20. November 2008, 03:29 Uhr

Zwei Sieger auf dem Sofa

Die deutsche Nationalmannschaft wurde im ewigen Klassiker gegen England phasenweise vorgeführt. Löws Experiment "Jugend forsch" ging bei der 1:2-Blamage gründlich daneben. Der aus deutscher Sicht so unangenehme Abend brachte vor allem eine Erkenntnis: Ballack und Frings sind für dieses Team unersetzlich. Von Klaus Bellstedt, Berlin

John Terry, englische Nationalmannschaft, Chelsea London

Die schwächste Leistung seit langer Zeit: Die deutsche Nationalmannschaft enttäuschte gegen England auf der ganzen Linie©

Was hatten sie nicht alles wegstecken müssen, die Männer von der Insel. Kein Gerrard, kein Lampard, kein Rooney, dafür Leute wie Upson oder auch Agbonlahor in der Startformation. Aber wer nun dachte, dass sich die "Three Lions" trotz einer besseren B-Mannschaft in Berlin verstecken würde, der sah sich getäuscht. Hübsch lief das Bällchen durch die Reihen der Engländer, das sah alles nach Hand und Fuß aus. Und Deutschland? Das Team von Bundestrainer Joachim Löw fand nie in die Partie, ließ jeglichen Kombinationsfluss vermissen und schien überrascht ob des forschen Auftritts der Engländer. Vielleicht lag es auch an der Aufstellung, dass nach vorne so wenig ging. Mario Gomez fand in der Spitze neben Miro Klose jedenfalls überhaupt nicht statt. Es mutete sowieso reichlich merkwürdig an, dass Löw Gomez den Vorzug vor Leverkusens Topscorer Helmes gegeben hatte. Aber der Schuldige war Gomez nicht allein. Wie ein roter Faden zog sich das deutsche Trauerspiel durch alle Mannschaftsteile.

Die beiden Innenverteidiger Mertesacker und Westermann schossen in neuralgischen Positionen einen Bock nach dem nächsten, und auch auf den Außenpositionen traten Friedrich und Frischling Compper vom Überraschungsteam aus Hoffenheim nicht eben wie zwei Verlässliche auf. Kurzum: Die deutsche Mannschaft wirkte in ihrem letzten Spiel des Jahres, das ja eigentlich ein im Großen und Ganzen zufriedenstellendes Länderspieljahr krönen sollte, total uneingespielt und im Gegensatz zu den Engländern komischerweise auch körperlich nicht in allerbester Verfassung. Vorwürfe, die sich auch Joachim Löw gefallen lassen muss.

Applaus für die deutschen Fußball-Damen

Und wenn dann auch noch der beste Mann, Torhüter Rene Adler, so schrecklich wie in der 24. Minute patzt, dann hilft sowieso nichts mehr. Adler segelte in guter, alter Oliver Reck-Manier an einer Ecke vorbei, Upson bedankte sich artig und schob die Kugel zum 1:0 für die Engländer über die Linie. Der frei nach dem Motto "Jugend forsch" von Löw zusammengewürfelte Haufen sah gegen die Gäste einfach kein Land. Der englische Löwe hatte zugebissen. Und er verbiss sich immer tiefer in seine Beute.

Wie sich die Zeiten doch ändern: Im altehrwürdigen Berliner Olympiastadion spielte die deutsche Nationalmannschaft zuletzt vor etwas mehr als zwei Jahren bei der WM. Im Viertelfinale wurde Argentinien im Elfmeterschießen bezwungen und das Publikum lag den Klinsmännern zu Füßen. Nun, gegen England pfiff man sich nach einer wirklich erbärmlichen Vorstellung die Seele aus dem Leib. Einzig der Pausenauftritt der deutschen Damen-Nationalmannschaft erwärmte die Herzen der Fans: Zwei altgediente Weltmeisterinnen, Renate Lingor und Sandra Smisek, die ihr Karriereende verkündeten, heimsten jedenfalls mehr Applaus ein, als das Herren-Team in 93 Minuten. Muss man mehr sagen?

Ha, Ho, He, Hertha BSC

Auch zur Wechselarie des Bundestrainers in der Pause (Wiese für Adler, Helmes für Klose und Marin für Jones) mochte einem so recht nichts einfallen. Besonders, dass Löw in der zweiten Hälfte an Gomez festhielt, ließ manch verdutztes Gesicht auf der Tribüne zurück. Einen Gefallen tat der Bundestrainer dem mal wieder äußerst unglücklich agierenden Gomez damit nicht. Die 57. Minute diente dazu als Beleg. Löw korrigierte seinen Fehler, wechselte Podolski für Gomez ein, und dieser verließ unter dem höhnischen Applaus der deutschen Fans den Rasen. Diese Reaktion der Zuschauer hätte der Bundestrainer mit einer Pausenauswechslung des Stuttgarters verhindern können.

