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8. November 2007, 06:26 Uhr

"Sie war die große Schwester der 68er"

Ulrike Meinhof war Mitbegründerin der RAF und bis zu ihrem Tod einer der führenden Köpfe der Terror-Organisation. Nun enthüllt die Ex-Grüne Jutta Ditfurth in einer Biographie neue Details über das Leben von Ulrike Meinhof. Von Arno Luik

Journalistin, Terroristin und "große Schwester der 68er": Ulrike Meinhof© Archiv Jutta Ditfurth

Sechs Jahre lang hat sich die Frankfurter Publizistin Jutta Ditfurth mit einer der umstrittensten deutschen Frauen des 20. Jahrhunderts beschäftigt: mit Ulrike Meinhof, erst Starjournalistin, dann Terroristin der RAF. Ditfurth versteht ihre Meinhof-Biografie, wie sie in einem stern-Gespräch sagt, als Korrektur an Stefan Austs RAF-Klassiker "Der Bader-Meinhof-Komplex". Aust habe seit gut 20 Jahren eine "inhaltliche Hoheit, nein, ein Monopol auf Meinhof". Ditfurth zum stern: "Meinhofs Leben und Denken werden systematisch verfälscht." Geradezu "grauslig" sei es, wie die meisten Autoren aus Austs Klassiker abschrieben. Sie habe sich die Mühe gemacht, in die Archive zu gehen, die Primärquellen zu studieren, den "heute so beliebten Zeitzeugen zu misstrauen".

Ditfurth, Mitbegründerin der "Grünen", korrigiert das Meinhof-Bild in vielen Punkten: Anders als bisher dargestellt, sei etwa Ulrike Meinhofs Pflegemutter, Renate Riemeck - sie war in den 50ern des vorigen Jahrhunderts eine der wichtigsten Stimmen der Linken in der Bundesrepublik - tief in die Nazi-Zeit verstrickt gewesen. Auch Meinhofs früh verstorbenen Eltern, seien nicht die christlichen Widerstandskämpfer gewesen, wie die Meinhof-Biografen immer schreiben. Ditfurth zum stern: "Werner Meinhof, Ulrikes Vater, war eifriges Mitglied der NSDAP, als Museumsdirektor in Jena hat er 1937 über 270 Kunstwerke für die Ausstellung "Entartete Kunst" ausgeliefert, darunter fast das gesamte grafische Werk Ernst Ludwig Richters." Ein halbes Jahr danach beging Richter, einer der wichtigsten Expressionisten, Selbstmord.

Deutsche Geschichte in einem Leben verdichtet

Für Ditfurth verdichtet sich in Meinhofs Leben "deutsche Geschichte - die Zeit des Faschismus, die Adenauer-Ära, die jugendliche Subkultur der 50er und 60er Jahre".

Politisiert worden sei Meinhof in den 50er Jahren. Ditfurth: "Es heißt immer, die Adenauer-Jahre seien dumpf gewesen, so eine Art Biedermeierzeit. Unsinn. Es war eine höchst lebendige Zeit - mit Demos gegen die Einführung der Bundeswehr, gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr". Und als in Essen 1952 ein junger Arbeiter bei einer Demonstration von der Polizei erschossen worden sei, habe das die junge Meinhof politisiert: "Sie war mittendrin in diesen Auseinandersetzungen", und sie war auch bald eine Wortführerin: "Auf einem Atomkongress lieferte sich die 24-jährige Meinhof mit dem 40-jährigen Helmut Schmidt eine Redeschlacht, so dass der fluchend und frustriert davonlief".

1958, so Ditfurth, sei Meinhof in die illegale KPD eingetreten, auf Wunsch der Partei habe sie ihr Studium abgebrochen, um für "Konkret" zu schreiben.

"Enormen Einfluss auf das Denken vieler Leute"

In den 60ern war Meinhof eine Starjournalistin, neben Augstein (Spiegel) und Sebastian Haffner (stern), der angesehenste Kolumnist im Land. Mit ihren Artikeln und Hörfunkfeatures, so Ditfurth, habe Meinhof "enormen Einfluss auf das Denken vieler Leute gehabt". Sie sei zur "großen Schwester der APO, der 68er" geworden.

Am 14. Mai 1970, als Meinhof an der Befreiung von Andreas Bader teilnahm, ging die Starjournalistin in den Untergrund - einen Tag später war sie Staatsfeind Nummer eins. Aber anders als bisher dargestellt, sei Meinhofs Schritt in den Untergrund und bewaffneten Kampf kein Zufall gewesen. Schon 1969 habe sie - bisher unbekannt - Geld besorgt für "Sprengstoff, um im Hamburger Hafen, wo Blohm und Voss Kriegsschiffe für Portugal baute, das einen Kolonialkrieg in Afrika führte, in die Luft zu jagen. Am 13. Oktober explodierte die Bombe".

