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ADAC-Gespräch zur Mobilität Freie Fahrt fürs Strommobil


Wenn der ADAC zum Gespräch bittet, kommt auch ein Bundesminister. Und das, obwohl der größte Verein Deutschlands selbst der Kanzlerin schon einen Korb gegeben hat, weil dem Club die Tonlage nicht passte. Nun präsentierte sich der ADAC in Berlin als Mobilitätsvisionär mit Augenmaß und Sprachrohr des Endkunden.
Von Gernot Kramper

Beim Mobilitätsgipfel der Kanzlerin Anfang Mai sorgte der ADAC für einen Eklat. Weil die Interessen der Verbraucher nicht gewahrt seien, war der Club der Eröffnungsveranstaltung fern geblieben. Und sorgte so dafür, dass der erwünschte Funke der Begeisterung beim Autofahrer nicht recht übersprang. Der Verein gehört so sehr zum deutschen Inventar, dass man dazu neigt, seine wahre Bedeutung zu unterschätzen. Dabei vertritt der ADAC 17 Millionen Mitglieder und damit die Hälfte der automobilen Haushalte. Er ist nicht nur der größte Verein, sondern auch die größte Verbraucherschutzorganisation Deutschlands. Einen Mitgliederschwund wie andere Massenorganisationen kennt der ADAC nicht.

Demonstratives Fernbleiben bedeutet aber nicht untätig bleiben, also hat der ADAC ein eigenes Mobilitätsgespräch in Berlin organisiert. Während andere Veranstaltungen dieser Art vor allem Signale setzen wollen, ging es hier heute auch um die Perspektive der Mitglieder, der Verbraucher. Ein wenig auf die allgemeine "Euphoriebremse treten" lautete das Motto. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hatte Verständnis dafür, dass der Club sich die Zukunft nicht nehmen lassen will.

Zeit des Übergangs

Die nahe Zukunft nennt ADAC-Technikleiter Reinhard Kolke eine "Umbruchzeit", eine Zeit des Übergangs vom Verbrennungsmotor zu alternativen Antrieben. Rein elektrisch betriebene Fahrzeuge werden seiner Einschätzung nach zunächst nur in den Ballungsräumen und in speziellen Fuhrparks eine Rolle spielen. Für den Kunden von heute seien Hybridfahrzeuge interessanter. Mit Schritt zum Plug-In-Hybrid kommen sie einem reinen Stromfahrzeug bereits nahe, weil sie Alltagsstrecken nur mit Strom bewältigen können. Für Zukunftstechnik hat das normale ADAC-Mitglied nicht beliebig viel Geld übrig. Ein Meilenstein sei daher ein Auto wie der Honda Insight, ein Hybrid, der sich auch in einer reinen Kostenbetrachtung dem konventionellen Wettbewerb stellen kann. ADAC-Präsident Peter Meyer fordert von der Politik vor allem, dass individuelle Mobilität für jedermann möglich sein müsse. Die große Angst der Menschen heiße: "Bleibt das bezahlbar?"

In der weiteren Zukunft, in den Jahrzehnten nach 2040, wird die elektrische Mobilität die Welt dominieren. Dr. Gregor Matthies, Partner und Automobilexperte bei Bain & Company, hat die verfügbaren Studien ausgewertet. Einhellige Meinung: Zu strombetriebenen Fahrzeugen gibt es keine Alternative. Die Gründe liegen in der Endlichkeit der fossilen Energieträger, im Wachsen der globalen Megacities und dem Erstarken der Schwellenländer. In China und Indien wird es 2040 die gleiche Fahrzeugdichte wie in Europa geben, so seine Prognose. "Die Vorstellung, wir könnten den Chinesen die Mobilität verbieten, ist absurd." Trotz dieser wachsenden Anzahl an Fahrzeugen sollen zugleich die Klimaziele eingehalten werden. "Das ist mit dem Verbrennungsmotor einfach nicht möglich."

Hoffen auf "Premium 2.0"-Kunden

Auf dem Weg dorthin sehen Analysten und Autohersteller Elektromodelle übereinstimmend bei einem Anteil von zehn Prozent bei den Neuzulassungen im Jahr 2020. Im privaten Sektor werden die Wohlhabenden und Konsumfreudigen - flott "Premium 2.0" genannt - die Motoren der Entwicklung sein. "Diese Kunden werden einen zusätzlichen elektrischen City-Kleinwagen trotz eines zunächst hohen Preises anschaffen." Hier liegt, so die Analyse, eine große Chance der deutschen Premiumhersteller. Sie bedienen diese Kunden und bei ihnen ist der Nimbus der Marke stark genug, derartig teure Produkte im Markt durchzusetzen. Massenhersteller und Billiganbieter verfügen über eine knapp kalkulierende Klientel und werden die Premium-2.0-Gruppe nicht erobern können.

Von Peter Ramsauer darf aber niemand finanzielle Hilfe erwarten. Einer direkten Kaufsubvention erteilte der Minister eine klare Absage, auch wenn Kritiker spekulieren, die deutsche Subvention käme exakt dann, wenn es auch deutsche E-Modelle gäbe. "Das ist typisch deutsch. Eben gerade rollen die ersten Modelle vom Band, und schon wird nach Subventionen gerufen", so Ramsauer. "Wir wollen in zehn Jahren eine Million Elektrofahrzeuge auf den Straßen haben. Mit 5000 Euro Prämie ist das unbezahlbar." Dagegen müsse in die Forschung investiert werden. Elektromobilität sei der Schlüssel für die Zukunft und Deutschland habe in diesem Rennen noch alle Chancen zum Leitmarkt zu werden, sagte Ramsauer. Außerdem ergänzte der Minister, "die Menschen müssen ein Produkt schon wollen". Eine Technik setze sich nicht durch, weil der Staat es verordne, sondern weil sie "cool" und begehrlich sei.

Zu den Kommentaren: Herr "Rotweinliebe", der ADAC gibt über 17 Mio Mitglieder an. Bislang unwidersprochen, wenn Sie andere Informationen haben, korrigieren wir die Zahl gern. Die Auflage der Motorwelt ist allerdings kein zuverlässiges Kriterium.


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