Jeder Zweite liebäugelt zumindest kurzfristig auch mit dem eigenen Geschlecht, sagen Wissenschaftler. Bei den meisten spielt sich das bisexuelle Begehren nur im Kopf ab, inzwischen aber wagen immer mehr Männer und Frauen das aufrührende Experiment.

"Wer eine Familie hat, wird von größen Schuldgefühlen"© Klaus Lange
Ein kleiner Kuss genügte, und die Welt staunte, als sei das Knutschen gerade erst erfunden worden. Als sich Madonna und Britney Spears bei den MTV-Awards einen Zungenkuss gaben, waren ihnen die Schlagzeilen der Boulevardblätter sicher.
Mit einem bisschen Bi in den Musik-Videos schafften es auch die dünnen russischen Stimmchen von Tatu in die Charts. Bi beflügelt die Fantasie. Bi heißt für viele: aus allen Töpfen naschen, an allen Ufern landen, in allen Revieren jagen.
Die Popkultur bedient sich gerne der Irritation, die Bisexualität offensichtlich auslöst. Die Vorstellung, sich mit dem einen wie dem anderen Geschlecht zu vergnügen, verstört und fasziniert. Mehr als alle anderen Stars hat Madonna in den vergangenen Jahren bürgerliche Tabus geschreddert. Immer wieder rekelte sie sich in ihren Videos mit Männern und Frauen. Sie hat damit das Bild der Bisexualität maßgeblich geprägt: Wer bi ist, lebt allzeit gierig, hemmungslos und geil.
Ein Klischee, das mit der Realität wenig zu tun hat. Dennoch hält Jürgen Höhn, der am Berliner Zentrum für bisexuelle Lebensweisen Beratungen anbietet, die öffentlichen Aushängeschilder für wichtig: "Das Spiel mit bisexuellen Bildern in der Mode oder in der Popmusik macht vielen Mut, sich zu ihren Impulsen zu bekennen." Wer bei Freunden und Bekannten hinhört, entdeckt eine neue Lust am Experiment. Beste Freundinnen erzählen sich, dass sie Frauenkörper viel erotischer finden als dicke Ehebäuche. Auf Partys sichern sich auch Nichtluder die Aufmerksamkeit mit der Anekdote, wie sie es mal mit einer Frau ausprobiert haben. Männer, die bei einem Date mit einer Frau von ihren Liebeserfahrungen mit Männern berichten, wecken Neugier bei ihrer Flirtpartnerin. Das Bekenntnis, sexuell zwischen den Welten zu wandern, ist kein Liebestöter mehr, sondern ein Aphrodisiakum.
Die Nischen der großen Freiheit in Großstädten wie Köln, Berlin oder Hamburg und die Anonymität des Internets wirken wie ein Katalysator für bislang ruhende bisexuelle Neigungen. Die Kontaktbörsen im Internet sind voll von Frauen, die es mit einer Frau ausprobieren möchten, und Männern, die eine schnelle Begegnung mit anderen Männern suc hen, zusätzlich zur eigenen Frau. Wer will, der kann. Alles ist möglich.
In der schwulen Community werden Bi-Männer oftmals nicht ernst genommen. Sie müssen sich anhören, dass sie in Wirklichkeit gar nicht schwul seien, weil sie es ja doch lieber mit Frauen täten. Oder dass sie nur zu feige seien, sich zu ihrem Schwulsein zu bekennen. Wer sich bi fühlt, will sich jedoch weder von Homo- noch von Heterosexuellen vereinnahmen lassen. Nach Einschätzung des Hamburger Sexualwissenschaftlers und emeritierten Professors Gunter Schmidt eine Haltung, die zu einem Trend anwachsen könnte: "Die Geschlechtsoffenheit wird in den liberalen Großstädten zunehmen. Vielleicht wird in Zukunft häufiger nach erotischer Aura und Flair ausgesucht werden als nach dem Geschlecht."
Doch die neue Experimentierfreude bereitet nicht nur Lust. Jürgen Höhn wird in seinen Beratungen immer wieder Zeuge schwerer Lebenskrisen: "Wenn sich in einer lesbischen Beziehung eine der Partnerinnen in einen Mann verliebt, sind die Hyänen los. Die andere betrachtet das oft als Verrat an der Frauenbewegung." Die Entscheidung für ein bisexuelles Leben kann schmerzhaft sein. Für andere, und für einen selbst.
