Ein Tag mit Gemüsesuppe und Ex-Terroristinnen

20. Januar 2012, 20:15 Uhr

Seit anderthalb Jahren wird in Stuttgart gegen Verena Becker prozessiert, der die Beteiligung am Buback-Mord vorgeworfen wird. Doch der Kampf um die Wahrheit ist längst vorbei. Es geht nur noch darum, irgendwie aus der Nummer rauszukommen. Von Manuela Pfohl, Stuttgart

Verena Becker, Buback-Mord, Stuttgart, RAF, BKA, Bundeskriminalamt, prozess, Oberlandesgericht

Frühere RAF-Terroristin: Verena Becker hat dem Gericht nichts zu sagen

Wollen Sie da rein, oder müssen Sie, fragt der Mann, der den Weg zum Stuttgarter Landgericht weist. Die Antwort, Verena Becker sitze dort auf der Anklagebank und das sei doch spannend, nimmt der ältere Herr mit Schulterzucken hin. "Wer soll das sein?" Der heiße Herbst, die RAF, die "Bewegung 2. Juni", Notstandsgesetze, Straßenschlachten und Gefangenenbefreiungen sind offenbar längst vergessen, wie auch das Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback vom 7. April 1977. An den Zeitungskiosken der Stuttgarter Innenstadt melden die Blätter am Freitagmorgen neue Einzelheiten zur Affäre Wulff und dem Untergang der Concordia. Vom Prozess gegen das Ex-RAF-Mitglied Verena Becker, die am Buback-Mord beteiligt gewesen sein soll, ist nichts zu lesen.

Der Kampf des Staates gegen die linken Staatsbekämpfer, der jahrelang die Öffentlichkeit beschäftigte, ist zu einem juristischen Spiegelfechten geworden, das seit mittlerweile anderthalb Jahren vom Oberlandesgericht Stuttgart geführt wird. Und es interessiert eigentlich kaum noch jemanden, obwohl der Buback-Mord bundesrepublikanische Politikgeschichte geschrieben hat. Immerhin war er der Auftakt der "Offensive 77", mit der die Rote Armee Fraktion seinerzeit eine ganze Anschlagsserie startete. In bislang 72 Verhandlungstagen hat der Staatsschutzsenat versucht herauszufinden, ob stimmt, was der Generalbundesanwalt der 58-Jährigen vorwirft. Nämlich, dass sie entgegen früherer Erkenntnisse, doch an der Schießerei in Karlsruhe beteiligt war, bei der Buback sowie dessen Fahrer und ein Justizwachtmeister ums Leben kamen. Und es geht, zumindest indirekt auch um die Frage, ob Verena Becker nur deshalb jahrelang unbehelligt blieb, weil sie die RAF für den Verfassungsschutz ausspionierte.

Die Suche nach der Wahrheit ist 34 Jahre nach der Tat mühselig. Im März 2011 blockiert das Bundesinnenministerium die Freigabe von Akten des Verfassungsschutzes. Anfang August belastet ein ehemaliger "Bild"-Reporter die Angeklagte. Doch zwei Wochen später wird sie von einem ehemaligen Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) entlastet. Die damals Involvierten widersprechen sich. Manche erinnern sich nicht mehr. Eine Zeugin will partout nicht aussagen, ein anderer kann nicht, weil er inzwischen dement ist und ein dritter fällt ebenfalls aus, weil er bereits verstorben ist. Detailfragen werden gestellt, akribisch seziert und schließlich beantwortet, ohne dass für einen Außenstehenden ersichtlich wäre, wozu das Ganze führt. Zum Ziel jedenfalls nicht, wie es nach der langen Verfahrensdauer scheint. Und: Das Ganze ist noch nicht einmal besonders aufregend für diejenigen Zuschauer, die sich doch ab und an auf der Suche nach den letzten Resten vom heißen Herbst in den Prozess verirren. Es gibt keine mit Sturmmasken ausgerüsteten und schwer bewaffneten Spezialeinheiten, die Verena Becker in den Verhandlungssaal bringen. Keine Einlasskontrollen mit Abtasten und "Hände hoch", nicht einmal Fotografen sind da an diesem Freitag.

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