Radioaktive Strahlung - die unsichtbare Gefahr

16. März 2011, 08:48 Uhr

Die japanische Regierung hat vor Gesundheitsgefahren durch radioaktive Strahlung gewarnt. Wie gefährlich sind die Stoffe? Was lösen sie im Körper aus? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen. Von Lea Wolz

Geht es so weiter, sind Geigerzähler wohl bald aus. Die Geräte, die ansonsten eher zu den Ladenhütern zählen, finden in deutschen Fachmärkten gerade guten Absatz. Auch die Nachfrage nach Jodtabletten stieg vereinzelt in Apotheken an. Beides zeigt: Auch die Bundesbürger haben Angst vor radioaktiver Strahlung. Doch wie begründet sind die Sorgen? Und was bewirkt radioaktive Strahlung überhaupt im menschlichen Körper? Antworten auf drängende Fragen.

Wie gefährlich ist radioaktive Strahlung?

Sie ist weder zu riechen, noch zu schmecken, noch zu fühlen. Tritt radioaktive Strahlung aus einem Kernkraftwerk aus, verbreitet sie sich über den Wind. Menschen atmen die verseuchte Luft ein oder nehmen die gefährlichen Partikel über die Haut auf. Ob und wie schädlich dies für die Gesundheit ist, hängt von der Dauer, der Art und der Stärke der Strahlen ab.

Die biologische Wirkung von radioaktiven Strahlen auf Menschen wird in Sievert (Sv) ausgedrückt. Dahinter versteckt sich die Energiedosis, die ein Körper pro Kilogramm Gewicht aufnimmt. Mit einer geringen Dosis an Strahlung kommt der Mensch ganz gut zurecht: Durchschnittlich 2,1 Millisievert (mSv) beträgt die natürliche Strahlenbelastung laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Deutschland pro Jahr - etwa aus dem Weltraum oder aus dem Boden. Um die 1,5 bis 2 mSv kommen noch einmal hauptsächlich aus Röntgenuntersuchungen dazu. Dabei schwankt die natürliche Strahlenbelastung innerhalb Deutschlands: Durch radioaktive Erze im Boden ist sie zum Beispiel im Erzgebirge, im Bayerischen Wald oder im Schwarzwald leicht erhöht und kann einige mSv zusätzlich betragen. All das ist relativ harmlos.

Steigt die Strahlenbelastung über dieses Maß, wird es gefährlich. Bei einer kurzfristigen Dosis von ungefähr 200 mSv ist Strahlenmedizinern zufolge mit Schäden im Erbgut zu rechnen. Die Häufigkeit von Krebs, besonders von Leukämie, nimmt dann statistisch in dem bestrahlten Gebiet zu. Ab einem halben bis einem Sievert tritt die Strahlenkrankheit auf, die in ihrer leichten Form mit Übelkeit, Erbrechen, Fieber und Kopfschmerzen einhergeht. Bei einer Dosis von mehr als 20.000 mSv versterben die Menschen laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) innerhalb von zwei Tagen.

In Japan wurden in Umkreis des Katastrophen-Kraftwerks Fukushima mittlerweile laut Regierung Strahlendosen von 400 mSv gemessen. Ein Mensch, der sich in diesem Gebiet aufhält, würde damit in einer Stunde das 200fache der Jahresdosis aufnehmen. Für die Gesundheit ist dieser Wert bereits gefährlich. Zum Vergleich: 350 mSv wurden damals bei den Anwohnern in der Nähe des Kernkraftwerkes Tschernobyl gemessen, die nach der Katastrophe umgesiedelt wurden. Die Arbeiter, die das Atomkraftwerk Tschernobyl sichern mussten und innerhalb eines Monats verstarben, waren 6000 mSv ausgesetzt.

Was richtet die Strahlung im Körper an?

Sind die radioaktiven Partikel einmal in den Körper gelangt, beginnen sie dort ihr zerstörerisches Werk. Die ionisierende Strahlung kann Körperzellen vernichten, unser Erbgut schädigen und somit langfristig Krebs, vor allem Leukämie, auslösen.

In erster Linie sind vor allem leicht flüchtige radioaktive Stoffe wie Jod und Cäsium gefährlich, die sich rasch über weite Strecken verbreiten können. Radioaktives Jod kann mit der Nahrung aufgenommen oder eingeatmet werden. Auch über die Haut gelangt es in den Körper. Ist es einmal dort angelangt, reichert es sich in der Schilddrüse an, wo es zu Organschäden führen kann. Daher werden in Japan Jodtabletten verteilt, mit denen die Schilddrüse mit Jod gesättigt werden soll - damit sie kein gefährliches Jod 131 aufnimmt. Gegen andere radioaktive Stoffe helfen diese Tabletten allerdings nicht. Der Vorteil: Jod 131 zerfällt in einigen Tagen und ist danach weitgehend verschwunden.