Aber damit nicht genug der Demütigungen: Mitte der zweiten Hälfte, das Trauerspiel nahm inzwischen ungebremst seinen Lauf, wandte sich das Publikum vollends von der eigenen Mannschaft ab und schrie nach dem Verein, der hier normalerweise seine Heimspiele austrägt: Hertha BSC Berlin. Eine Mannschaft, die nicht unbedingt für Fußball zum Zungeschnalzen steht. Das muss den Nationalspielern einfach weh getan haben. Allein, es änderte nichts an ihrem lustlosen und uninspirierenden Auftritt. Man konnte sich bei Englands Ersatztorwart Scott Carson bedanken, der mit einer Slapstick-Nummer Patrick Helmes den zwischenzeitlichen Ausgleich ermöglichte (63.).

Rolfes kein Ersatz für Frings

Der Fußball-Gott war an diesem Abend aber ausnahmsweise mal nicht auf deutscher Seite, und das war auch gut so! Eine derart miese Vorstellung hätte einfach nicht mit einem Remis belohnt werden dürfen. Dank Englands Skipper John Terry, der kurz vor Schluss nach einem Freistoß per Kopf den Siegtreffer erzielte, fiel jegliche Schönrednerei hinterher Gott sei Dank aus. "England war heute besser. Wir haben heute zu Recht verloren", sagte Löw wohltuend ehrlich. Über die Gründe der Niederlage wollte der Bundestrainer dann lieber nicht sprechen. Konnte man irgendwie verstehen.

Die wichtigste Erkenntnis aus diesem Spiel wurde Löw auch ohne große Reden gnadenlos vor Augen geführt: Die Mannschaft kann - zumindest nicht in den nächsten anderthalb Jahren bis zur WM 2010 - auf die Dienste der beiden Leitwölfe Michael Ballack und Torsten Frings, die den Abend aus bekannten Gründen zu Hause auf dem Sofa verbrachten, verzichten. Löw hatte das vor allem im Fall Frings gehofft. Aber das Spiel gegen England hat es nur allzu deutlich gezeigt: Simon Rolfes kann Frings kämpferisch nicht ersetzen. Und als Leitwolf neben Ballack, der der Bremer ja immer noch ist, taugt der Leverkusener auch nicht.

Löw braucht die alten Recken

Kämpfer und Leitwölfe, genau diesen Typus Spieler hätte es gegen die B-Mannschaft von England, die das Fehlen gleich einer ganzen Handvoll Stars scheinbar mühelos kompensierte, gebraucht. Aber weder Schweinsteiger noch Klose, in Abwesenheit von Ballack und Frings in der Hierarchie ja die eigentlichen Nachrücker, sprangen diesbezüglich in die Bresche. Dass die spielerischen Qualitäten eines Michael Ballack nicht zu ersetzen sind, wusste man schon vorher. Festzuhalten bleibt: Der Umbruch der deutschen Nationalmannschaft mit der Integration vieler neuer und junger Spieler dauert bei weitem länger, als Joachim Löw sich das vorgestellt hat. Noch kann der Bundestrainer nicht auf die alten Recken verzichten.

Von Klaus Bellstedt, Berlin
 
 
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KOMMENTARE (10 von 32)
 
