12. November 2009, 07:57 Uhr

"Achtet aufeinander!"

Ist Deutschlands Fußball-Betrieb aufgewacht? Nach dem Tod von Robert Enke mangelt es zumindest nicht an Diskussionsbereitschaft und dem Willen zu einem neuen Umgang mit Schwäche, Problemen und Depressionen. Eindringlich formulierte es Thomas Schaaf, Trainer von Werder Bremen.

Enke, Freitod, Trauerfeier, umdenken, Profifußball, Depression

Es sind Bilder, die sprachlos und betroffen machen: trauernde Fans, Kerzen und Blumen für Nationaltorwart Robert Enke©

Der Mikrokosmos Profi-Fußball will sich öffnen: Einhellig haben Spitzenfunktionäre, Trainer und Spieler am zweiten Tag nach dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke ein rasches Umdenken gefordert, und sie wollen Lehren aus dem tragischen Fall ziehen. "Depressionen dürfen kein Tabu-Thema sein", sagte Holger Hieronymus, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), am Donnerstag. Gemeinsam mit der Spielergewerkschaft VdV und unter Einbeziehung des DFB werde ein offenerer Umgang mit dem Thema angestrebt.

Zuvor hatten schon frühere Weggefährten von Enke ein Umdenken im Profifußball angemahnt. "Die Tragödie Robert Enke gibt Anlass, über bestimmte Dinge nachzudenken, die in dem Geschäft üblich sind und hingenommen werden", sagte der Manager von Hannover 96, Jörg Schmadtke, in einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk. "Wir haben eine Aufgabe gestellt bekommen von Robert, über die sollten wir nachdenken". In der RTL-Sendung stern TV fügte Schmadtke am Mittwochabend hinzu: "Wir müssen uns mit der Thematik befassen, was die Betreuung junger Menschen angeht."

Enkes Ehefrau Teresa und sein behandelnder Arzt hatten die schweren Depressionen des 32-Jährigen auf einer Pressekonferenz öffentlich gemacht. "Es war die freie Entscheidung von Frau Enke. Ich denke, sie wollte auch die Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisieren", sagte Hannovers Vereinspräsident Martin Kind in mehreren Interviews.

"Für Schwäche darf es keine Pfiffe geben"

Der Tod des achtmaligen Nationalspielers Enke, der sich seit 2003 wegen seiner Depressionen in Behandlung befand, rief tiefe Trauer über den Sport hinaus hervor. 35.000 Menschen nahmen am Dienstagabend in Hannover an einem Trauerzug teil. Bei einem Gedenkgottesdienst stand die Spitze des DFB mit Präsident Theo Zwanziger, Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack der Witwe zur Seite. Zuvor hatte der DFB das für Samstag angesetzte Länderspiel gegen Chile abgesagt.

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann, erinnerte in dem Gottesdienst daran, dass es "hinter Glück, Erfolg und großer Beliebtheit auch abgrundtiefe Verzweifelung geben" könne. Für Leid und Schwäche dürfe es keine Pfiffe, sondern müsse es Mitleid geben, sagte die Bischöfin in Hinblick darauf, dass Enke seine Depressionen verheimlicht hatte.

"Depression wird sicher irgendwo als Schwäche ausgelegt"

Enkes Krankheit war bis zuletzt für sein berufliches Umfeld unerkannt geblieben. "Robert hat eine perfekte Rolle gespielt, er hat die Öffentlichkeit perfekt getäuscht. (...) Dadurch hat er uns die Möglichkeit genommen, ihm zu helfen", sagte Schmadtke. Enkes langjähriger Torwarttrainer Jörg Sievers machte deutlich, wie groß das Tabu nach wie vor ist, eine psychische Erkrankung öffentlich zu thematisieren: "Depression wird sicher irgendwo als Schwäche ausgelegt." In der Sat.1-Sendung "Kerner" appellierte Hannovers Präsident Kind an den Sport, Schwächen offen anzusprechen: "Vom Grundsatz bin ich tief überzeugt, dass wir lernen müssen, uns zu öffnen."

Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) mahnte mehr psychologische Unterstützung für Spieler an. VdV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky sagte am Mittwoch im Deutschlandradio Kultur, die Vereine als Arbeitgeber müssten den Spielern zur Seite stehen und Angebote schaffen. Er lobte Clubs wie Bayern München und den VfL Bochum, die bereits Psychologen beschäftigten. "Es gibt schon gute Beispiele von Clubs (...), die sich öffnen für so eine Thematik. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn weitere Maßnahmen folgen würden - wie auch immer dann geartet."

