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Kommentar

Elektroauto-Bauer: Die Roboter sind schuld: Wie Tesla-Chef Musk uns alle an der Nase herumführt

Der Elektroauto-Bauer Tesla kommt nicht in die Pötte. Und Chef Elon Musk hat dafür eine reichlich irre Begründung, findet stern-Autor Harald Kaiser.

Von Harald Kaiser

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Okay, okay, wir wissen, dass das Börsengeschäft immer eine Wette auf die Zukunft ist. Von Hoffnungen getragen, entweder durch Kauf steinreich zu werden oder durch rechtzeitigen Verkauf seine paar Kröten noch retten zu können. Wer da aktiv ist, gibt gerne vor, für sein Handeln eine entscheidende Information zu haben. Will heißen: Mehr zu wissen als andere. Nicht selten geht der Schuss dann nach hinten los. Der Faktor Irrationalität ist als groß in dem Business.

Damit wären wir bei , dem Chef von Tesla. Es ist ja nicht nur so, dass der Laden noch nie einen Dollar verdient hat, stattdessen Milliarden an Dollar Verluste angehäuft hat. Jetzt ist eine neue Zahl in den USA aufgetaucht, anhand derer sich sehr schön verdeutlichen lässt, wie tief der Tesla-Karren im Dreck steckt: Der sehr ambitionierte Elektroauto-Bauer verbrennt laut einer Berechnung der Finanznachrichtenagentur Bloomberg jede Stunde 390.000 Dollar. Jede Stunde! Lassen sich davon Anleger, die entweder schon Anteilseigner sind oder es werden wollen, beeindrucken? Mitnichten. Im Gegenteil. Nach einer Kursdelle zu Anfang des Jahres, als die Aktie kurzfristig bei knapp über der 200-Euro-Marke lag, kaufen die Musk-Gläubigen wieder. Aussicht auf Gewinn? Nö. Wenigstens Aussichten auf weniger Verluste oder weniger Schulden? Auch nö. Irrational eben.

Elon Musk Tesla 3

Bei der Übergabe des ersten Tesla 3 ließ sich Chef Elon Musk - wie immer - kräftig feiern

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Elon Musk, der Heiland der Tesla-Kirche

Das Ergebnis des ersten Quartals 2018: minus 675 Millionen Dollar. Ist das neu? Nein, allerdings hat sich die Verlusthöhe schlicht verdoppelt. Heißt das, dass sich die Aktionäre Sorgen machen müssen? Eigentlich ja. Aber bei Tesla handelt sich inzwischen um eine Art Kirche, deren Heiland Versprechungen macht, sie nicht einhält, aber dennoch angebetet wird.
Ursprünglich sollten Ende des Jahres wöchentlich 5000 Stück des Volumenautos Model 3 vom Band laufen, doch dieses Ziel wurde deutlich verfehlt. Ende März fertigte Tesla pro Woche immerhin gut 2000 Model 3, verfehlte aber das neue, selbst gesteckte Ziel von 2500 Fahrzeugen pro Woche. Mitte April wurde die Produktion des sogar vorübergehend gestoppt, um die Arbeitsabläufe zu verbessern.

Die Roboter sind Schuld

In einer durchgesickerten Mitteilung an die Mitarbeiter hat Musk nun angekündigt, dass die Produktion des Model 3 im Mai auf 3000 bis 4000 Stück pro Woche erhöht werden soll. Bis Ende des Jahres soll die Produktionsrate dann stabil bei 6000 Einheiten pro Woche liegen. Analysten von Morgan Stanley gehen hingegen davon aus, dass die 5000er-Marke erst Ende des Jahres erreicht wird. Tesla hat mehr als 400.000 unverbindliche Vorbestellungen für das bekommen und müht sich seit dem Produktionsstart im vergangenen Sommer, diese abzuarbeiten.

Die Erklärung Musks, wie es zu den Produktionsproblemen kommen konnte, ist nicht nur interessant, sie ist äußerst kraus. In einem Interview mit "CBS" räumte er ein, dass die Komplikationen beim Model 3 von einer übertriebenen Automatisierung verschärft wurden. Roboter hätten die Fertigung in einigen Fällen verlangsamt. Musk: "Wir hatten dieses verrückte, komplexe Netzwerk von Laufbändern. Und es funktionierte nicht", sagte er. Später fügte Musk via Twitter hinzu: "Ja, die übertriebene Automatisierung bei Tesla war ein Fehler. Um genau zu sein, mein Fehler. Menschen sind unterbewertet." Zur Klarstellung: Beim Start der Firma 2010 hatte Tesla Bloomberg zufolge 899 Angestellte, heute sind es knapp 40.000. Unterbewertet?

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Wie lange halten die Reserven?

So gut und beliebt die Autos sein mögen, die gigantischen Verluste fressen Teslas Geldreserven rapide auf.  Dennoch lesen sich die auf den ersten Blick gut. Denn auf die Fan-Gemeinde ist Verlass, sie bietet Tesla eine ungewöhnlich günstige Finanzierungsquelle. In Zahlen ausgedrückt: Ende 2017 lagen die Kundeneinlagen bei rund 850 Millionen Dollar. Der Grund dafür ist, dass Kunden bei Reservierungen eine Anzahlung leisten müssen, 1000 Dollar sind es beim Model 3. Das sind 400 Millionen Dollar Einnahmen allein für dieses Mitteklasseauto. Zahlungen von Kunden werden auch dann verlangt, wenn es die bestellten Autos noch gar nicht gibt.

Wer zum Beispiel zu den ersten 1000 Vorbestellern des geplanten Roadster-Sportwagens gehören will, muss den Kaufpreis von 250.000 Dollar vorab voll bezahlen – auch wenn es bis mindestens 2020 dauert, bis der Flitzer ausgeliefert wird. Die folgenden Roadster sollen 200.000 Dollar kosten. Die Vorbestellungen dafür erfordern eine Anzahlung von 50.000 Dollar. Die Frage ist, was mit dem Kundengeld passiert, wenn der Milliarden-Dollar-Verlustbetrieb angesichts der verheerenden Zahlen demnächst dicht machen sollte?

Aber noch halten die Fans (und Anteilseigner) Tesla die Stange und erfreuen sich vor allem daran, dass Musk es den Großen der Branche immer wieder zeigt, wie man Elektroautos baut und eine freudige Besitzerschar dafür gewinnt. Und kürzlich hat der unternehmerische Halbgott mal wieder bewiesen, wie man ein Glaubensbekenntnis für die Firma in den Markt streut: Musk hat für 10 Millionen Dollar aus seiner Privatschatulle Tesla-Aktien gekauft. Das macht natürlich Eindruck und bestätigt viele seiner Anhänger, sich für das richtige Unternehmen entschieden zu haben. Schließlich geht es ja nicht ums schnöde Geldverdienen, sondern darum, Konkurrenten zu ärgern.

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