ramteid (20.11.2008, 15:07 Uhr)
Richtig - da sind sie wieder
Sehr gut getroffen. Die vielen Herbergers sterben eben nicht aus. Diese sollten trotz aller Meinungsvielfalt sachlicher argumentieren u. beurteilen. Eine Halbzeit war tatsächlich nicht zum Hinsehen. Mit Marin, Helmes und der Umstellung sah es schon viel besser aus. Gomez hat ähnliche Höhenprobleme wie Podolski. Ruhm u. sicher auch gutes Können in Einklang zu bringen gelingt beiden nicht. Fußballspielen ist kein Showlaufen, da muss man 90 min. arbeiten. Marin, Schweinsteiger, Helmes und einige andere haben es gezeigt. Rolfes hatte keinen guten Tag. Passiert, außerdem war die Engländer ganz gut drauf. Man kann übrigens immer nur so gut spielen, wie es der Gegner zuläßt. Der Ruf nach Ballack und Frings entspringt nur dem Ergebnis und der damit oberflächlichkeit einiger Betrachter. Diese Truppe kommt bzw. ist im kommen. Es wäre schlimm und langweilig, wenn schon vorher feststehen müsste, dass immer nur einer gewinnt und in diesem Fall Deutschland. Solche Ansichten sind etwas für Leute, die sich nur für Randale interessieren. Fussball ist nur der Anlass und nicht nur verbal.
Morgen sind sie schon wieder in Gorleben.
Prato61 (20.11.2008, 14:47 Uhr)
@dudu
Teilweise stimme ich Ihnen zu.
Es macht jedoch einen Unterschied, ob ich evtl. Missstände innerhalb des DFB anspreche, oder ob ich mit meinen Weisheiten an die Presse gehe.
Hier sehe ich große Unterschiede: Ein Ballack ist nämlich viel zu feige, um seinem Trainer direkt ins Gesicht zu sagen, wenn ihm etwas nicht passt. Feige war er schon in Leverkusen, beim FCB und ich kann mir nicht vorstellen, das er beim DFB ein anderes Verhaltensmuster an den Tag legt. Er ist/war immer ein großer Spieler wenn es gegen kleine Gegner ging. Bei großen Gegner, war er der erste, der sich entweder in der Defensive versteckte und mit dummen und überflüssigen Fouls auffiel. In Lothar Matthäus hatten wir den gleichen Typus.
Typen wie Kahn, Effenberg oder früher Netzer, Breitner und Beckenbauer kamen erst so richtig in Fahrt, wenn es gegen namhafte Gegner ging. Das beste Beispiel hierfür ist das CL-Finale 2001 FCB gegen Valencia.
Genau deshalb wird Herr Ballack als der ewige "Vize" in die Geschichte eingehen.

Prato61 (20.11.2008, 14:35 Uhr)
Der wahre Verlierer - das ZDF
Es ist schon schlimm, den gestrigen Grottenkick mental einigermaßen mental zu überstehen. Was aber die ganze Sache noch viel schlimmer macht, ist die Kombination schlechtes Spiel / Bela Rethy / Kerner. Dies ist psychische Vergewaltigung. Gibt es wirklich keine anderen Kommentatoren/Moderatoren beim ZDF.
Ich persönlich kann diese schwachsinnige Prolemik und Phrasendrescherei dieser Herren nicht mehr hören.
Herr Rethy, es reicht, wenn Sie dem Zuschauer einmal mitteilen, dass die Engländer mit 9 Ersatzleuten aufgelaufen sind. Dem mittelmäßig begabten deutschen TV-Konsumenten muss man diese Information nicht im 10-Minuten-Takt gebetsmühlenartig eintrichtern. Diese Mannschaft jedoch als 1b-Elf zu titulieren, zeugt von großer Inkompetenz. Wer sich ein klein wenig mit der englischen Premier-League beschäftigt, wird schnell eines besseren belehrt. Diese angeblich zweitklassigen Spieler haben es Woche mit Woche mit den ausländischen Stars von Chelsea, Arsenal, ManU und Liverpool u.a. zu tun. Wie uns gestern gezeigt wurde, sind diese Sportkameraden taktisch hervorragen geschult und damit meilenweit von unseren Jungstars entfernt. Beispielsweise hat ein Herr Gomez gestern sehr schnell merken müssen, dass man noch lange kein Superstar ist, nur weil man in der deutschen Bundesliga hin und wieder ein Tor schießt.
Dann noch diese grenzdebilen Weisheiten des Herrn Kerner. Der schwadroniert wahrscheinlich nur rum, um von seinem nicht vorhandenen Fachwissen abzulenken. Was allerdings dem ganzen die Krone aufsetzt, ist dieses jämmerliche Geplärre nach Ballack. Hier haben diese Kurzzeit-Gedächtnisartisten vom ZDF das Spiel gegen Wales total verdrängt. Kann sich wirklich keiner mehr an den Grottenkick des Herrn Ballack erinnern. Aber der Ärmste war ja verletzt...., genauso wie während der EM 2008 ....., genauso wie bei rund der Hälfte der Quali-Spiele zur EM 2008.
Dudu (20.11.2008, 14:29 Uhr)
@Sternenzeit
"Profis denken beim Blick in ihre Lohntüte auch mal wieder an professionelles Auftreten! Auf und neben dem Platz!!!"

Volle Zustimmung.

Zu Kahn, man (schon wieder dieses Wort) kann über ihn denken wie man (und nochmal) will, aber er war immer erhlich und direkt und hat sich nicht versteckt. Genau solche Typen braucht man, will man oben mitspielen. Keine Ja-Sager und Mitläufer. Die Nationalelf war immer dann auch spielerisch gut (nicht nur erfolgreich, dass ist unsere Nationalelf komischerweise auch mit schlechten Leistungen, s. EM 2008), wenn sie solche kantigen Typen hatte.