Zwei Jahr lang war Meinhof im Untergrund, 1972 wurde sie nach Anschlägen unter anderem auf US-Militäreinrichtungen mit vier Toten und 24 Verletzten, einem Anschlag auf das Springer-Hochhaus mit 17 Verletzten geschnappt. Festgenommen wurde sie in der Wohnung eines linken Lehrers in Hannover. Der hatte die Polizei informiert - nachdem er sich von Oskar Negt hatte beraten lassen. Professor Negt - Freund und später Berater von Kanzler Gerhard Schröder - riet ihm, zur Polizei zu gehen, es gebe "keine Zwangssolidarität".

Am Sonntag den 9. Mai 1976 fand man Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle in Stammheim. Bei ihren Recherchen stieß Ditfurth nun auf ein verstörendes Foto der toten Meinhof, das der stern nun veröffentlicht. Bisher sah man die tote Meinhof nur bis zu den Oberschenkeln. Nun sieht man sie ganz. Am Fensterkreuz, ihr linker Fuß auf einem Stuhl.

Der neue stern ...

Der neue stern ... ... veröffentlicht das ausführliche Gespräch mit Jutta Ditfurth und zeigt viele unbekannte Fotos von Ulrike Meinhof.

Das Buch

Das Buch "Ulrike Meinhof. Die Biographie" von Jutta Ditfurth erscheint im Ullstein-Verlag, ISBN-10: 3550087284, ISBN-13: 978-3550087288, und kostet 22,90 Euro

