitgeber und Wirtschaftsverbände kritisieren solche Lösungen als finanziell nicht tragfähig, manchmal fällt auch der Begriff vom Erbenschutzprogramm für die Pflegeversicherung. Doch diese Kritik führt in die Irre. Zunächst tragen die Menschen auch weiterhin hohe Kosten, weil sie ja für Miete, Verpflegung, Investitionen, Ausbildung und einen Teil der Pflege weiterzahlen. Der "Deckel" verhindert nur, dass die Lasten für den einzelnen untragbar werden. Zum Sozialstaat gehört schließlich ein Leben in Würde, auch im Alter. Wer sein ganzes Leben hart gearbeitet werden, darf im Alter nicht zum Sozialfall werden. Das war der Anspruch der Pflegeversicherung. Wir sollten ihn nicht vergessen.

3. Wir brauchen eine Pflegebürgerversicherung

Privatversicherte zahlen heute weniger Pflege-Beiträge als Kassenpatienten. Das hat nichts damit zu tun, dass sie bessere Leistungen erhalten – sollten sie mal zum Pflegefall werden. Die Unterschiede hängen mit den verschiedenen Risikogruppen zusammen. Privatversicherte sind in der Regel gesünder, reicher und fragen weniger Leistungen nach. Deshalb zahlen sie weniger.
Doch um die steigenden Kosten in Zukunft zu meistern, muss die Finanzbasis erweitert werden, sonst gerät das System in eine Schlagseite. Eine Pflegebürgerversicherung würde diese Schlagseite verhindern. Experten wie der Pflegeexperte Heinz Rothgang halten das für nötig, und verweisen auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das eine faire Lastenverteilung in der Pflegeversicherung fordert.
Eine solche Pflegebürgerversicherung wäre für sehr viele Menschen ohne Probleme tragbar. Viele Kassenversicherte würden laut Berechnungen von Rothgang zwischen fünf und zehn Euro mehr im Monat zahlen, bei Privatversicherten wären es 15 bis 75 Euro – wenn sie reich sind. Das sind keine übermäßigen Kosten, insbesondere für die Reichen dieses Landes, die in den vergangenen Jahren ihr Vermögen aufgrund der guten Börsenentwicklung kräftig steigern konnten. Für eine gute und faire Pflege sollten sie ihren Beitrag leisten, starke Schultern können mehr tragen als schwache.  

4. Mehr Unterstützung für pflegende Angehörige

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts werden mehr als die Hälfte aller Pflegebedürftigen in Deutschland durch ihnen nahestehende Personen versorgt: Kinder kümmern sich um ihre Eltern, die Schwester um den Bruder, der Ehemann um die Ehefrau. Pflegende Angehörige leisten einen wichtigen Beitrag für das Gelingen von guter Pflege, sie sind rund um die Uhr im Einsatz, haben nie Urlaub und sind physisch wie auch psychisch starken Belastungen ausgesetzt.

Doch die Wertschätzung für den "größten Pflegedienst Deutschlands", der Schätzungen zufolge knapp fünf Millionen Menschen umfasst, ist gering: Wer häuslich pflegt, muss oft im Beruf zurückstecken und hat im Alter ein größeres Armutsrisiko.

Unter bestimmten Voraussetzungen zahlt die Pflegeversicherung zwar Rentenbeiträge für pflegende Angehörige. Das gilt aber längst nicht in allen Fällen. Hinzu kommt: Die Rentenansprüche für pflegende Angehörige sind eher gering, ein durchschnittlich bezahlter versicherungspflichtiger Job bringt für die Rente mehr ein. Hier braucht es Maßnahmen, die die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf erleichtern, etwa eine Anhebung des Pflegeunterstützungsgeldes oder einen Lohnersatz analog zum Elterngeld.

Die Corona-Pandemie hat zudem vor Augen geführt, wie wichtig schnelle Unterstützung im Krankheits- oder Quarantänefall sein kann. Flexible Angebote zur Kurzzeit-, Tages- und Nachtpflege sind allerdings oft rar gesät, insbesondere im ländlichen Raum. 

