Der mutmaßliche Steuerhinterzieher Klaus Zumwinkel ist nur einer von vielen Tausend. Teile der Elite des Landes stellen sich über Recht und Anstand. Solche Reichen gefährden den Zusammenhalt der Gesellschaft. Von Stefan Schmitz

Klaus Zumwinkel, 64, hier in seinem Büro hoch über Bonn, war 18 Jahre lang Chef der Post. Schräg hinter ihm hängt ein Gemälde des preußischen Generalpostmeisters Heinrich von Stephan, der einst die zersplitterte Post in Deutschland einte© Rolf Vennenbernd/DPA
Wer sich fragt, was der gefallene Postchef Klaus Zumwinkel mit den verdienten, den ererbten und den womöglich hinterzogenen Millionen so macht, fährt am besten nach Tenno am Gardasee. Ein Vorhängeschloss sichert dort den Eingang zur Burg oberhalb des Dorfes. Unter den Zinnen aus dem 12. Jahrhundert wachsen Palmen und Zypressen. An der Klingel steht "Privat - Dr. Z.". Die Anlage hat Zumwinkel 1997 gekauft und mit großem Aufwand sanieren lassen. Nun kann er in einem über 16 Meter langen Hallenbad entspannen. Gespeist wird in einem Saal, in dem der Terrakottaboden im Fischgrätmuster verlegt ist, und von der Terrasse, die allein die Fläche eines Einfamilienhauses hat, fällt der Blick in den wunderschönen Garten.
Hier bleiben Zumwinkel und Freunde am liebsten unter sich. "Ein Jammer, dass die Bewohner des Dorfes ihre Burg nicht mehr betreten dürfen", sagt Giancarlo Marocchi, der ein Hotel besitzt und einst Präsident des örtlichen Bergsteigerchores war. Willkommen war sein Chor nur, als der renovierte Bau, der auf einen Wert von sechs Millionen Euro geschätzt wird, vor ein paar Jahren eingeweiht wurde. Zur Freude des Herrn sangen die Bergsteiger da im Hof "La Montanara".
Der Burgherr ist derselbe Dr. Z., der in Interviews gern verbreitet, Reichtum sei ihm nicht wichtig und kaufen würde er sich ohnehin fast nie etwas. Bis vergangenen Donnerstag haftete dem dienstältesten Chef eines Dax-Konzerns der Ruf an, ihm sei jede Form von Völlerei und Maßlosigkeit fremd.
Dann klingelte der Staatsanwalt bei Zumwinkels in der Mehlemer Straße in Köln-Marienburg. Das ZDF sendete live vom grün-weißen Gartenzaun; und bald gab es kaum noch Zweifel, dass der Spitzenmanager mit viel krimineller Energie Millionen in Liechtenstein gebunkert hat. Zumwinkel ist erst der Anfang. Hunderten, vielleicht Tausenden Steuersündern sind die Ermittler auf der Spur. Sie dringen ein in eine elitäre Parallelgesellschaft, für die der Postchef das beste Beispiel ist. In ihr verbreitet sich die Haltung, dass die Gesetze nur für die niederen Stände gelten. Das ist der eigentliche Skandal. Längst geht es nicht mehr um die kriminellen Machenschaften Einzelner, sondern darum, wie eine Gesellschaft zusammengehalten werden kann, in der oben und unten immer weiter auseinanderdriften.
Fangen wir oben an - im 40. Stock des Posttowers in Bonn, wo der Chef residiert. Der Bau wird offiziell genutzt von der Deutschen Post World Net. Man hätte an die Klingel aber auch schreiben können: "Geschäftlich - Dr. Z." Leise surrt eine Klimaanlage, der Klang der Schritte wird von Teppichen geschluckt, die gepolsterte Tür schützt vor neugierigen Mithörern. Gern zeigte Zumwinkel Besuchern die atemberaubende Aussicht: "Von keinem Büro aus kann man mehr Burgen sehen." An der Wand hängt ein Porträt des preußischen Generalpostmeisters Heinrich von Stephan, der einst die deutsche Post geeint hat. "Was er in Deutschland gemacht hat, mache ich jetzt auf der ganzen Welt", hat Zumwinkel einmal gesagt.
