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AUS DEM STERN 24/2001: Inspektion bei den Gelackten

Jedes Jahr im August treffen sich die Auto-Eitlen in Pebble Beach an der kalifornischen Küste zum Schaulaufen ihrer Oldie-Juwelen.

Jedes Jahr im August treffen sich die Auto-Eitlen in Pebble Beach an der kalifornischen Küste zum Schaulaufen ihrer Oldie-Juwelen. Seit einem halben Jahrhundert wird dort der Frage nachgegangen: Wer ist der Schönste?

Pebble Beach halb sieben Uhr morgens. Dunstige Nebelbänke schweben über dem Pazifik, das Wasser glänzt spiegelglatt. Draußen vor dem geheiligten 18. Grün des exklusiven Pebble Beach Golfplatz an Kaliforniens Küste drängen sich riesige Sattelschlepper, aus denen kostbare Fracht entladen wird, Autos, für die der Begriff Oldtimer unangemessen klingt.

Hier werden die van Goghs und Picassos der Automobilgeschichte enthüllt, selten, schön, elegant, makellos, unbezahlbar. Sie tragen Namen, die auf der Zunge zergehen, sogar, wenn man nicht alle kennt: Hispano-Suiza, Bugatti, Delahaye, Talbot-Lago, Auburn, Duesenberg...

Mechaniker im Kaschmirpullover

Mechaniker wuseln nicht im fleckigen Overall, sondern im Kaschmirpullover - unter dem Jackett. Besitzer dirigieren nervös, die Stunde ihrer Diva hat geschlagen, nur ein einziges Mal darf sie hier auftreten, heute soll sie in den Autoadel aufsteigen. Sanftes Brummen erfüllt die Luft, hier und da kracht es knatterig, ein Motor hüstelt. Weiße Kreidestriche auf dem manikürten Rasen markieren, wo das linke Vorderrad zu parken hat.

Besorgt blicken die Fahrer auf die mit nassem Gras verstopften Reifenprofile - werden sie es schaffen, jedes Hälmchen rechtzeitig zu entfernen? Natürlich werden sie, obwohl später eine Lautsprecherdurchsage verkündet: »Der Rasen wurde gestern geschnitten und ist heute morgen sehr nass. Es wird keinen Punktabzug für Gras an den Reifen geben.« Dennoch, Halme und der edle Concours d'Elegance, der zum 50. Jubiläum die Auto-Eitlen anzieht, passen nicht zusammen.

Die nächsten zwei Stunden gehören Putzmittel-Brigaden. Lack, Chrom, Nickel, Leder, Gummi und Glas werden poliert, gewienert, gecremt, geölt, besprüht. Wollläppchen und Q-Tips kommen zum Einsatz, wuschelige Staubwedel, weiche Flaschenbürsten und Samttücher. Fünf Menschen zur Pflege einer automobilen Perle sind normal. Dass der Auspuff von innen gereinigt wird, ist kein Gerücht.

Mustang-Fahrer blamiert sich - und rast in Zuschauer

35 verwirrende Klassen

Um neun Uhr schreiten die Mitglieder der Jury zur Tat, die Judges, Fachleute für spezielle Klassen. Davon gibt es verwirrende 35 Stück, wie die Antik-Kategorie vor 1911 oder amerikanische Cabriolets und Roadster 1933 bis 1941. Oder die Europäischen Sport- und Rennwagen 1925 bis 1939, eigene Marken- und Modellklassen wie Ferrari, Teardrop Designs, Boattail Designs, sowie Bentley und Maserati Einzelanfertigungen.

Für die »Class I Mercedes-Benz 1925 - 1939« sind Chief Judge Dieter Holterbosch und drei Kollegen zuständig. Nur drei Wagen sind zu begutachten, also plaudert man ein wenig. Holterbosch, selbst distinguierter Sammler und eleganter Gentleman alter Schule, flüstert: »Wissen Sie, Autos dürfen nicht zum Kunstwerk werden. Sie sollen auch noch funktionieren. Wir wollen weg von den Trailer Queens.« Sein Kollege Leo Levine: »Eleganz ist das Schlüsselwort. Ein Auto hat Stil von Geburt an oder nicht.«

