Umgang mit Sarah-Lee Heinrich Blöde Tweets einer Jugendlichen? Her damit

Die Moral von der Geschicht? "Stellt nicht jeden Scheiß ins Netz": Sarah-Lee Heinrich, hier mit Timon Dzienus nach ihrer Wahl als Bundessprecher der Grünen Jugend
Die Moral von der Geschicht? "Stellt nicht jeden Scheiß ins Netz": Sarah-Lee Heinrich, hier mit Timon Dzienus nach ihrer Wahl als Bundessprecher der Grünen Jugend
© Bodo Schackow / DPA
Alte Jugend-Tweets der neuen Sprecherin der Grünen Jugend haben ihr einen Shitstorm und Morddrohungen eingetragen. Das Netz vergisst nichts. Noch weniger vergibt es. Mal wieder ein Grund, sich richtig schön aufzuregen.

Es gab einmal eine Zeit, da trug ich "Russenkoppel", so einen Gürtel mit Messingschnalle wie ihn die Soldaten der Roten Armee trugen. Warum? Fand ich cool, damals mit 14. Zum Glück gibt es keine Videos aus diesen Tagen von dem, was wir damals Party nannten. Auch bin ich sehr dankbar, dass (soweit ich weiß) keine Fotos unserer nächtlichen Streifzüge durchs anarchische Wende-Berlin existieren. Und zum Glück weiß nicht mal ich mehr so genau, was ich mit 14 so sagte, bisweilen vielleicht sogar grölte.

Wir hatten einfach Glück. Ich nenne es die Gnade der frühen Geburt – um mal ein Wort des damaligen Kanzlers Helmut Kohl abzuwandeln. Was wir mit dem Zirkel in Resopaltische ritzten oder mit dem Edding auf dem Schulklo hinterließen, ist längst ausgetauscht, übermalt und wegradiert – verschwunden im Nebel des Vergessens.

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Sarah-Lee Heinrich hat es schwerer. Sie trägt die Last der späten Geburt. Sie war auch mal 14, was leider nicht allzu lange her ist. Ihre Phase als irrer Hormon getriggerter Teenager fiel schon ins Zeitalter der sozialen Medien, weshalb Teile ihrer damaligen Äußerungen bis heute gut dokumentiert sind, jedenfalls waren. Kurz bevor die inzwischen 20-jährige Sarah-Lee Heinrich am Wochenende zur neuen Sprecherin der Grünen Jugend gewählt worden ist, hat sie manchen Tweet gelöscht.

Sarah-Lee Heinrich: Rückzug aus der Öffentlichkeit, für ein paar Tage

Sie hat gewusst, warum. Genutzt hat es ihr wenig. Das Netz vergisst nichts. Noch weniger vergibt es. Und so wurden sofort aufgeregt diverse Äußerungen der jungen und sehr jungen Sarah-Lee Heinrich auf Twitter herumgereicht. Und so fegte alsbald ein ausgewachsener, von rechten Kreisen angefeuerter Shitstorm über die Frau hinweg. Massive Morddrohungen inklusive. Am Montag teilte das Büro der Grünen Jugend mit, dass sie sich deshalb "zu ihrer eigenen Sicherheit" ein paar Tage aus der Öffentlichkeit zurückziehen wird. 

Es gibt kein Recht darauf, in sozialen Netzwerken fair behandelt zu werden – es sind asoziale Netzwerke, wie nun wirklich oft genug beklagt worden ist. Wie im Übrigen einige von Heinrichs Jugend-Tweets selbst aufs peinlichste belegen. Hätte sie dasselbe laut durch ein Zugabteil gerufen? Oder samt Namen und Datum an die Wand ihres Schulklos getaggt?

Im Netz jedoch hat sich die sehr junge (und bisweilen offenbar aufbrausende) Heinrich, einer Sprache befleißigt, die nicht in jedem Fall den Woke-Tüv der Grünen Jugend überstanden hätte, um das Mindeste zu sagen. Es fielen homophobe, sexistische und politische Beleidigungen.

