7. Februar 2010, 17:00 Uhr

US-Comeback der Schiene

In den USA beginnt ein neues Eisenbahnzeitalter. Der Staat pumpt Milliarden in neue Highspeed-Strecken und vergibt lukrative Aufträge. Davon will auch Siemens profitieren: Der ICE soll Amerika erobern. Von Felix Wadewitz

USA, Zug, Schiene, ICE, TGV, Amtrack, Bahn, Obama, Lincoln, Schienenverkehr, Transport, Beförderung, Verkehrsmittel

Soll bald auch in den USA durch die Landschaft rasen: Der Hochgeschwindigkeitszug ICE©

Wie Kaugummis stapeln sich die blauen Ohrstöpsel im Automaten am Fabriktor. Oliver Hauck setzt schnell noch eine Schutzbrille auf, dann geht es rein in die Hallen am Rande von Sacramento. Aus 5000 Stahlteilen schweißen die Arbeiter hier Straßenbahnen zusammen. "Genauer gesagt Stadtbahnen", schreit Hauck über den Lärm hinweg. Die seien deutlich größer, bis zu 150 km/h schnell, vollgestopft mit Hightech. "Die hier geht nach Denver", ruft er und zeigt auf eine halb fertiges Stahlgerüst, "und die da drüben ist für Salt Lake City."

Es läuft gut, im Schnitt kann der US-Chef von Siemens Mobility alle drei Tage einen neuen Zug ausliefern. Mit einem Anteil von mehr als 30 Prozent sind die Deutschen in den USA Marktführer für diese Art Schienenfahrzeuge. Doch Hauck träumt von mehr, viel mehr.

In Amerika beginnt gerade ein neues Zeitalter der Eisenbahnen - und der Siemens-Manager will ganz vorn dabei sein. Er will sich gegen all die anderen Konzerne im Rennen um Milliardenaufträge durchsetzen, will endlich den ICE in die USA bringen. Deutsche Hochgeschwindigkeitszüge für amerikanische Schienen.

Obama drängt auf Umbau des Verkehrssystems

Seit ein paar Tagen ist der Wettlauf offiziell eröffnet. Präsident Barack Obama dringt darauf, das gesamte US-Verkehrssystem umzubauen: Weg von Auto und Flugzeug, hin zur Schiene. Das soll nicht nur den drohenden Verkehrskollaps auf Autobahnen und Flughäfen verhindern, sondern auch Arbeitsplätze schaffen und das Klima retten. Im ganzen Land sollen neue Highspeed-Trassen gebaut werden. "Reisen wird schneller, billiger und umweltfreundlicher", rief Obama am Donnerstag in Tampa, Florida. Von dort soll eine neue Strecke nach Orlando und Miami führen. Läuft alles nach Plan, kann der Präsident noch in seiner ersten Amtszeit die Jungfernfahrt erleben. "Wir müssen unser Verkehrssystem erweitern. Was in Frankreich und Spanien, China und Japan prima funktioniert, sollte doch auch in Amerika möglich sein", rief er. In einem ersten Schritt fließen 8 Milliarden Dollar aus dem Konjunkturpaket der Regierung an die Bundesstaaten. Als Initialzündung für die nationale Aufholjagd.

Hochgeschwindigkeitszüge, die mit bis zu 350 km/h die Menschen von Metropole zu Metropole bringen, sind in Europa und Asien seit Jahren Alltag. In den USA, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, fehlt diese Technologie. Die Weltmacht entstand entlang von Eisenbahnschienen, sie waren einst Grundlage für den Boom im Westen - doch konkurrenzfähige Personenzüge zu bauen haben die Amerikaner längst verlernt. Die schnellsten Züge auf Amerikas Schienen, die berühmten Amtraks, erreichen nur selten Geschwindigkeiten von mehr als 200 km/h. Das soll nun anders werden - mit staatlichen Milliarden und internationaler Technologie.

"ICE made in America"

In Sacramento plant Oliver Hauck schon einen Anbau. "Haben wir gekauft", sagt er trocken und zeigt auf das Nachbargrundstück. Dort drüben soll eine neue Fabrik entstehen, für all die neuen Züge. "ICE made in America", sagt Hauck. Seit acht Jahren arbeitet der Deutsche mit dem amerikanischen Pass in Kalifornien. 750 Leute schweißen und schrauben in der Fabrik Züge zusammen, mehr als doppelt so viele könnten es sein - wenn Siemens bei den Highspeed-Zügen den Zuschlag bekommt.

Denn auch die Konkurrenz schickt ihre Leute nach Washington und in die Bundesstaaten, um sich möglichst viele Aufträge zu sichern. Die Konzernlobbyisten versuchen, mit Powerpoint-Präsentationen Eindruck zu machen, und laden Politiker zu Probefahrten in ihre Heimatländer ein. Da sind die Bombardier -Leute aus Kanada und die Talgo-Vertreter aus Spanien. Hitachi aus Japan wirbt für seinen Shinkansen-Schnellzug, und Frankreich schickt gleich ein ganzes Nationalteam: TGV-Hersteller Alstom , der weltweite Marktführer, hat sich mit Streckenbetreiber RFF und der Eisenbahngesellschaft SNCF verbündet, um die USA zu erobern - und Siemens auszustechen, wie so oft in der Vergangenheit.

Angesichts dieser Konkurrenz treten auch die Siemens-Manager in den USA nicht allein an. Sie haben sich mit der Deutschen Bahn zusammengetan. Die Idee: Die Bahn könnte über ihre internationale Tochter Strecken in den USA entwerfen, planen und später betreiben, Siemens würde die Züge liefern. Erst im November haben sie eine Delegation aus Kalifornien nach Deutschland geladen, um den Politikern den ICE zu zeigen.

Gefunden in ...

Gefunden in ... ... der "Financial Times Deutschland"

Seite 1: US-Comeback der Schiene
Seite 2: Siemens will von Anfang an Marktführer sein
 
 
Jetzt bewerten
0 Bewertungen
KOMMENTARE (3 von 3)
 
chatahootchee (08.02.2010, 15:42 Uhr)
ICE IN USA?
Siemens sollte sich aber vorher ueber das Wetter erkundigen. Auch hier gibt es Schnee und Kaelte.
Tommy_tom (07.02.2010, 20:59 Uhr)
Hilfe
jo klar wollen die Amis unsere ICE...Sie sind ja so gut. Made in Germany kann gar nicht verstehen das die Bahn nicht Reklamiert.
bigcpoint (07.02.2010, 20:06 Uhr)
Globaler ICE-Horror
Da kann man Japan und Franfreich nur viel Glück wünschen, und den USA auch...!
MEHR ZUM ARTIKEL
Schwarzbuch Deutsche Bahn Teure Tickets und brechende Achsen

Details zur Datenaffäre, Sicherheitsmängel und Klüngelei: ZDF-Journalisten haben in Schwarzbuch Deutsche Bahn schwere Vorwürfe gegen den Konzern erhoben. Die Bahn kontert: Die "angeblichen Enthüllungen" seien größtenteils aufgearbeitet.

Fahrgastrechte in der Praxis Bei Verspätung zahlt die Bahn - nicht immer

Schnee und Eis machen den Bahnreisenden zu schaffen. Teils stundenlange Verspätungen sind normal. Die neuen Erstattungsregeln bringen zumindest ein wenig finanziellen Trost. Doch nicht alle werden gleich behandelt - Hartnäckigkeit zahlt sich aus.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (26/2013)
Die Zuckermafia