Charles Darwin präsentierte seine Evolutionstheorie vor 150 Jahren. Seither ziehen Zweifler und Fanatiker gegen die "gottlose" Lehre zu Felde. Doch die moderne Naturwissenschaft liefert inzwischen eine Fülle von Beweisen für das Gedankengebäude des genialen Naturforschers. Von Horst Güntheroth

Vor 150 Jahren veröffentlichte Charles Darwin sein Werk über die Entstehung der Arten© Richard Milner/DPA
Das Biest ist winzig. Unsichtbar fürs Auge, nur wenige tausendstel Millimeter groß. Staphylococcus aureus heißt das Nichts. Ein Bakterium, das Menschen umbringen kann.
Uwe Frank, Professor für Klinische Mikrobiologie an der Universität Freiburg, nimmt ein Plastikschälchen aus dem Brutschrank und zeigt die potentiellen Killerkeime: ein gelblicher Belag auf rotem Nährboden. Die Erreger stammen aus der infizierten Wunde eines Patienten, innerhalb von Stunden sind ein paar wenige zur Milliarden-Kolonie explodiert. Aber nicht gleichmäßig. "Wir haben Plättchen in die Schale gelegt und jedes mit einem anderen Antibiotikum getränkt", erklärt Frank, "wenn ein Mittel wirkt, erzeugt es einen bakterienfreien Kreis um sich; wenn nicht, wachsen die Mikroben dicht heran." Sechs Plättchen liegen im Substrat - doch nur ein einziges Rund hat sich gebildet. Fünfmal keine Wirkung. Die Keime sind unempfindlich, widerstandsfähig gegen fünf der eingesetzten Antibiotika.
"Es ist ein riesiges Problem", sagt der Professor, der mit seiner Arbeitsgruppe das Dilemma der abstumpfenden Waffen gegen Bakterien deutschlandweit untersucht und überwacht. "Das Tempo der Resistenzentwicklung ist atemraubend, als ich vor 20 Jahren studierte, waren knapp drei Prozent aller Staphylococcus-aureus-Stämme immun gegen das Mittel Oxacillin, heute sind es bereits 25 Prozent." Ursache: der massive Antibiotikaeinsatz bei Infizierten. Nicht alle der Bakterien nämlich gehen bei der pharmazeutischen Attacke zugrunde. Wer aber überlebt, gibt seine Widerstandskraft an die Abkömmlinge weiter. Die bilden neue Stämme, die noch besser gegen das Medikament gefeit sind. So geht es weiter, bis die Keime komplett unangreifbar sind. Schließlich versagt Antibiotikum um Antibiotikum, die gefährlichen Erreger lassen sich kaum noch in Schach halten - durch ungewollte Auslese, vom Menschen bewirkt.
Eine Tragödie für Homo sapiens Wohlergehen, doch ein faszinierender Beweis für jenen Vorgang, der in der belebten Natur waltet und den Biologen "Evolution" nennen. Es ist der elementare Prozess im Reich von Flora und Fauna, der überall und jederzeit abläuft, bei kleinen und großen Organismen, in der Laborschale und in freier Wildbahn, in der Vergangenheit, heute und in der Zukunft. Der immer wieder Lebewesen verändert, Neues aus Altem schafft. Und in vielen kleinen Schritten schier Unglaubliches vollbringt, auf unserem Planeten aus einst winzigen Einzellern die enorme Vielfalt des Lebens erblühen ließ: Ginster und Giraffe, Ahorn und Adler, Fruchtfliege und Forelle, Maus und Mensch. In aller Regel langsam, in kaum zu überblickender Zeit. Das Beispiel der Mikroben-Wandlung jedoch macht uns zum Augenzeugen dieser Kraft.
Charles Darwin war es, der das geheimnisvolle Geschehen entschlüsselte. Am 24. November vor genau 150 Jahren präsentierte er seine Aufsehen erregende Theorie der Öffentlichkeit. "Das tiefgreifendste, machtvollste Gedankengebäude, das in den letzten 200 Jahren erdacht wurde", schwärmt Evolutionsbiologe Jared Diamond von der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Und der an der Harvard University in Cambridge lehrende Biologe Ernst Mayr gar pries Darwin, den "vielleicht größten geistigen Umbruch in der Menschheitsgeschichte" vollbracht zu haben.
Dem Revolutionär zufolge hat nicht die Hand eines omnipotenten Schöpfer-Gottes, wie in der Genesis verkündet, all die vielfältigen Kreaturen des Planeten planvoll geformt, sondern ein seelenloser und natürlicher Entwicklungs- und Ausleseprozess im langen Lauf der Erdgeschichte. Eine Erkenntnis, die die Welt verändert hat und es noch heute tut. Sie bildet inzwischen nicht nur das Fundament der gesamten Biologie, sondern ist entscheidend für das Verständnis von allem Leben auf dem Globus.