Energieknappheit und Klimawandel verhelfen der Atomkraft zu einer überraschenden Renaissance. Doch wohin mit dem hoch radioaktiven Müll? 300.000 Tonnen gibt es schon auf der Welt - aber noch immer kein Endlager. Von Dorit Kowitz, Jan Rosenkranz

Weltweit sind 439 Reaktoren am Netz. Pro Jahr und im Durchschnitt produziert jeder 27 Tonnen hoch radioaktive Abfälle. Das AKW Grohnde bei Hameln soll im Juni 2018 vom Netz© Thomas Starke/Getty Images
Wie viele Endlager für hoch radioaktiven Müll gibt es eigentlich auf der ganzen Welt? Die Antwort ist erstaunlich, nur beruhigend ist sie nicht. Sie lautet: null. Auch 54 Jahre nachdem in Obninsk bei Moskau das erste Kernkraftwerk auf diesem Globus in Betrieb ging, existiert kein einziges Endlager. Nirgendwo.
Statt einer Lösung gibt es bislang nur Hunderte technischer Fragen, die noch kein Land abschließend beantworten kann. Statt eines Lagers nur ein riesiges, ständig wachsendes Problem: Ein gigantischer Haufen Atommüll türmt sich auf, der noch Hunderttausende Jahre lang strahlen wird. Allein der hoch radioaktive Abfall summiert sich mittlerweile auf geschätzte 300.000 Tonnen.
Nicht einmal die Internationale Atomenergiebehörde IAEA in Wien kann genau sagen, wo wie viel Atommüll lagert. Alles, was in Kernkraftwerken, Forschungsreaktoren oder bei der Wiederaufarbeitung von Brennelementen als Müll anfällt, wird bislang irgendwie zwischenverstaut. Steckt in mit Wasser gefüllten "Abklingbecken" nahe den Kernkraftwerken oder in Hallen, die sich äußerlich kaum von der Schraubenfabrik nebenan unterscheiden. Liegt verpackt in Fässern und Containern, in Castoren und Betonhüllen.
In Deutschland sind die Energieversorger verpflichtet, den Müll regelmäßig zu kontrollieren und bei Bedarf umzupacken. Weltweiter Standard ist das beileibe nicht. Zwar ist die Verklappung von Atommüll im Meer seit der London Convention von 1972 eingeschränkt und seit 1993 endgültig verboten. Doch Mohammed el-Baradei, Generaldirektor der IAEA, kritisiert, dass über 50 Länder ihren Atomabfall in völlig unzureichenden Lagern deponieren.
"Kartoffelscheune" nennen Atomkraftgegner das Zwischenlager Gorleben - das umstrittenere der beiden zentralen deutschen Standorte; das zweite ist Ahaus. Für ungefähr so sicher halten sie es nämlich. Trotzdem wird Anfang November wieder ein Castor-Transport dorthin rollen. Wieder hat man ihm den Kampf angesagt. Wieder wird es die bekannten Bilder geben. Nur, dieses Jahr ist den Castor-Gegnern die Aufmerksamkeit gewiss.
Denn die Debatte um Atomkraft erlebt eine Neuauflage. Steigende Preise für Kohle, Öl und Gas lassen die eben noch als mordsgefährlich verteufelte Atomenergie in neuem Licht erscheinen, preiswert und klimafreundlich. Der unter Rot-Grün besiegelte "Atomausstieg" war eben nicht das Ende der Kernkraft. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) lässt seine Experten bereits an einem neuen "Kernenergie-Nutzungsgesetz" arbeiten. Sie wollen die Restlaufzeiten der 17 deutschen Meiler um mindestens acht Jahre verlängern. SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel schäumt, pocht auf den Koalitionsvertrag und wirft Glos Atomlobbyismus vor.
Und wohin mit dem Müll, weiß immer noch keiner.

Seit Jahrzehnten tobt in Deutschland der politische Kampf um das Endlager in Gorleben. Dort wird zurzeit radioaktiver Müll in Castoren zwischengelagert© Rainer Jensen/DPA
Dabei ist es längst egal, ob die deutschen Reaktoren noch fünf oder noch zehn Jahre länger laufen als vereinbart (bis 2021). Ein Gutteil des hoch radioaktiven Mülls ist in Deutschland schon angefallen, oder er kommt in den nächsten sechs Jahren zurück aus den Wiederaufarbeitungsanlagen in Großbritannien und Frankreich. Eine letzte Ruhestätte wird dringend benötigt.
Bloß wo? Unionspolitiker favorisieren den Salzstock unter dem niedersächsischen Gorleben. Der seit Ende der Siebziger heiß umkämpfte Standort im Wendland sei sowieso schon in allen Köpfen und außerdem geologisch gut erkundet. Die SPD will eine neue ergebnisoffene Standortsuche, treibt sie aber keineswegs voran. Die Frage nach dem richtigen Endlager am richtigen Ort ist politisch kontaminiertes Gebiet, seit 30 Jahren schon.
Für Gorleben zum Beispiel gilt seit 2000 ein Moratorium, das jede weitere Erkundung des Salzstocks bis 2010 sogar verbietet. Vor allem die damals regierenden Grünen wollten so die vorzeitige Festlegung auf diesen Standort verhindern. Wolfram König, Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS), sagt, man habe auftragsgemäß die Zeit genutzt, um "ganz allgemein" und "unabhängig von Gorleben" herauszufinden, welche Anforderungen ein Standort erfüllen müsse. Die Ergebnisse liegen seit 2005 in einem sogenannten Synthesebericht vor. Demnach scheint ein trockener Salzstock wie unter Gorleben so ungeeignet nicht zu sein. Nur, bisher folgte daraus nichts. Klaus-Jürgen Röhlig, Professor am Institut für Endlagerforschung in Clausthal-Zellerfeld, wünscht sich eigentlich eine offene Standortsuche. Man könne aber nicht ausblenden, dass über Gorleben schon viel bekannt sei und über mögliche neue Standorte noch gar nichts.
Eine politische Mehrheit für eine unbefangene Standortsuche - nach geologischen, gesellschaftlichen und sicherheitstechnischen Aspekten - ist allerdings nicht auszumachen. Stattdessen hat der Bundesumweltminister im Juni mal wieder eine Kommission bestellt. Sie heißt Entsorgung. In ihr sitzen Fachleute, die bereits in der "Reaktorsicherheitskommission", in der "Strahlenschutzkommission" oder im "Arbeitskreis Endlager" (AK-End) tätig waren. Dessen Mitglieder verbrachten unter Rot-Grün Jahre damit, Kriterien für ein Suchverfahren auszubrüten. Die meisten Wissenschaftler halten diese Vorschläge für gut. Die Schweiz wendet sie so ähnlich gerade an. Und in Deutschland? Die einen haben Angst, dass es trotzdem auf Gorleben hinauslaufen könnte (Sozialdemokraten und Grüne), die anderen, dass eine Endlagerstätte in ihrem Bundesland gefunden werden könnte (CDU und CSU aus Baden-Württemberg und Bayern). Umweltminister Gabriel jedenfalls vermisst in der Debatte "intellektuelle Redlichkeit". Wer den Ausbau der Atomenergie fordere, müsse auch "bei sich zu Hause" nach einem Endlager suchen lassen.
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Ausgabe 35/2008