Von Arno Luik
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
JackintheBox (18.11.2007, 14:17 Uhr)
Ich möchte anmerken,...
dass ich den Tonfall des Ditfurth-Interviews zum selben Thema mehr als merkwürdig finde. Damit meine ich nicht nur Frau Ditfurths Aussagen, sondern auch die Fragen und Kommentare des Stern.
War es nicht möglich, sich dem Thema einigermassen sachlich zu nähern, liebe(r) Reporter?
Zum Thema "Freiheit durch Gewalt": Gut, die Amerikaner haben sich ihre Freiheit also durch Gewalt erkämpft. Die Kanadier nicht. Haben die Kanadier deshalb heute weniger parlamentarische Demokratie als die US-Amerikaner?
Was ist mit den Schweizern? Zählen Sie Bauernrevolten im Mittelalter mit?
Was ist mit Osteuropa, wo sich mit einer einzigen Ausnahme (Rumänien) ganze Völker ohne Gewalt erfolgreich gegen kommunistische Diktaturen durchgesetzt haben? Was ist, nicht zuletzt, mit den Ostdeutschen, die das auch geschafft haben?
Was soll also dieses pauschale Gewaltgeseiere?
Es geht auch ohne.
Schwarzenegger (09.11.2007, 15:19 Uhr)
@JoeSkelleton
Da haben Sie mal wieder recht. Die BRD der 70er Jahre war sicher keine Diktatur, trotz den alten Ex-NS-Funktionären wie Schleyer in ihren Reihen. Dafür hat der Westen (und darin enthalten auch die BRD) für hässlich viele Diktaturen und Kriege weltweit gesorgt. Fast gesamt Lateinamerika, Afrika aber auch die arabischen Staaten wurden von Despoten geführt, die vom Westen eingesetzt und untertsützt wurden. Dort wurde geschossen und gefoltert. Aus Deutschland flossen Geld, Waffen und Stillschweigen. Vielleicht hat die RAF ja international und damit da dagegen gekämpft? Was meinen Sie? Schönen Tag noch.
JoeSkeleton (09.11.2007, 10:38 Uhr)
@Schwarzenegger
was soll das denn heissen? Hat die RAF etwa gegen eine Diktatur ihr Gewaltpotential eingesetzt? Haben sie nur "Bonzen" in die Luft gesprengt? Waren da nicht auch Opfer,die nur zum verkehrten Zeitpunkt am falschen Ort waren? Wofür hat die RAF gekämpft? Gegen den Rechtstaat,gegen die Demokratie.So seh ich das.Die hat der blanke Hass getrieben,auf alle,die ihren wirren politischen oder ideoligischen Überzeugungen nicht teilten.
Wie Sie schon richtig bemerkten,es gibt selten eine friedliche Revolution (mal abgesehen z.B.von der Freiheitsbewegung in der DDR),schon garnicht in einer Diktatur.Aber die hatten wir auch in den 1970ern nicht.Und jedem,der meine Art von Freiheit nicht schätzt,oder meine Denkensweise nicht unterstützt,eine geladene Pistole an die Schläfe zu setzen um ihn mit Waffengewalt auf meine Seite zu zwingen,wird niemals der richtige Weg sein.Die Menschheit enwickelt sich weiter,wir leben nun mal nicht mehr im Mittelalter,auch Sie nicht.Vergleiche zu ziehen zwischen der französischen Revolution und der RAF ist zynisch und unpassend.
Schwarzenegger (09.11.2007, 00:24 Uhr)
@JoeSkeleton
Hervorragend, sie nehmen Teil an der staatstragenden Mehrheitsmeinung. Da haben sie sicher recht - nur möchte ich Typen wie Ihnen lieber nicht Im Dunkeln einer Diktatur begegnen.
max2006 (08.11.2007, 21:28 Uhr)
Schreibfehler?
Sollte das nicht `die Grosse Schwester` heissen?
JoeSkeleton (08.11.2007, 20:34 Uhr)
is ja wohl krank...
hier auch nur den Hauch einer Entschuldigung oder Rechtfertigung für die RAF zu suchen,indem man Greueltaten Anderer vorschiebt.Diese Bande hat für mich nichts,aber rein garnichts Heroisches an sich,und es gibt sehr wohl Menschen die einfach nur schlecht und böse sind.Wenn eine Eva Hermann Vergleiche mit dem Nazi-Regime und heute zieht,ist der Aufschrei gross und Hermann überall unten durch.
Diese Glorifizierung dieser nur auf Terror ausgerichteten Leute ist echt nur noch krank
tufang (08.11.2007, 19:50 Uhr)
NESE
Ich stimme deine Meinung zu !! das ist halt unsere Problem in dieser Gesellschaft in 50 Jahren wurden Nazis Salonfähig gemacht in den neuenzigen die Stasis geschweige den die Rolle der PKK !!
Aber gegen RAF hat man immer irgend etwas ob es Beganidigung ist oder Biografie die dürfen nicht resozialisiert werden!!
TG
TG
nese (08.11.2007, 19:24 Uhr)
Vergleich mit RAF und anderen Terror-Organisationen
Wir scheinen uns darüber einig zu sein, daß die RAF eine ‚Terror-Organisation’ war, weil sie Gewalt verbreitet hat. Wenn aber Vereinungen andere Länder terrorisieren, ist man da nicht mehr so sicher, ob es nun wirklich Terroristen sind, die da herumbomben und unschuldige Menschen töten. Ein Beispiel dafür ist die PKK. Die deutschen Medien bezeichnen diese Gruppierung als ‚Kurdische Arbeiterpartei’ oder ‚Kurdische Rebellen’ und verharmlosen dadurch die Taten, die sie begehen. Wörter wie 'Terror-Organisation', 'gemeine Verbrecher, Mörder' tauchen in diesem Zusammenhang nicht auf.
Schwaebin (08.11.2007, 18:35 Uhr)
@Schwarzenegger
Allgemein betrachtet haben sie schon Recht. Aber die Beispiele die sie anführen, richteten sich ja gerade gegen Gewaltherrschaft und Terror der "Obrigkeit", siehe Bsp. Franz. Revolution, sowie Bauernaufstände.
undjetztnochder (08.11.2007, 18:19 Uhr)
@Schwarzenegger
Mit Ihren Argumenten - die ja auf den ersten Blick durchaus einiges für sich haben - begeben wir uns auf gefährliche Terrain. Wer soll denn dann bitteschön festlegen, wann Gewalt "gut" und wann "schlecht" ist? Die Gewalttäter selbst? Ist islamistischer Terror gerechtfertigt? - aus Sicht der Islamisten ja, es geht doch um eine gute Sache, den Islam. Waren die Hexenverbrennungen gerecht? - aus Sicht der Inquisition ja, es war doch der Kampf gegen den Teufel. War der Naziterror "gut"? - aus Sicht der Naszis ja, er richtete sich doch gegen Untermenschen, gegen die Feinde des Volkes. War der deutsche Terror in den 70gern "gut"? - aus Sicht der Terroristen ja, richtete er sich doch gegen einen verbecherischen Staat ... usw. Wenn jeder "seine" Überzeugung mit Gewalt durchsetzt - ist das die Welt, in der Sie leben möchten? Gewalt und Terror trifft immer Unschuldige, und ist damit immer falsch. Es gibt in der Geschichte genügend beispiele von friedlichen Revolutionen, von Ghandi über die Einführung der parlamentarischen Demokratie in vielen europäischen Staaten bis hin zum Fall der DDR. Und nicht zuletzt ist "unsere" Demokratie u.a. eben auch der Versuch, Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Meinungen und Überzeugungen ohne Gewalt durchsetzen zu können.
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