Relativ leicht verbreitet sich auch radioaktives Cäsium, das in hohen Konzentrationen Muskelgewebe und Nieren schädigen kann. Problematisch ist bei Cäsium 137 allerdings, dass es mit 30 Jahren eine relativ lange Halbwertszeit hat. Es reichert sich daher im Boden an, wird von Pflanzen sowie Tieren aufgenommen und gelangt so in die Nahrungsmittelkette: zum Beispiel über Gemüse, Milch oder Pilze. Große Mengen dieses Stoffes wurden bereits bei der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl frei.

Kommt es in dem Reaktor zu "explosionsartigen Freisetzungen mit großer Hitzeentwicklung", entweichen dem BfS zufolge auch andere schädliche Stoffe - darunter Strontium und Plutonium. Da sich Strontium wie Kalzium verhält, reichert es sich vor allem in den Knochen an und erhöht das Krebsrisiko. Plutonium gelangt über kleine Staubpartikel, sogenannte Aerosole, in die Lunge. Von dort aus können sich geringe Anteile auch in Knochen und Leber ablagern. Beide Stoffe werden vom Körper nur sehr langsam abgebaut und geben für eine für den Menschen äußerst schädliche Strahlung ab. Bereits kleinste Mengen davon können laut BfS gesundheitsgefährdend sein.

Welche Symptome zeigen sich?

Strahlenmediziner unterscheiden zwischen akuten Folgen und Langzeitfolgen einer Bestrahlung. Akute Strahlenschäden können laut BfS bei einem Kernschmelzunfall bereits bei einer Dosis von 500 mSv auftreten. Ist der Körper kurzzeitig dieser Belastung ausgesetzt, werden Zellen und Gewebe zerstört. Bei leichten Fällen der Strahlenkrankheit kann es kurz nach der Bestrahlung zu Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen kommen. Die Symptome verklingen zwar wieder, nach einiger Zeit kehren aber Schwächegefühl, Fieber und Appetitlosigkeit zurück. Das Immunsystem der Bestrahlten bricht zusammen. Ist der Körper höheren Dosen ausgesetzt, führt dies zu Haarausfall, Blutungen oder Krämpfen, die Haut rötet sich oder verbrennt.

Auch wenn keine unmittelbaren Folgen auftreten, ist die Gefahr nicht gebannt: Noch Jahrzehnte nach der Strahlenbelastung kann Krebs ausbrechen. Veränderungen des Erbguts und Missbildungen bei Kindern gehören ebenfalls zu den Spätfolgen. Auch auf die Fruchtbarkeit, das Verdauungs- oder Herzkreislaufsystem kann sich Bestrahlung auswirken.

Wie kann man sich schützen?

In erster Linie gilt es, das betroffene Gebiet so schnell wie möglich zu verlassen. Damit sich radioaktives Jod nicht in der Schilddrüse einlagert, verteilen japanische Behörden Jodtabletten. Von einer vorsorglichen Einnahme raten Experten in Deutschland allerdings ab - unter anderem, da auch hochdosierte Jodtabletten Gefahren bergen: So erhöhen sie bei Erwachsenen über 45 Jahren das Risiko für schwere Schilddrüsenerkrankungen. Gegen Cäsium 137 gibt es keine Medikamente.

Verbreiten sich radioaktive Stoffe durch Wind und Wetter, rät das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe dazu, sich möglichst in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Schutzkleidung, wie ein wasserdichter Regenmantel, bietet zwar gegen die Strahlung keinen Schutz, verhindert aber, dass sich die Partikel auf der Haut absetzen. Die Kleidung sollte zu Hause schnell gewechselt werden. Wichtig ist es auch, Hände, Gesicht und Haare nach einem Aufenthalt im Freien gründlich zu waschen. "Einfacher Atemschutz ist dagegen kaum in der Lage, das Einatmen flüchtiger radioaktiver Stoffe zu verhindern", heißt es beim BfS. Auf möglicherweise belastetes Obst und Gemüse aus dem Garten sollte man besser verzichten.

Wie gefährlich ist die Situation für Deutschland?

Die gefährlichen Stoffe werden mit dem Wind verteilt. Je weiter sie getragen werden, umso geringer wird ihre Konzentration und damit auch ihre Schädlichkeit. Zudem zerfallen laut BfS manche dieser Stoffe, wie radioaktives Jod, auf diesem Weg. Auch Regen und Schnee sorgen dafür, dass sich radioaktive Wolken auswaschen. In Europa seien daher nach derzeitiger Lage "allenfalls geringfügige Auswirkungen zu erwarten", heißt es beim BfS. Daher seien "derzeit keine Strahlenschutzmaßnahmen erforderlich".

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