Penible Prüfung

Als Erstes wird ein in zwei Rottönen lackiertes 1938 Mercedes-Benz Cabriolet 540 A begutachtet. Der Besitzer, ein Unternehmer aus Deutschland, steht nervös daneben, einen zerknüllten Putzlappen in der Hand. Siegfried Linke ist der Techniker unter den Judges: »Scheinwerfer? Fernlicht? Scheibenwischer? Blinker? Hupe?« Herrje, wo ist die Hupe? Der Herr Besitzer, der ungenannt bleiben will, zieht hektisch an Knöpfen. »Erst mal 'n Lehrgang machen, oder?«, stichelt Herr Linke. »Wir haben ja Leute hier, die wissen nicht, wo der Starter ist. Ähem.«

Wer hat den Wagen restauriert? Wurde er total zerlegt? Wie lange hat das gedauert? Vier Jahre, ja, das ist normal. »Bitte Motorhaube öffnen«, sagt Judge Linke. »Ah, enorme Verarbeitung.« Doch hallo, die Bodenpfanne fehlt! Minuspunkte. Wieder wispert Dieter Holterbosch: »Die Schlitzschrauben im Türrahmen ... alle waagerecht ausgerichtet. Ts, ts. Das muss nicht sein.«

»Überrestaurierung« ist das neue Schimpfwort. »Neu sahen die Wagen nicht so perfekt aus wie jetzt«, sagt Max von Pein, Chef der Mercedes-Classic-Abteilung und mit jedem Ansaugstutzen auf du und du. Da wird fröhlich verchromt, was original Nickel war; der Motor lackiert, dass er dampft; werden Weißwandreifen aufgezogen, die niemals dahin gehörten. Neuerdings darf die Jury, wenn's gar zu dick kommt, für solch ästhetischen Übereifer Punkte abziehen.

Als Nächstes ist der silberne 1937 Mercedes 540 K Spezial Roadster dran. »37 Stück wurden davon gebaut«, weiß von Pein. »Die kosteten damals 49 000 Reichsmark, der Preis für eine stattliche Villa.« Besitzer Sam Mann hat sein Geld mit Patenten in der Kosmetikindustrie gemacht; zweimal schon hat er »Best of Show« beim Concours gewonnen, zuletzt 1996 mit

einem wunderschönen 1938 Delage D8-120 De Villars Cabriolet. Schwierig sei der Mann, wird gemunkelt, aber wahrscheinlich wird man so, wenn man jahrelang nur Katastrophenmeldungen vom Chefmechaniker empfängt und Schecks ausstellt.

Göttlich

Mister Mann weiß, was er da stehen hat: »Es gibt sicher technisch überlegene Autos, aber keins ist eleganter. Die

fließenden Kotflügel, der dramatische Schwung ... göttlich.» Wie vier schwarze Raben beugen sich die Judges über das

silbern glänzende Metall. »Wie appetitlich«, kommentiert Holterbosch beim

Anblick des Motors. Leider tropft etwas Benzin. Na ja, nicht so schlimm. Doch warum sind die Griffe an der Haube nicht originalgetreu? »Versteh ich nicht«, sagt Leo Levine. »Da sind mindestens 4000 Stunden Arbeit drin und eine halbe Million Dollar. Mercedes kann stolz sein.«

Der Roadster wurde von demselben Mann restauriert, der auch Jay Lenos Autos bearbeitet. Jay Leno, millionenschwerer Talkmeister der Nation, spaziert wie jedes Jahr mit Kamera vorm Bauch über den Rasen. Wie jeder andere auch. »Er ist ein wahrer Sammler, der zufällig berühmt ist«, sagt Holterbosch zufrieden. Dagegen fällt Komiker Jerry Seinfield doch etwas ab, der zwar auch sammelt, aber ausschließlich Porsche, und selbst wenn man zwei Dutzend davon in der Garage hat, reicht das nicht für die höheren Weihen der automobilen Kennerschaft.

