Die Zeiten von "Riese Wiese" sind vorbei

17. September 2012, 10:26 Uhr

Tim Wiese wollte "dauerhaft um Titel mitspielen". In Bremen fehlte ihm dafür die Perspektive. Nach drei Niederlagen in der Liga und dem Pokal-Aus ist klar: Hoffenheim ist die falsche Adresse. Von Jannik Tille

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Er konnte nicht mehr hinsehen: Tim Wiese kassierte gegen Freiburg die Saisongegentore 11 bis 15©

Das hatte er sich alles ganz anders vorgestellt: Tim Wiese wollte zu einem Topverein wechseln. Im Frühjahr dieses Jahres ließ er wissen, er gehe zu einem Verein, "der um Titel spielt und nicht am Hungertuch nagen wird". Die Medien spekulierten wild: Wolfsburg oder Schalke waren heiße Kandidaten. Sogar der spanische Spitzenklub Real Madrid wurde kolportiert.

Es kam anders, denn Wiese ging nach Hoffenheim. In die Provinz. In eine zugegebenermaßen sehr wohlhabende Provinz. SAP-Chef Dietmar Hopp "unterstützt" die TSG 1899 Hoffenheim mit seinem Vermögen. Ein guter Grund für Tim Wiese, sich hier einen neuen Friseur zu suchen.

Unter den Augen von Bundestrainer Joachim Löw erwischte "Riese Wiese" - wie ihn Bremer Fans jahrelang riefen - mal wieder einen rabenschwarzen Tag in der Fußball-Bundesliga. Die 3:5-Niederlage gegen den SC Freiburg war wettbewerbsübergreifend die vierte im vierten Spiel. Der historisch schlechteste Saisonstart der TSG Hoffenheim ist perfekt - und Tim Wiese von seinen "internationalen" Zielen weiter entfernt denn je.

"100% Werder" war einmal ...

Auf der Linie glänzt Tim Wiese oft mit Riesen-Reflexen. Das ist seine Stärke und machte ihn einst zum Nationalspieler. Probleme bekommt er trotz einer Größe von 1,93 Meter beim Abfangen von hohen Bällen. Das stellte er am Wochenende eindrucksvoll unter Beweis: Zweimal hatte Wiese ins Leere gegriffen. Insgesamt fünfmal musste er den Ball aus dem Hoffenheimer Netz holen. Orientierungslos irrte der 30-Jährige durch den eigenen Strafraum. So schlecht sah er bei seinem alten Verein, Werder Bremen, selten aus.

In Bremen hatte Tim Wiese sich einen hohen Status erspielt. Er war ein Kämpfer, der Antreiber und Lautsprecher des Teams. Wiese stellte so etwas wie eine Ikone an der Weser dar. Fast mit Stolz erzählen Bremer Fans von seiner Kung-Fu-Attacke gegen Hamburgs damaligen Stürmer Ivica Olic. Die Fans standen auch in schweren Zeiten zu ihm. Bei seiner "Wiese-Rolle" im Champions-League-Achtelfinale gegen Juventus Turin 2006 flutschte ihm der Ball aus der Umklammerung. Juves Emerson bedankte sich und traf zum 2:1-Siegtreffer in der 88. Minute. Trotzdem applaudierten die Fans Tim Wiese.

Wiese war eine Identifikationsfigur. Er lebte seit 2005 für "seinen" Verein. Stets trug Wiese ein grün-weißes T-Shirt unter seinem Trikot mit der Aufschrift "100% Werder". Auch seinen ungewohnten Modestil verzieh man ihm. Er streifte sich ein rosafarbenes Trikot über und die Fans tauften ihn liebevoll auf den Namen "Pink Panther". Trotzdem suchte er eine neue Herausforderung in Hoffenheim. Und sein erspielter Kredit war schlagartig dahin.

Sackgasse ohne Wendemöglichkeit

Nicht nur beim SV Werder Bremen kann man mittlerweile auf Tim Wiese verzichten. Seine Karriere in der Nationalmannschaft dürfte ebenfalls beendet sein. Angesichts des starken deutschen Torwart-Nachwuchses und seiner derzeit schwachen Leistungen, wird Joachim Löw nicht mehr auf Wiese setzen. Seine einzige Chance international zu spielen, kann also nur bei seinem neuen Verein liegen.

Genau das ist es, was Wiese wollte: "um Titel mitspielen". Beim von vielen Fans in der Bundesliga missgünstig beäugten Retortenklub aus dem Fußball-Niemandsland ist er davon aktuell weit entfernt. Die Silbergasse an der heutigen "WIRSOL Rhein-Neckar-Arena" scheint für Tim Wiese eine Sackgasse zu sein. Ohne Wendemöglichkeit.

Als Kandidat in der Spielshow "Geld oder Liebe" mit Jürgen von der Lippe hätte sich Tim Wiese wohl für Geld und nicht für die Liebe entschieden. Vor Häme befreit ihn aber kein Geld der Welt. Der desaströse Auftritt in Freiburg, war nicht zuletzt auch durch seine beiden Patzer begünstigt. 15 Gegentore in vier Spielen ist die Bilanz eines Absteigers. Das einzig Positive an der jüngsten Niederlage ist: An das Pokal-Aus in der 1. Runde gegen den Viertligisten Berliner AK denkt vorerst niemand mehr.

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