Appell von Thomas Schaaf

Werder Bremens Trainer Thomas Schaaf richtete vor dem ersten Training nach Enkes Suizid einen emotionalen Appell an seine Spieler. "Scheut euch nicht, jemandem zu helfen! Scheut euch nicht, Hilfe zu suchen! Achtet aufeinander!", sagte Schaaf, seit mittlerweile 31 Jahren im Geschäft. "Für Schwäche ist in dieser Gesellschaft kein Platz". Verlangt würden "Stärke, Tatkraft, Überzeugung - das sind Kennzeichen, die unser Metier bestimmen". Der 48-Jährige ist sich der Verantwortung in den kommenden Wochen bewusst. "Wir sollten das Thema bearbeiten, wir müssen darüber sprechen."

Enkes Tod sorgte auch im Ausland für Entsetzen und Trauer. Der FC Barcelona reagierte mit einer Schweigeminute und widmete seinem ehemaligen Torwart einen Pokalsieg, Trainer-Star José Mourinho äußerte sich "zutiefst betroffen" und "sehr geschockt". Das sagte der Coach von Inter Mailand der portugiesischen Nachrichtenagentur Lusa. Enke war Torwart von Benfica Lissabon, als der heutige Starcoach dort seine Profitrainer-Laufbahn begann. "Er war mein erster Torwart. Ich kann mich erinnern, dass er sich immer durch seine Ruhe, Sympathie, Höflichkeit und Professionalismus ausgezeichnet hat", sagte Mourinho.

zen/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 45)
 
Administrator (12.11.2009, 13:21 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre vielen Beiträge. Wir haben ein Kondolenz-Buch eingerichtet, in dem Sie Ihre Gedanken zum Tod von Robert Enke sowie Ihre Beileidswünsche an die Familie hinterlassen können, Sie finden es hier http://www.stern.de/sport/fussball/kondolenz-buch-ihre-gedanken-zum-tod-von-robert-enke-1521029.html.