Ich bleibe dabei, dass Löw/Bierhoff diese Mannschaft herunterwirtschaftet.
havranek (20.11.2008, 14:06 Uhr)
Löw ist wie die Flasche leer!
Ich habe fertig...
Knuffiman (20.11.2008, 13:42 Uhr)
Sternenzeit
dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
generationenwechsel geht halt nicht von jetzt auf gleich
Sternenzeit (20.11.2008, 13:21 Uhr)
Und da sind sie wieder......
...die deutschen Herbergers!
Ein Volk von Trainern vereint sich mal wieder zum gemeinsamen Hohe- und (gleichzeitig)Klagelied. Hier werden harte Fakten wie der Seitenscheitel und die Aussprache des Trainers, oder gar die überaus "sehr kreative" (ACHTUNG:SATIRE) Überschrift des Bellstedtschen Artikels "Zwei Sieger auf dem Sofa" diskutiert. Ich gelobe nie einen Seidenschal zu tragen, aber sage trotzdem danke....danke für den Mut der "fringsschen Ballack-Fraktion" die Stirn zu bieten und mir, dem geneigten Zuschauer, ein paar neue Gesichter zu kredenzen. Warum nicht? Noch kann es sich jeder Nationaltrainer dieses Planeten leisten "neue Wege" zu gehen. Nur Mut! 2010 werden wir mehr wissen. @Dudu:Wer braucht ein erahntes, gefühltes, spekulatives Kommentar von einem "pseudo-seriösen" Moderator Kahn?? Der ist ja auch vollkommen unvoreingenommen in Sachen Trainerstab der Nationalmanschaft...! "Man müsste den Spielern die Möglichkeit/Chance geben..." Man? Wer ist "Man"? Wen meint er? Oder doch nur zu feige um Ross und Reiter zu nennen, Herr Kahn?
Die selbstgefällige und alternde Boygroup (B. + F.) ist schon lange genug dabei um sich im Umgang mit den Medien auszukennen. Oder doch nur verletzte Eitelkeit? Wie auch immer--- Zoff muß sein, er belebt den Wettkampf und steigert die Motivation! Ich wünsche mir, einige der "sogenannten" Profis denken beim Blick in ihre Lohntüte auch mal wieder an professionelles Auftreten! Auf und neben dem Platz!!!
Gallagher (20.11.2008, 12:32 Uhr)
Achtung - Publikumsbeschimpfung!
Die meisten hier schauen sich sicher ein Fußballevent an. Die wenigsten ein Fußballspiel. Entsprechend schauts mit der Kompetenz aus. So wie der Fußballsport heute organisiert ist, zieht er die Massen an und der Fußballverstand bleibt draußen. Nicht ansatzweise wurde erkannt, dass die Engländer gestern ein Riesenspiel gemacht haben. Sie hatten die bessere Tagesform und haben verdient gewonnen. Deshalb breche ich noch längst nicht den Stab über der deutschen Mannschaft. Sie ist in der Lage tolle Spiele zu liefern. Nur leider gestern nicht. Deshalb habe ich nicht den geringsten Grund den Bundestrainer in Zweifel zu ziehen oder gar nach zwei alten Säcken (Ballack und Frngs) zu rufen. Bei diesem englischen Tempofußball wäre ihnen gestern schwindelig geworden.
Dudu (20.11.2008, 11:10 Uhr)
@.link (20.11.2008, 11:03 Uhr)
Also von Torwartbehinderung kann man nun wirklich nicht reden. Das war ein Patzer der einfach auch vorkommen kann. Kein Rießending wie auf der Gegenseite, aber sicher schon ein Torwartfehler. Aber wie gesagt ein Fehler der auch passieren kann, kein Thema.

Ich glaube niemand hier hat erwartet, dass man die Eng. im Vorbeigehen besiegt (außer vllt. das ZDF). Aber man darf doch erwarten, dass sich die Spieler bewegen und bemühen einen Pass über 2, 3 Meter nicht in die Beine des Gegners zu spielen. Ist das schon zu viel verlangt?
.link (20.11.2008, 11:05 Uhr)
@vegefranz:
ich weiß ja nicht was sie als erfolg in der buli ansehen, aber mit einem von zwei vereinen in der buli hat er sogar einen titel geholt und zudem eine gute platzierung in der liga erreicht. nicht schlecht, hm?
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