Offenbar war niemand da, der dem Burg- und Posttitanen ins Ohr flüsterte, dass auch er nur ein Mensch sei. Dass gerade er, der ein Millionengehalt und 520.000 Mitarbeiter hat, sich an Recht und Anstand halten müsse. Offenbar falsch ist die Vermutung, dass ein kultivierter und gebildeter Mann wie Zumwinkel dies von allein wissen müsse. Manches spricht dafür, dass das Gegenteil der Wahrheit näher kommt. Der Eliteforscher Michael Hartmann etwa verweist darauf, dass die Menschen, die heute die Elite stellen, ganz überwiegend aus den besten Kreisen kommen - so wie der reiche Erbe Klaus Zumwinkel. "Diese Leute", sagt Hartmann, "sind damit groß geworden, dass ihre Väter die Regeln setzten. In ihren Augen galten die allgemeinen Regeln daher für sie noch nie."

Hausherr Zumwinkel, begleitet von Anwalt Hanns Feigen (l.), wurde von Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen mitgenommen© Federico Gambarini/DPA
Warum sollen sie sich also daran halten? Sie fühlen sich als Herren des Universums, denen kein unterbezahlter Finanzbeamter am Zeug flicken kann. Zumwinkel zitierte gern den Rat, den der alten Johann Buddenbrook in Thomas Manns Roman gibt: "Mache nur Geschäfte, bei denen du nachts ruhig schlafen kannst." Bis die Staatsanwälte vorfuhren, dürften selbst seine Tricksereien in Liechtenstein zu dieser Kategorie gehört haben. Der mutmaßliche Steuerkriminelle Zumwinkel galt als Mann von so tadellosem Leumund, dass das Kinderhilfswerk Unicef ihn als Deutschland-Chef im Blick hatte. Er schien eine Idealbesetzung. Er hatte beste Kontakte zu Kanzlern von Helmut Kohl über Gerhard Schröder bis Angela Merkel. Dazu war er Oberaufseher der Telekom und nebenbei noch verantwortlich für die Postbank. Dekoriert mit dem Großen Bundesverdienstkreuz und so ziemlich jeder Managementauszeichnung, die hierzulande vergeben wird.
Noch seine letzten Tage im Amt, bis ihn der Aufsichtsrat am Montag wirklich heimschickte, verbrachte er im Büro. Es gab Tränen bei den Mitarbeiterinnen. Er selbst, heißt es im Unternehmen, sehe die ganze Sache eher als private Dummheit - und keinesfalls als die Staatsaffäre, die nun daraus gemacht werde. Die ganze Aufregung erscheine ihm unverhältnismäßig.
Besorgt warnen auch Industriefreunde wie der vormalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel davor, nun alle Manager über einen Kamm zu scheren. "Das sind nicht die raffgierigen Manager, die Steuern hinterziehen", sagt er. "Das ist einer." Angesichts der gigantischen Vermögen, die die Reichen im Lande aufgehäuft haben, und der dennoch kümmerlichen Steuereinnahmen auf Kapitalerträge scheint das kaum glaubwürdig. Natürlich ist längst nicht jeder Vorstand kriminell; aber allein ist Zumwinkel beileibe nicht.
Unter Einkommensmillionären gilt es als ganz normal, auf Partys Tipps und Kniffe gegen den Zugriff des ach so gierigen Staates auszutauschen. Da wird schon mal eine Internetadresse auf einen Bierdeckel gekritzelt, unter der die Schamlosigkeit in verblüffender Offenheit gepflegt wird: www.internetkanzlei.to. Angebliche "Rechtsanwälte im Exil" bieten dort ihre Hilfe vor Begehrlichkeiten der Steuer an.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 09/2008