Shoppen gegen die Krise

3. Dezember 2011, 10:29 Uhr

Die Schuldenkrise in Europa spitzt sich täglich weiter zu - und die Deutschen gehen einkaufen, als ob nichts wäre. Doch der Optimismus der Verbraucher steht auf tönernen Füßen. Von Martin Hintze

GfK-Konsumklimaindex, Weihnachtsgeschäft, Krise, Kauflaune, Verbraucher

Die Deutschen bleiben kauflustig - ungeachtet der europäischen Krise©

Ist die Dramatik überhaupt noch zu steigern? Seit Monaten kämpft Griechenland verzweifelt gegen die Staatspleite. Nach Spanien, Portugal und Irland droht der Schuldenvirus auch den Kern Europas zu infizieren. In Italien demontieren die Finanzmärkte den skandalresistenten Premierminister Berlusconi, doch für frisches Geld muss die drittgrößte Volkswirtschaft des Euro-Raums trotzdem immer mehr berappen. In einer gemeinschaftlichen Aktion verhindern die Notenbanken in Europa, Nordamerika und Asien vorerst einen Bankenkollaps. Und sogar die sonst eher zurückhaltende Industrieländerorganisation OECD warnt unverblümt vor den "katastrophalen Folgen" für die Weltwirtschaft, wenn der Euro kollabiert.

Pessimismus allerorten. Wie reagiert da der Bundesbürger? Er geht einkaufen, als ob nichts passiert wäre. Am Mittwoch meldete das Statistische Bundesamt überraschend gute Zahlen für den Einzelhandel. Die Umsätze stiegen im Oktober um 0,7 Prozent - doppelt so viel wie im September. Zuvor hatte der Branchenverband HDE seine Umsatzprognose für 2011 von 1,5 auf 2,0 Prozent angehoben. Für das Weihnachtsgeschäft erwartet der Verband ein Plus von 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Auch laut den Experten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) haben die Deutschen derzeit die Spendierhosen an: Das am Montag veröffentlichte Konsumklima kletterte zum dritten Mal in Folge, die Kaufbereitschaft legte zu. Auf dem Wunschzettel stehen vor allem größere Anschaffungen: ein neues Auto, Waschmaschinen oder Kühlschränke.

Wie passt das zusammen? "Die Euro-Krise ist in den Köpfen der Verbraucher noch nicht angekommen", sagt Carsten-Patrick Meier von der Researchfirma Kiel Economics. Die Sorgen in Athen, Rom oder Brüssel scheinen weit entfernt. Für die Konsumenten zählt im Moment das unmittelbare Umfeld, vor allem ein sicherer Job. Der Arbeitsmarkt sendet positive Signale: Die Zahl der Erwerbstätigen stieg im dritten Quartal auf den höchsten Stand seit 1990. Die Arbeitslosenquote nähert sich der sechs-Prozent-Marke. Es ist eine Trendwende: "Deutschland hat es geschafft, die Sockelarbeitslosigkeit im Aufschwung abzubauen", sagt Commerzbank-Analystin Ulrike Tondorf.

Tariflöhne könnten um 2,6 Prozent steigen

Das macht sich in den Portemonnaies bemerkbar. Die Zeit der Lohnzurückhaltung ist gebrochen. "Nach zehn Jahren Stagnation ernten wir jetzt die Dividende der Agenda 2010", sagt Volkswirt Meier. Davon werden die Bundesbürger auch noch 2012 zehren. Im Frühjahr stehen wichtige Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie an. Im kommenden Jahr erwartet Tondorf einen Anstieg der Tariflöhne von immerhin 2,6 Prozent.

Wie viel sich die Verbraucher leisten können, hängt nicht nur vom Lohn, sondern auch von ihrer Kaufkraft ab. Und trotz der in Deutschland geradezu reflexartigen Ängste vor einer Inflation, ist eine Preissteigerung vorerst nicht in Sicht. "Die Unternehmen sehen keinen Spielraum für Preissteigerungen: Die Produktionskosten wie Rohstoffpreise steigen langsamer, und die schlechten Konjunkturaussichten erschweren es, die Preise anzuheben", erklärt Volkswirtin Tondorf. Eine sehr lockere Geldpolitik der Notenbanken würde sich - wenn überhaupt - eher langfristig auf die Teuerung auswirken.

Die Shoppinglust hat zusätzlich noch einen ganz simplen Grund: Es mangelt an Alternativen. Laut Bundesbank fiel die Sparquote im dritten Quartal auf 9,4 Prozent - für deutsche Verhältnisse ein sehr niedriger Wert. "Die Bürger haben keine Lust zu sparen", sagt Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. Angesichts niedriger Zinsen lohnt es sich nicht Geld auf die hohe Kante zu legen. Aktien sind zu unsicher, Gold für viele bereits zu teuer, sichere Anleihen werfen kaum noch etwas ab.

"Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat"

Bleiben noch Immobilien, aber gerade in den Metropolen haben die Kaufpreise schon gewaltig angezogen. Da wird das Geld lieber anderweitig ausgegeben. Scheuerle rechnet für 2012 mit einem Wachstum des privaten Konsums von einem Prozent. Das klingt nicht gerade euphorisch, doch "von 2001 bis 2010 lag das Wachstum im Schnitt nur bei 0,25 Prozent", so der Analyst.

Doch bei all dem Optimismus darf eines nicht vergessen werden: Die derzeitige Situation ist eine Momentaufnahme und äußerst labil. Wenn die Euro-Krise offen eskaliert, sind alle Prognosen nichts mehr wert. "Wir bewegen uns auf einem schmalen Grat", sagt Commerzbank-Analystin Tondorf. Die aktuell positive Lage kann schnell kippen, wenn die Verantwortlichen in der Politik die Euro-Krise nicht eindämmen können. Verlieren die Konsumenten das Vertrauen in ihren sicheren Job, ist die Shoppinglust schnell passé.

Deka-Bank-Experte Scheuerle erklärt es so: "Erwarten die Verbraucher eher eine kurzfristige Konjunkturdelle, greifen sie auf ihre Spargroschen zurück, um ihren Lebensstandard zu halten. Erwarten sie jedoch eine längere Durststrecke, vergrößern sie ihren finanziellen Puffer." Damit droht auch die Binnenkonjunktur als stabilisierendes Element der deutschen Wirtschaft auszufallen - und die Euro-Krise würde mit voller Wucht durchschlagen. Hoffen wir, dass es soweit nicht kommt.

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