Goldlackierte Fußnägel

Inzwischen schieben sich die Besucher in Massen über den Rasen. Tigerhosen, goldlackierte Fussnägel, chirurgisch unterstützte Oberweiten, von altem Port gerötete Nasen, Baseballkappen von Chopard oder Ralph Lauren ... Apropos, der Modemann ist auch da, picknickt stilvoll hinter seinem »Best of Show 1993«, einem nachtschwarzen 1930 Mercedes-Benz SSK Trossi Roadster. Selbst verwöhnte Menschen wie Max von Pein verfallen beim Anblick dieses Einzelstücks in haltlose Schwärmerei. Als es später Zeit ist für die spezielle Parade der Gewinner der Vorjahre, will der edle Motor erst nach etwa 20 Startversuchen anspringen.

Eine Menschentraube hängt um ein dunkelblau-schwarzes Gefährt auf Position 29 A: ein 1938 Bugatti T 57 Atalante Coupé. Welche Eleganz! Welche Linienführung! Besitzer: Schauspieler und Frauenschwarm Nicolas Cage. Ist er persönlich da? Leider nicht. Wäre der Mann noch besser als sein Auto? Bei dem Bugatti? Schwer zu sagen.

Autos, nicht von dieser Welt

Der Concours d'Elegance ist wie ein Film. Hier wird für einen Sonntag eine Ära rekreiert und beschworen, die fast schmerzlich ästhetisch ist. Die Autos sind nicht mehr von dieser Welt, ätherisch geradezu; ihre Marken größtenteils längst verloschen. Sie als teure Spielzeuge zu bezeichnen ist Understatement. Hier werden Denkmäler vorgeführt aus einer Zeit, als Automobile noch keine Massenware waren.

Die Preisverleihung beginnt am frühen Nachmittag. Breite Hüte und Sonnenschirme schützen empfindliche Haut; Champagner perlt. Von den 186 ausgestellten Automobilen sind 129 im Wettbewerb. Fast jedes gewinnt einen Preis irgendeiner Art, denn auch noch das hässliche Entlein ist hier ein Schwan. Die Zuschauer sind hingerissen, als der Sonderpreis für das eleganteste geschlossene Auto vergeben wird, an einen silbernen 1938 Dubonnet Hispano-Suiza H6C Saoutchik Coupé. »Die Türen«, sagt Besucher Matt Borgman aus Los Angeles verklärt, »besser als beim 300SL Gullwing. Höchstens der Lamborghini Countach hält da mit. Nein, der auch nicht.« Sie öffnen sich erst ein Stück zur Seite und schwingen dann nach hinten.

Schönster unter den Schönen

Schönster unter den Schönen wird ein 1937 Delahaye 135 M Figoni et Falaschi Cabriolet, ein kirschrot und cremefarben lackiertes Gedicht mit nicht enden wollenden Kotflügeln und einem schlanken Hinterteil. Nicht alle allerdings fanden diese Schöpfung so unwiderstehlich. Bruno Sacco, wie Max von Pein einer der ehrenamtlichen Preisrichter, die jedes Jahr aus dem Who's Who der Autobranche hinzugezogen werden, stöhnte auf seinem Rundgang, der werde doch hoffentlich nicht Sieger?

Es ist anzunehmen, dass der Wagen dem Ex-Designchef von Mercedes zu sehr den gewissen Hollywood-Chic ausstrahlte.

Wenn Pebble Beach wieder ein paar Jahre gealtert ist, werden die Mitglieder der Dot-Com-Gesellschaft ihre historischen Autos herzeigen. Manche von ihnen schlendern direkt nach der Show, Weinglas in der einen, Kreditkarte in der anderen Hand, ein paar hundert Meter weiter zum Auktionshaus Christie's. Dort werden Träume jüngeren Datums versteigert, ein 1957 Ferrari 250 Testarossa, ein 1955 Jaguar D-Type Sports Racing Car oder ein 1971 Porsche 917/10.

Der Schärfste von allen, ein 1966 Ex-Scuderia Ferrari P3, wird für 5,1 Millionen Dollar verkauft. Am Abend zuvor war auf der Monterey Sports Car Auktion ein 1964 Shelby Cobra Daytona Coupé ersteigert worden. Bei 3,9 Millionen Dollar wurde es ganz still im Saal. Dann schrien die Leute: »... go, go, go!« Ein Mittdreißiger im weißen T-Shirt grinste und hob die Hand. Vier Millionen. Die Tradition bleibt erhalten.

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