Wer will, kann darin Empörung finden. Weil die Grünen selbst gern so super-korrekt tun. Weil die alerte Grüne Jugend vermutlich genauso gewütet hätte, wenn der neue JU-Chef mit 14 eine Katze getreten (was er nicht hat) oder der Chef der Jungen Liberalen einst einer Mitschülerin anzügliche WhatsApps geschickt hätte (was er ebenfalls nicht hat).

Und so ließe sich auch dieser Shitstorm herleiten und erklären, wie alle anderen vor und nach ihm auch. Der wahre Grund für derlei Erregung ist oft weit banaler. Und gefährlicher. Er lautet: Weil wir uns alle mit großer Lust empören! Weil wir eine Gesellschaft von dauererregten Empörlingen geworden sind.

Hauptsache Empörung

In der Gesellschaft der Empörlinge gilt die oberste Regel: Hauptsache Empörung, Hauptsache Aufregung und unerbittlicher Vorwurf. Wer empört ist, steht auf der richtigen Seite, bei den Guten, denen, die jederzeit wissen, was sich gehört und was gar nicht geht. Wir Empörlinge sind süchtig danach. Darum sind wir nicht einfach empört, wir suchen regelrecht nach Anlässen, die es uns erlauben, uns zu empören. Die uns das Recht geben, uns über andere zu erheben, die mal wieder Unverzeihliches getan haben – und nichts anderes verdient haben als die öffentliche Bestrafung. Leider? Nein, zum Glück!

Der Anlass ist uns Empörlingen darum komplett egal. Wir nehmen alles, eine blöde Bemerkung, eine verrutschte Geste. Unpassendes Lachen im Flutgebiet, unkorrekte Angaben im Lebenslauf. Blöde Tweets einer Jugendlichen? Her damit!

Wir Empörlinge gestehen niemandem das Recht zu, jung und dumm zu sein. Wir gönnen nicht, wir verzeihen nicht. Wer Mist macht, muss Konsequenzen tragen. Offen ist anfangs nur, worin diese Konsequenz letzten Endes besteht. Reicht eine Entschuldigung oder erst nach erlittenem Shitstorm? Muss es ein Rücktritt sein oder gleich die Vernichtung der bürgerlichen Existenz? Vielleicht wäre es am besten, wenn künftig jeder Mensch, der für ein öffentliches Amt kandidieren will, eine umfassende Jugendbeichte ablegt. Eine General-Entschuldigung für alle Eventualitäten. Offen ist nur, ob das schon für den Posten des Schülersprechers gilt oder erst ab dem Level der Kommunalpolitik.

"Schreibt nicht jeden Scheiß ins Netz"

Allen, die in diesem Leben noch was werden wollen, lesen wir Empörlinge hiermit ihre Rechte vor: "Alles, was Sie ab jetzt sagen oder je gesagt haben, kann und wird gegen Sie verwendet werden."

Oder wie Heinrich selbst am Sonntag auf Twitter (!) schrieb: "Moral von der Geschichte: Schreibt nicht jeden Scheiß ins Netz!"

Das empfiehlt sich grundsätzlich für alle Lebenslagen. Noch schöner wäre allerdings, wenn wir Empörlinge mal die Moschee in Mülheim lassen könnten. Wenn wir Lappalien wieder als Lappalien behandeln. Und Skandale wieder als Skandale. Sechs Jahre alte Tweets einer damals 14-Jährigen gehören nicht dazu.

Kohl war mit 14 übrigens in der Hitlerjugend, ich immerhin Mitglied bei der Freien Deutschen Jugend und in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Dann wäre das hiermit auch gebeichtet. Nur für den Fall, dass ich mal für irgendwas kandidieren sollte. Man kann schließlich nie wissen.


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