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GESPERRT! Toyota Avensis: Europäischer Japaner

Der neue Toyota Avensis tritt in der Mittelklasse gegen starke Konkurrenz an. Ein Fahrbericht klärt, ob der in England gebaute Wagen das Biedermann-Image des Vorgängers abgelegt hat.

Michael Specht

Gleich nach der Ankunft in Europa ging es los. Als Takashi Yamamoto 2005 den Kontinent in Schweden betrat, klemmte sich der Toyota-Chefingenieur sofort hinter das Lenkrad eines Toyota Avensis. Er wollte das Auto, das es in seiner Heimat nicht gibt, bei einem längeren Test kennenlernen.

Die Konkurrenz testen

Er fuhr nach England. Dort stieg er um in einen VW Passat, der ihm auch fremd war, und steuerte Irland an. Anschließend ging es in einem Dreier-BMW weiter über Belgien, Frankreich und Deutschland nach Italien. Insgesamt kamen etwa 5000 Kilometer zusammen. "Ich wollte ein Gefühl für europäische Autos, europäischen Geschmack und europäische Straßen bekommen", sagt Yamamoto. Die Erfahrungen wollte er nutzen, um den nächsten Avensis zu entwickeln.

Der Wagen ist Toyotas Flaggschiff in Westeuropa. Entsprechend hoch steckte Yamamoto die Ziele: Sicherer, sparsamer, leiser und komfortabler sollte er werden. Und das Biedermännische des Vorgängers musste verschwinden, gefragt ist nun ein Premium-Image. Die Richtung stimmt: Der Neue ist deutlich eleganter, klar und ohne Schnörkel. Toyotas Marketingleute sprechen verschwurbelt von "Vibrant Clarity", was so viel heißen soll wie muskulös, aber nicht massig. Obwohl der Wagen nur fünf Zentimeter länger ist als der alte, wirkt er viel größer.

Klare Linien dominieren auch den Innenraum, Spielereien gibt es im Cockpit nicht. Jeder Schalter lässt sich intuitiv bedienen. Überraschend ist lediglich, dass der übliche Handbremshebel fehlt, dessen Funktion übernimmt ein Knopf am Armaturenbrett. Verarbeitung und Materialien sind okay. Etwas merkwürdig mutet allerdings die Bambus-Optik des Plastikdekors in den gehobenen Ausstattungsvarianten an. Premium ist das auf keinen Fall.

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Sparsam und laut

Genauso wenig wie der 150-PS-Diesel, einer von sechs Motoren, die zur Wahl stehen. Die Maschine ist mit einem Verbrauch von durchschnittlich 5,5 Litern auf 100 Kilometern zwar zeitgemäß sparsam, doch leider auch ziemlich laut. Beim Anfahren und Beschleunigen sind zwar auch andere Diesel in dieser Klasse akustisch wahrnehmbar, aber im Avensis hört man den Motor auch noch bei höherem Tempo - trotz aufwendiger Geräuschdämmung. Takashi Yamamoto erklärt den lauten Motorlauf mit einer geänderten Verbrennung des Kraftstoffs. Nur so habe sich die strenge Abgasnorm Euro 5 erfüllen lassen. Der stern fuhr den Diesel in der Kombiversion, nach Toyotas Prognose der künftige Bestseller der Baureihe und ab 28.950 Euro zu haben. "Wir schätzen, dass etwa 80 Prozent der Kunden sich für diese Variante entscheiden", sagt Alain Uyttenhoven, Geschäftsführer von Toyota Deutschland.

Fahrerisch gibt es nichts zu mäkeln. Die sechs Gänge lassen sich sanft und präzise schalten (erstmals gibt es für den 150-PS-Diesel auch eine Automatik), die elektrisch unterstützte Servolenkung reagiert feinfühlig und schnell, der Federungskomfort liegt fast auf Niveau der Oberklasse. Und beim Thema Sicherheit will der weltgrößte Autohersteller den Ton angeben. Das Topmodell TEC-Edition verfügt serienmäßig über ein System (Pre-Crash-Safety), das bei einem nicht mehr vermeidbaren Unfall im letzten Moment automatisch eine Vollbremsung auslöst. Dadurch soll die Verletzungsschwere reduziert werden. Eine Technik, die auch Mercedes in der neuen E-Klasse anbietet.

Kein Fließheck mehr

Von diesem Samstag an steht der neue Avensis bei den Händlern. Künftig gibt es nur noch eine Stufenhecklimousine und einen Kombi, aber keine Fließheckversion mehr. Takashi Yamamoto weiß, dass durch diese Entscheidung Kunden verprellt werden können, doch die Premium-Ausrichtung ist ihm wichtiger. "Ein Schrägheckmodell hat das Billig-Image der 90er Jahre", sagt er.

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