4. April 2006, 08:38 Uhr

Ein Leben in der Hand

Wenn sie redet, halten ihre Hände kaum still - wie auch? Diese Hände mit den markanten rot lackierten Fingernägeln bilden seit 1992 den Mittelpunkt im Leben der Gebärdensprachdolmetscherin Karin Kestner. Von Jens Lubbadeh

"Gottes vergessene Kinder" mit William Hurt und der auch im wirklichen Leben gehörlosen Schauspielerin Marlee Matlin©

Ein Film kann das Leben eines Menschen verändern. Vor 14 Jahren sah Karin Kestner "Gottes vergessene Kinder", die bewegende Liebesgeschichte zwischen einem hörenden Lehrer und einer ehemaligen gehörlosen Schülerin. Und die gelernte Tiefbautechnikerin und Hausfrau in einem Vorort von Kassel beschloss, dass sie diese faszinierende Sprache lernen wollte. Lernen musste.

"Alles schön und gut, aber DGS war das ja nicht"

Karin Kestner nahm ihr Leben in die Hand - im wahrsten Sinne des Wortes. An der Volkshochschule lernte sie die flinke Sprache der Hände, bei einer tauben Lehrerin. Diese ermunterte sie, aus dem Hobby mehr zu machen und zu dolmetschen. Als Karin ihren ersten Dolmetschauftrag annahm, gab es in Deutschland kaum professionelle Gebärdensprachdolmetscher.

Sprachbeispiel DGS

Die deutsche Gebärde für das Wort "Gebärdensprache"

Es war zugleich Karins erster Kontakt mit einem Gehörlosen außerhalb des Kurses - und die Bewegnung zeigte ihr, wie wenig sie über die komplexe Gehörlosenwelt wusste. Denn der Gehörlose verstand zwar, was sie dolmetschte, "aber danach kam er zu mir und meinte: 'Alles schön und gut, aber DGS war das ja nicht'." Karin hatte an der Volkshochschule nämlich nicht die Deutsche Gebärdensprache gelernt, sondern die so genannten LBG: lautsprachbegleitende Gebärden. Diese sind ein von Pädagogen erdachtes Hilfsmittel, um gehörlosen Kindern Deutsch beizubringen.

Karin Kestner - anfangs keine Ahnung, was der Unterschied zwischen LBG und DGS ist©

Denn die Deutsche Gebärdensprache, abgekürzt DGS, ist völlig eigenständig. Deutsch, geschrieben wie gesprochen, ist für Gehörlose eine Fremdsprache, die sie mühsam lernen müssen. Weil sie keine Rückkopplung über das Ohr haben, können sie sich Deutsch nur über das Lesen aneignen. Wer je versucht hat, Spanisch oder Französisch allein anhand von Büchern und Zeitschriften zu lernen und die Sprache noch nie gesprochen gehört hat, wird sich ausmalen können, wie schwierig das ist.

In Großstädten gibt es oft ein Little-Gehörlosen-Town

Karin Kestner wollte die "wahre" Gebärdensprache lernen. Doch wie lernt man eine Sprache, die über Bewegungen funktioniert und keine Schriftform kennt? Und vor allem - wo lernt man sie? Ein Land, in dem die Menschen Gebärdensprache als Muttersprache sprechen, gibt es nicht.

Wer Gebärdensprache lernen will, der muss zu den Gehörlosen gehen. Und wo es viele Gehörlose gibt - typischerweise in den Großstädten - da gibt es meist so etwas wie einen "Gehörlosenverein". In Hamburg beispielsweise leben zwei- bis dreitausend Gehörlose. Man könnte sie mit den sprachlichen Minderheiten in US-amerikanischen Großstädten vergleichen - eine Art "Chinatown" oder "Little Italy" der Gehörlosen in der Großstadt. Denn wie bei den Italienern und Chinesen in New York und San Francisco gilt auch bei den Gehörlosengemeinschaften in den Großstädten: Die Sprache verbindet, sie schafft eine eigene Identität und Kultur. Und in ihrer Andersartigkeit im Vergleich zur deutsche Sprache ist die Deutsche Gebärdensprache durchaus vergleichbar dem Chinesischen.

Ihre Grammatik ist dreidimensional

Es ist übrigens ein weit verbreiteter Irrtum, dass es weltweit nur eine einzige Gebärdensprache gibt - jedes Land hat seine eigene. Eines haben jedoch fast alle Gebärdensprachen tatsächlich gemeinsam: die dreidimensionale Grammatik. Mittels ganz spezieller räumlicher Bewegungen der Gebärdenzeichen, genau festgelegter Handformen für Wortgruppen und Objekte, sowie bestimmter Körperbewegungen und Mimik drückt der Gebärdensprachler grammatikalische Zusammenhänge aus.

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