Die Kommentare zu diesem Artikel schleißen wir an dieser Stelle.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
campanus (12.11.2009, 13:12 Uhr)
Depression wird mystifiziert...
... weil es verschiedene Arten davon gibt und die Neurotransmitter-Hypothese nur eins von vielen Erklärungsmodellen ist. Die Wirkung von Psychopharmaka ist bislang noch "probatorisch" zu ermitteln, es wird halt verschiedenes ausprobiert, weil die Spiegel nicht messbar sind.
Klar gesagt: Therapie ist Glückssache.
Es entsteht der Eindruck, diese Störung könne grundlos jeden treffen wie ein Fluch, und das macht Angst.
Die BurnOut-Depression ist z.B. gut erklärbar als eine Erschöpfung der Nebennieren, die jahrelang zuviele Stresshormone ausschütten mussten, "Adrenal Fatigue" ist hier in D aber noch so gut wie unbekannt. Dabei ist sie gut behandelbar!
Weibliche Depressionen und Angststörungen stehen oft mit Pille oder Menopause in Verbindung,
Solange diese gut erforschten Ursachen übersehen und versuchsweise Psychopharmaka gegeben werden, wird die Zahl der "Depressionen" zunehmen, heute ist das bereits der zweithäufigste Krankschreibungsgrund.
AxelR. (12.11.2009, 13:10 Uhr)
Leid
Leid tut mir vor allem Frau Enke. Zuerst muss sie den Tod ihrer Tochter ertragen, und dann nimmt sich ihr Mann das Leben.
Die Hinterbliebenen sind diejenigen, die Hilfe brauchen. Herr Enke hat es, salopp gesagt, hinter sich. Vielleicht hatte es aber auch etwas gutes, und die Gesellschaft wacht endlich auf. Depressionen sind oft reaktiv und damit durch Zwänge von aussen verursacht.
FleurdeLis (12.11.2009, 13:07 Uhr)
@VanHelsing
Zu Ihrer Erkenntnis im letzten Satz gratuliere ich Ihnen - ehrlich. Schade und traurig nur, dass Herr Enke nicht so weit gekommen ist. Vor allem für seine Familie, aber auch für ihn selbst.
JanvanHelsing (12.11.2009, 12:49 Uhr)
@FleurdeLis
ich weiß, seit ich in einer Gruppentherapie bin, das es immer mehr Menschen aus der Mittelschicht trifft.
Was ich vom Top sein hatte?
Nun ich hatte, zeitweilig, ein angenehmes Leben, aber in der Rückschau betrachtend hat das "Preis Leistungs Verhältnis" absolut nicht gestimmt. Aber hinterher ist man ja bekanntlich immer klüger.
Liebe FleurdeLis glauben sie mir, auch echte Freund haben manches mal einfach Angst das falsche zu sagen oder sich falsch zu verhalten, denn ich war und bin nicht einfach, man wird sehr launisch....
Ich verurteile diese Menschen nicht, aber jene die glauben sich ein Urteil erlauben zu können schon. Ich habe auch einmal zu diesen gehört, bis es mich selbst betraf.
Es kann jeden von uns treffen, denn es ist nicht wie Husten, morgens plötzlich da, es ist schleichend, wabbernd, es umhüllt einen ganz langsam, nimmt Besitz von Kopf und Seele, es wacht mit dir auf und schläft mit dir ein....langsam, fast unmerklich, wenn man es denn merkt ist es zu spät, denn man sucht woanders nach den Ursachen nur nicht bei sich selbst.
Ob ich heute nochmal Top sein wollte, Nein denn ruhig ist schöner.....
Expat (12.11.2009, 12:39 Uhr)
Neurose
Es geht meienr Meinung nach am ahren Kern de rSache vorbei, wenn man alleine die Umstände für einen Suizid verantwortlich zu macht. Die Umstände und die verantwortlichen Mitmenschen können einem das Leben schwer machen, aber die Gründe, die Lösung im Selbstmord zu sehen, liegen viel tiefer in der Vergangenheit verborgen. Kein Trainer oder Verbandpräsident oder Zuschauer hat Mitschuld daran, wenn jemand die Lösung für Lebenskonflikte darin sieht, allem Schmerz durch eigene Vernichtung ein Ende zu bereiten.
JanvanHelsing (12.11.2009, 12:38 Uhr)
@kindl88
warum so aggressiv ?
Sie wollen Menschen beurteilen die sich der Herausforderung gestellt haben, das Wagnis des Scheiterns in Kauf genommen haben.
Menschen wie Sie stehen am Rande, pfeiffend und buhrufend die Leistung anderer Menschen beurteilen wollend.
Ich habe mich der Herausforderung gestellt und bin auf die Schnauze gefallen.
Ich stehe auf und gehe, Schritt für Schritt, in ein Leben in MEIN Leben...
Lieber Kindl88 ich wage Ihr Leben nicht zu beurteilen...Aber Sie....
FleurdeLis (12.11.2009, 12:36 Uhr)
@VanHelsing
Ich habe mir Ihre Kommentare sehr wohl durchgelesen. Sie haben mich offensichtlich nicht verstanden. Die Frage "was haben Sie davon, dass Sie Top sind" war rhetorisch - ich wollte es nicht aussprechen, weil ich sonst wieder gelöscht werde. Sie haben davon eine Depression! Mit all ihren negativen Folgen, die Sie selbst aufzählen. Und, war es das wert? War es das wert für das zeitweilige Gefühl des Top-Seins? Eben nicht. Und an der Tatsache, dass Sie sich nur dann toll gefühlt haben, wenn Sie Top waren, ist nicht die Gesellschaft schuld, da machen Sie es sich aber einfach. Wenn sich Ihre Freunde von ihnen abgewandt haben, dann waren es eben keine Freunde. Eine Freundin von mir war nach dem Tod ihres Mannes auch zeitweilig depressiv, aber mit Hilfe ihrer wirklichen Freunde hat sie es geschafft, da raus zu kommen.
Wieviele sind denn in dieser Welt Top? Doch nur ein verschwindend geringer Prozentsatz. Und der ganze Rest? Der Großteil davon lebt wohl auch ganz gut, ohne Top zu sein, sonst hätten wir ja alle Depressionen und auch wenn die Zahl der Erkrankten ständig steigt, ist es noch bei weitem nicht die Mehrheit. Die hat nämlich schlicht und einfach andere Prioritäten im Leben.
Ansonsten schließe ich mich kindl88 in seinem Kommentar von 12.21 Uhr an, auch wenn ich leider nicht um 17 Uhr zuhause bin.
butcher99 (12.11.2009, 12:25 Uhr)
@uw@stuff-mag.de
vielen Dank für diesen Kommentar
kindl88 (12.11.2009, 12:21 Uhr)
@JanvanHelsing
"Der ist nicht Top, der ist unterer Durchschnitt und dies lieber kindl88 ist der Unterschied ".
sagt wer lieber JanvanHelsinga!
wer sagt das bitte ..................das sagen leute wie Sie die denken nur wenn sie top sind sie was in der gesellschaft! wenn alle aus dem fenster springen machen sie es also auch!
und dann wundern sie sich das sie ein Burn-out kriegen?
Lieber van helsing
natürlich ist man geschmeichelt wenn man so ein angebot bekommt! aber man
aber daran ist doch nicht die firma schuld wenn man es nicht packt! man sollte aber auch immer bedenken was es ein bringt!
Muss man denn immer der beste sein.........ich kann es nicht verstehen!?!

Ich z.b bin lieber jeden tag um 17 uhr zu hause und will mein privat leben leben! mir ist klar das ich dadurch nie einen Benz fahren werde sondern nur nen fiesta aber ich habe meine prioritäten bei mir und meiner famillie gesetzt! und ich persönlich glaube es ist es auch werd. denn was hat man davon wenn man jeden tag 10-12 std. buckelt ein porsche fährt aber dadurch gegen eine Zug rennt! Ich habe schon viele diskussion darüber mit freunden geführt die so denken wie sie die nicht verstehn können warum man keine karriere machen will! aber ich glaube ich mach es richtig!
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