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8. September 2009, 19:36 Uhr

Die Lüge vom Lohn für Leistung

Im Wahlkampf überbieten sich Politiker mit Forderungen nach Fairness: Jeder soll entsprechend seiner Anstrengung verdienen. Mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit hat das nichts zu tun. Von Frank Ochmann

 
Kopfwelten, tariflohn

Pflege-Berufe: hoch geschätzt, schlecht bezahlt© Bernd Wüstneck/DPA

Leistung muss sich lohnen!" Kaum eine Partei, kaum eine Wirtschaftsvereinigung oder Gewerkschaft, die sich diese Devise nicht zu Eigen macht. Das klingt ja auch nicht schlecht, soll es doch heißen: Strengst du dich an, wird das angemessen vergütet.

Auf einen solchen simplen Satz könnte man vermutlich eine komplette Theorie der ökonomischen Gerechtigkeit aufbauen. Und wohl deshalb nicken so viele zustimmend, wenn sie Politiker diesen Satz wieder und wieder von der Wahlkampftribüne herunter verkünden hören: Jawohl, Leistung muss sich lohnen! Und auf welchem Lohnniveau liegt darum bei uns die Betreuung von Kindern und Kranken?

Leistung ist Energie pro Zeit

Beginnen wir grundsätzlich: Leistung ist Energie pro Zeit, sagen Physiker. Wer etwas leistet, macht sich Mühe, wird dadurch müde und muss irgendwann auftanken. Indem er etwas isst, indem er schläft, indem er entspannt. Das Potenzial wird wieder aufgefüllt, und wir können für eine gewisse Zeit erneut etwas leisten.

Allein aber, weil das Auftanken etwas kostet, ist es kein unvernünftiger Gedanke, für Leistung eine Gegenleistung zu erwarten. Doch wie viel für welche Leistung? Das ist nicht so trivial, wie es aus dem Munde von Politikern oft klingt. Da heißt es meist: Wer viel leistet, soll auch viel verdienen! Aber wer leistet denn "viel"?

Wir können Energie zum Beispiel bei körperlicher Arbeit loswerden. Wenn wir einen Gelähmten aus dem Rollstuhl heben, ein Kind aufs Töpfchen oder eine Waschmaschine auf einen Umzugs-LKW. Der dafür erforderliche Energieaufwand lässt sich berechnen. Und je nachdem, wie lange wir ihn aufbringen, ergibt das eine bestimmte erbrachte Leistung.

Die Leistung der Denkarbeit

Auch im Sitzen und ganz ohne auffällige physische Anstrengung lässt sich Energie verbraten: beim Denken zum Beispiel. Nur zwei Prozent der Körpermasse eines Menschen steckt im Gehirn. Dessen Anteil am gesamten Energiebedarf aber liegt bei stattlichen 25 Prozent. Deshalb ist Kopfarbeit wirklich anstrengend, auch wenn das auf dem Bau oder vor dem Hochofen vielleicht belächelt wird. Doch schon von der Physik und Physiologie her kann kein Zweifel bestehen, dass die Planer und Entscheider hinter den Schreibtischen etwas leisten. Wir müssen allerdings nicht lange rechnen, um zu der Einsicht zu kommen, dass es solche Leistung nicht sein kann, die real existierende Unterschiede bei den Löhnen begründet.

Nehmen wir dazu ein aktuelles Beispiel: Das unterste Tarifniveau von Verkäufern im Einzelhandel liegt derzeit bei 1500 Euro brutto im Monat. Arbeitet eine solche Verkäuferin oder ein Verkäufer in einem noch existierenden Karstadt-Kaufhaus, dann liegt deren Gehalt um gut den Faktor 150 unter dem des eben ausgeschiedenen obersten Chefs Karl-Gerhard Eick. Dessen Leistung wäre nämlich mit etwa drei Millionen Euro pro Jahr vergütet worden, hätte er seinen kompletten Fünfjahresvertrag erfüllt. Wegen der Pleite, die er nicht verhindern konnte, bekommt Eick jetzt allerdings nach etwa einem halben Jahr Leistung für das Unternehmen die gesamte Vertragssumme von etwa 15 Millionen Euro. Was dann umgerechnet zu einem Jahresgehalt von rund 30 Millionen Euro führt und Pi mal Daumen dem 1500-fachen der untersten Tarifgruppe entspricht. Muss man ihm daraus einen Vorwurf machen? Eick bekommt nur, was ihm beim Vertragsabschluss von denen, die ihn eingestellt haben, zugebilligt worden ist. Fragt sich allerdings, warum eine solche Summe überhaupt in Erwägung gezogen wurde. Und für was eigentlich?

Es könnte ja zum Beispiel sein, dass geistige Arbeit bei uns - im "Land der Dichter und Denker", im "Land der Ideen" - grundsätzlich viel höher entlohnt wird als körperliche. Natürlich stünde dahinter dann eine bestimmte gesellschaftliche Wertung, die über eine reine Leistungsbilanz hinausginge. Das wäre also möglich, kann aber nicht sein. Denn dann würden hierzulande viele Geisteswissenschaftler nicht versuchen, nach ihrem Studium als Taxifahrer oder Fahrradkuriere finanzielle über die Runden zu kommen. Und es ließe sich auf der anderen Seite auch nicht erklären, warum Prinz Poldi und Co. mit einer doch weitgehend körperlichen Leistung auf dem Fußballrasen Millionen verdienen.

Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geistes­wissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.

Seite 1: Die Lüge vom Lohn für Leistung
Seite 2: Es geht um den sozialen Rang
 
 
Kopfwelten

stern-Redakteur Frank Ochmann berichtet über Aktuelles aus Hirnforschung und Psychologie und kommentiert Denk- oder auch Fragwürdiges.

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