Von einer "Kreditkrise" ist die Rede, die Notenbanken greifen ein, der Dax verliert. Aber wie kann es sein, dass eine Krise auf dem US-Häusermarkt deutsche Banken und den Aktienmarkt in Turbulenzen stürzt? Der stern erklärt und illustriert die Regeln des globalen Milliardenspiels. Von Frank Donovitz und Joachim Reuter

© Wieslaw Smetek
Hatten Sie bis zur vorigen Woche schon mal etwas von einem Düsseldorfer Geldhaus namens IKB Deutsche Industriebank AG gehört? Wohl kaum. Doch vor zehn Tagen kam heraus, dass das Institut praktisch pleite und Deutschland womöglich an der größten Finanzkrise seit 1931 vorbeigeschlittert ist. Die IKB verlor ihre Chefs und Stunden später die Hälfte ihres Börsenwertes. Die bundeseigene KfW-Bank, der 38 Prozent der IKB gehören, bürgt mit acht Milliarden Euro. So hat sie einen Dominoeffekt verhindert, der andere Banken hätte mitreißen können. Dann wären auch Anlagen von Kleinsparern in Gefahr geraten.
Eigentlich war die IKB auf die Finanzierung deutscher Mittelständler spezialisiert, doch sie spekulierte am amerikanischen Markt für Immobilienkredite. Der gerät seit einigen Monaten immer tiefer in die Krise, die IKB nun mit ihm. Wie es zu den Turbulenzen an den Finanzmärkten kommen konnte, ist eine lange Geschichte. Am Anfang steht aber eine ganz einfache Frage: Würden Sie jemandem Geld leihen, von dem Sie wissen, dass er Schwierigkeiten haben wird, es Ihnen zurückzuzahlen? Viel Geld? Bestimmt nicht. In der globalen Finanzwelt aber ist das üblich, ja ein Milliardengeschäft. Daran wollte auch die IKB mitverdienen. Da leihen US-Banken Hauskäufern Zehntausende Dollar, obwohl deren Einkommen kaum zum Leben reicht. Da bekommen private Finanzinvestoren, sogenannte Private-Equity-Gesellschaften, von Banken Hunderte Millionen Dollar Kredit, um angeschlagene Firmen zu kaufen. Da versorgen Geldhäuser Hedgefonds mit Milliardenkrediten, obwohl die schon bei kurzzeitigen Verlusten von zehn Prozent pleitegehen können.

Warum machen Banken so riskante Geschäfte?
Zum einen, weil sie das Leihgeld
lange sehr billig von den staatlichen Zentralbanken
bekommen konnten. Das hat
sich in Amerika nun deutlich verteuert, in
Europa ein wenig. Ein zweiter Grund
macht die Verlockung noch größer: Die
Banken müssen die heiklen Darlehen nicht
behalten, sondern sie verkaufen sie weiter
(siehe Grafik). Käufer solcher Kredite sind
vor allem Hedgefonds, übersetzt "Absicherungsfonds".
Seit einiger Zeit beschließen
immer mehr von ihnen, Banken nicht
mehr jeden Immobilienkredit abzukaufen.
Das hat Folgen – weltweit.
Die Banken drehen jetzt überall die
Geldhähne zu, versuchen zu retten, was
teils nicht mehr zu retten ist. Neben der
IKB stehen US-Baufinanzierer wie New
Century und American Home am Rande
der Pleite. Eine der größten Private-Equity-
Firmen der Welt, KKR & Co, der in
Deutschland unter anderem der "Grüne
Punkt", die Kfz-Kette A.T.U. und Teile von
Pro Sieben Sat1 gehören, muss einen Firmenkauf
abblasen – mangels Kredit.
Das eigentliche Problem ist, dass niemand
mehr genau weiß, wie viel Kredit
gerade bei wem und mit welchen Risiken
zu Buche steht. Denn Hedgefonds und
Private-Equity-Unternehmen handeln nahezu
ohne jede Aufsicht oder Kontrolle.
Unter tätiger Mithilfe von Banken haben sie
eine gigantische Geldbombe gelegt, vor deren
Explosion Altkanzler Helmut Schmidt,
Ex-Citibank-Boss Sandy Weill und auch die
europäischen Notenbanken warnen. Jetzt,
da immer mehr Kredite platzen, wird die
Lage auch auf anderen Märkten explosiv:
Die Aktienbörsen von New York über
Frankfurt bis Tokio verloren rund zehn Prozent
an Wert – binnen zwei, drei Wochen.
Im Finanzuniversum des 21. Jahrhunderts
hängt alles mit allem zusammen. Da
nehmen Häuslebauer in Ostdeutschland
einen Kredit bei der Münchner Hypo-Vereinsbank
auf – und haben es plötzlich mit
amerikanischen Finanzinvestoren zu tun.
Die haben die Kredite aufgekauft – und die
Zinsen erhöht.
Die neue Geld-Welt ist gefährlich
und undurchschaubar. Wer oder was
sind Hedgefonds, Private-Equity-Firmen,
Staatsfonds? Wie riskant ist ihr Treiben?
Lesen Sie auf den nächsten Seiten die Antworten
zu den wichtigsten Fragen.
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 33/2007