Der Moment, in dem das eigene Geschlecht bislang unbekannte Lust entfacht, kommt häufig einem Erdbeben gleich. Der Boden wankt, die Gewissheiten fallen. Ein Mann, der sich als Beschützer und Frauenheld sieht, ist tief verunsichert, wenn er die Liebe zu einem anderen Mann in sich entdeckt. "Am schwierigsten ist die Situation, wenn eine Partnerschaft besteht", sagt Jürgen Höhn, "wer eine Familie hat, wird von großen Schuldgefühlen geplagt, der Verantwortung diesen Menschen gegenüber nicht gerecht zu werden. Bei den Angehörigen besteht große Angst." Immer wieder wenden sich Ehefrauen an seine Einrichtung, deren Partner mit einem anderen Mann fremdgegangen sind. Gestern waren ihre Männer für diese Frauen noch der Fels in der Brandung, heute wissen sie nicht mehr, wer und wie ihre Partner sind.
Es sind nach Höhns Erfahrung meistens die Frauen, die Hilfe suchen. "Die Männer igeln sich häufig ein", berichtet er, "manche schotten sich aggressiv ab, manche werden depressiv." Umgekehrt empfinden es Männer als weniger bedrohlich, wenn ihre Frauen sich auch zu Geschlechtsgenossinnen hingezogen fühlen, weil die Vorstellung von zwei liebenden Frauen ein klassischer Männertraum ist. Im wirklichen Leben, in dem es Eifersucht gibt und die Angst, verlassen zu werden, ist die Konstellation dann doch schwieriger als gedacht. Meist dauert es lange, bis ein Grenzgänger akzeptiert, dass er sich für beide Geschlechter interessiert. Die Berliner Psychotherapeutin Dorothea von Haebler berichtet von Männern und Frauen, die mit ihrer Bisexualität zunächst nicht fertig werden, die wissen wollen: Wer bin ich sexuell? In der Therapie versucht von Haebler mit ihren Patienten zu ergründen, was sie wirklich wollen in ihrem Leben. Das kann sowohl die Festigung der Entscheidung sein, bisexuell zu leben, als auch der Entschluss, das bisexuelle Experiment zu beenden. "Die Frage der Identität hat nicht nur mit den sexuellen Vorlieben zu tun. Ebenso wichtig sind etwa Gefühle, Religion, Erziehung, Wertvorstellungen." Anders gesagt: Wer an seiner Bisexualität zweifelt, muss herausfinden, ob sie ihn glücklich macht oder nicht.
Auch für die Sexualforschung ist die Bisexualität ein schwieriger Stoff. Der legendäre Kinsey-Report von 1948 lieferte das provokante Ergebnis, dass sich 46 Prozent der untersuchten Menschen bisexuell verhielten. Darunter fielen jedoch auch alle, die ein einziges homosexuelles Erlebnis hatten oder lediglich gleichgeschlechtliche sexuelle Fantasien. Seitdem orientieren sich immer noch viele Sexualwissenschaftler an Kinsey's Ergebnissen, dass etwa die Hälfte ausschließlich heterosexuell sei, ein geringer Prozentsatz homosexuell und eben fast die Hälfte der Gesellschaft mehr oder weniger bisexuell. Ganz anders fallen dagegen die Ergebnisse aus, wenn gefragt wird, wer sich selbst als bi-sexuell bezeichnet. In einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 1994 zum Sexualverhalten der Bundesbürger ordneten sich nur 3,4 Prozent der Männer und 4,5 Prozent der Frauen als bisexuell ein.
Ist also ein Mensch bisexuell, wenn er sich so verhält? Oder muss er sich als Bisexueller fühlen? Die Frage beantworten Sexualwissenschaftler höchst unterschiedlich. Denn noch warten grundlegende Fragen auf Antworten: Ist dem Menschen eine bestimmte Sexualität angeboren? Oder ist sie ausschließlich das Ergebnis von Umwelteinflüssen? Oder eine Mischung aus beidem?