Zwischen den Jahren 2011 und 2017 ging die Anzahl an Einrichtungen mit Kurzzeitpflegeplätzen um fast 470 auf 1205 zurück. "Im gleichen Zeitraum sind allein in der häuslichen Pflege 800.000 Menschen mit Pflegebedarf hinzugekommen", schreibt die Interessenvertretung und Selbsthilfe pflegender Angehöriger e.V., "Wir pflegen!". Der Grund für die Zurückhaltung liegt auf der Hand: Die Belegung von Kurzzeitpflegeplätze ist schwer zu planen, das birgt finanzielle Risiken für die Träger.

Pflegenden Angehörigen ist es wichtig, ihre Liebsten auch im Notfall gut versorgt zu wissen. "Wir pflegen!" setzt sich daher unter anderem für ein Förderprogramm zum Ausbau von altersgerechten Kurzzeit-, Tages- und Nachtpflegeplätzen ein. Das Vorhalten von Kurzzeitpflegeplätzen müsse zudem durch eine angemessene Vergütung attraktiv gemacht werden.

5. Umfassender Umbau des Gesundheitssystems 

Das Gesundheitssystem muss auf Prävention umgestellt werden. Denn nur, wenn wir alle gesünder werden, kann der drohende Kollaps aufgehalten werden. Die Gesundheitsberufe werden besser vernetzt, um Alte gesünder und chronische Krankheiten in Schach zu halten. Denn hier tickt eine Zeitbombe: Mehr als jeder zweite in Deutschland leidet an chronischen Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Depressionen, Multipler Sklerose oder Rheuma – nur mit gezielter Prävention, die die eigene Mitarbeit jedes einzelnen, aber auch ständiges Coaching durch Fachkräfte mit hoher Expertise erfordert, kann Pflegebedürftigkeit langfristig vermieden werden.

Es werden kommunale Primärversorgungszentren eröffnet, wo Teams berufsübergreifend zusammenarbeiten. Hochspezialisierte Pflegekräfte koordinieren die Gesundheitsversorgung, sie arbeiten auf Augenhöhe mit Ärztinnen und Ärzten. Die Primärversorgungszentren erhalten stationäre Betten für Menschen, die zu krank für zu Hause, aber zu gesund fürs Krankenhaus sind. Die Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung wird aufgebrochen (sektorenübergreifende Versorgung) – eine Forderung, die seit vielen Jahren in den Parteiprogrammen aller Parteien zu finden ist, nur niemand wagt sich ran.

An den Krankenhäusern müssen die ökonomisch gesteuerte gefährliche Übertherapie sowie Unterversorgung von Patienten gestoppt werden. Dies kann nur gelingen, wenn das auf Profit ausgerichtete Krankenhaus-Abrechnungssystem nach Fallpauschalen abgeschafft wird. Damit diejenigen, die am meisten auf gute medizinische Versorgung angewiesen sind – chronisch Kranke und Pflegebedürftige – nicht länger ein Verlustgeschäft für die Kliniken sind. Gewinne aus dem Gesundheits- und Pflegesektor landen nicht länger bei Großkonzernen, Aktionären oder auch geldgierigen Kommunen, sondern refinanzieren unser Gesundheitssystem. 

Zu guter Letzt braucht es politische Mitsprache aller Gesundheitsberufe und auch der größten Interessengruppe unseres Landes, 83 Millionen Menschen – wir! Denn wir alle werden irgendwann auf Pflege angewiesen sein. Darüber, was uns dann zusteht, das handeln bisher relativ kleine Interessengruppen in politischen Gremien wie dem Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA aus: die Krankenhäuser, die Krankenkassen, die Ärzteverbände.

Tobi Schlegl berichtet über Krankenhauserfahrung: "Das will ich nie wieder erleben"

Für die Pflegekräfte bedeutet das aber auch: Organisiert euch endlich, um politisch an Einfluss zu gewinnen. Ihr seid 1,7 Millionen, Ihr habt viel Macht, nutzt das. Es reicht nicht, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, das hat über Jahrzehnte nichts gebracht. Ihr müsst euch politisch organisieren, um eure Schlagkraft zu stärken. An den Pflegekammern, die euch geringe Monatsbeiträge kosten werden und die viele von euch deshalb nicht wollen, führt leider kein Weg vorbei. Nur so funktioniert Politik. 

Eine so radikale Reform, wie sie jetzt nötig ist, kann nur eine Regierung schultern, die bereit ist, nicht nur die nächste Legislaturperiode, sondern die nächsten Jahrzehnte ins Visier zu nehmen. Gesundheitspolitik muss so langfristig geplant werden wie Klimapolitik. 


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker