Die Profiteure des Aufschwungs sind die Kopfarbeiter. Gut ausgebildet, verdienen sie schon als Einsteiger manchmal doppelt so viel wie ein Handwerker mit langer Berufserfahrung. Und die Anzugund Kostümträger eilen mit regelmäßigen Gehaltserhöhungen den Blaumännern weiter davon. Geht es um das Einkommen, ist Deutschland geteiltes Vaterland.
Lange Zeit war der Abstand zwischen hohen und niedrigen Einkommen kleiner als in vergleichbaren Ländern. Das aber ändert sich gründlich. In kaum einem anderen Industrieland öffnet sich die Lohnschere seit zehn Jahren so schnell, stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nach Auswertung von Daten aus 20 Ländern fest. Nur in Polen, Ungarn, Südkorea und Neuseeland ist der Trend noch deutlicher.
Detlef Pleßow arbeitet seit 41 Jahren als Gebäudereiniger in Berlin. Ein knochenharter Job, bei Wind und Wetter und oft in schwindelnder Höhe. Dafür bekommt er 2000 Euro brutto im Monat. Die Auftragsbücher sind voll, doch den Reinigern wur- den nach und nach sämtliche Zuschläge gekürzt, auch die Wochenend- und Gefahrenzulage. "Für einen 13-stündigen Einsatz am Sonntag bekam ich 80 Euro", sagt der 56-Jährige. Das sind 6,15 Euro pro Stunde. Viele seiner Kollegen hangeln sich von einem Dreimonatsvertrag zum nächsten und verdienen bei gleicher Arbeit noch deutlich weniger. "Wer von denen nicht spurt, wird rausgeschmissen."
Martin-Andreas Drühe ist ein Mann mit Expertenwissen und ein typischer Gewinner des Aufschwungs. Der 40-Jährige hat Physik mit Schwerpunkt Laserentwicklung studiert und ist heute Leiter von 15 Prüfständen für Fahrzeugerprobung am Bosch-Entwicklungsstandort Schwieberdingen bei Stuttgart. Mit seinen 14 Berufsjahren verdient er dreimal so viel wie Gebäudereiniger Pleßow, hinzu kommen noch Weihnachts- und Urlaubsgeld. "Die Arbeit ist sehr anspruchsvoll, ich muss mich stetig weiterbilden." Seine letzte Gehaltserhöhung gab es zum Jahreswechsel.
Das durchschnittliche Bruttomonatseinkommen der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer in Deutschland beträgt 3077 Euro. Es ist in der Gehaltstabelle besonders gekennzeichnet. In diesem Wert, den das Statistische Bundesamt für das Jahr 2006 erhob, sind allerdings die Beschäftigten im öffentlichen Dienst und einige andere Berufe nicht enthalten. Netto - nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben - bleiben dem verheirateten Durchschnittsverdiener 2141 Euro, dem ledigen 1771 Euro.
Lokführer Frank Rodefeld verdient brutto 2500 Euro und liegt deutlich unterm Schnitt. Er ist 40 Jahre alt und steuert IC- und ICE-Züge bei der Deutschen Bahn. Die Lokführer hauen derzeit mächtig auf die Pauke. Mit Streiks haben sie den Zugverkehr lahmgelegt und fordern bis zu 31 Prozent mehr Lohn. Rodefeld findet die happige Forderung "absolut nachvollziehbar". Er hat das Glück, zum kleinen Kreis der Beamten bei der Bahn zu gehören, die besser verdienen und weniger Abzüge haben als ihre streikenden angestellten Kollegen. "Die kriegen 400 Euro weniger als ich. Das ist für die auch schon das Ende der Fahnenstange - dabei machen sie die gleiche Arbeit wie ich."
Die Konflikte ums Geld werden schärfer. Gerade im Aufschwung haben die Arbeitnehmer das Gefühl: Jetzt sind wir dran. Schließlich war man in den schlechten Jahren bescheiden. Doch der vermeintlich starke Arm der Gewerkschaften erweist sich auch nun oft als zu schwach. Vor zwei Monaten setzte die IG Metall eine optisch beeindruckende Lohnerhöhung von 4,1 Prozent durch. Aber nicht jede Firma zahlt die auch aus. Beliebt bei Arbeitgebern ist es, die Lohnerhöhungen auf übertarifliche Zuschläge anzurechnen. Oder es wird einfach gar nicht gezahlt. Dem Klima in den Betrieben tut das nicht gut.
Die von den Gewerkschaften gefeierten Tarifabschlüsse sind Peanuts im Vergleich zu den Gehaltssprüngen bei Managern. Die Vorstandschefs der 30 im Deutschen Aktienindex Dax notierten Unternehmen konnten ihre Bezüge in den vergangenen fünf Jahren um 50 Prozent steigern.
Die Friseurin Christine Richwien aus Erfurt verdient im Monat 691 Euro plus Trinkgeld und ist auf die Millionengehälter der Bosse trotzdem nicht neidisch. Für sie sind solche Summen "einfach unrealistisch". Viele der befragten Arbeitnehmer gönnen den Chefs die höheren Gehälter. Stellvertretend für andere sagt Werbefachmann Patrick Barowski (4580 Euro brutto im Monat): "Leistung muss honoriert werden. Für mich ist das kein Grund zum Neid, sondern ein Ansporn." Nur wenn schlechte Leistung oder Unfähigkeit auch noch üppig honoriert wird, reagieren viele empört. So wie Vorarbeiter Wilhelm Leitner (2765 Euro brutto im Monat): "Wenn ich einen Fehler mache, werde ich gekündigt. Die gut bezahlten Manager hingegen bekommen eine hohe Abfindung, und der nächste Konzern nimmt sie mit Kusshand. Das ist doch ungerecht."
Das allerdings ist typisch für die Arbeitswelt: Wenn's ums Geld geht, hört die Gerechtigkeit auf.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 29/2007