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Neoplan Cityliner N116 von 1971 Rollender Glaspalast

An das dünne Lenkrad muss man sich erst gewöhnen
An das dünne Lenkrad muss man sich erst gewöhnen
© press-inform - das Pressebuero
Bei Automobilen gibt es einige Fahrzeuge, die die Branche revolutionierten. Fords Model T war eines, die "Göttin" Citroën DS ein anderes oder natürlich auch der VW-Käfer. Bei Bussen veränderte der Neoplan Cityliner vor 50 Jahren den Personentransport auf Asphaltstraßen nachhaltig. Wir sind ihn gefahren.

Anfang der 1970er-Jahre befand sich die Welt im Umbruch. Es war eine Ära der Gegensätze. Die Jugend begehrte auf und forderte Liebe statt Krieg und prangerte den Muff unter den Talaren an. Anderseits waren die Menschen fasziniert von der Zukunft und dem Weltraum. Schließlich hatte am 20 Juli erstmals ein Mensch seinen Fuß auf den Mond gesetzt. Science-Fiction war hip.

Diesen Zeitgeist griff der gebürtige Schweizer Hans Robert "Bob" Lee gemeinsam seinem Förderer Albrecht Auwärter, einstiger Firmeninhaber und Chef des Busbauers Neoplan, auf und konzipierte einen neuen Bus. Ganz anders sollte das Gefährt sein, also kein reiner zweckgebundener Personentransporter, sondern luxuriöser und offener. Neue Horizonte sollten erschlossen werden. Nicht nur innen, sondern auch außen. Die Inspiration für den neuen Reisebus kam von den Doppeldeckern, die in London und Berlin ihre Runden drehten. Der Blick sollte über die Mauern der Vergangenheit hinausgehen.

Auf der 20. Internationalen Omnibuswoche 1971 in Monaco (wo sonst?) präsentierte der Stuttgarter Busbauer Neooplan den Cityliner N116. Der neue Reisebus brach mit allen bisherigen Konventionen. Die Fahrgäste saßen im zweiten Stock, in einem Glaspalast und konnten die Aussicht von der erhöhten Position genießen. Nur wenige Streben versperrten den Blick und keine störenden Radkästen beengten die 45 Sitzplätze, über denen sich jeweils eine Düsenbelüftung befand. Im Unterflur saß der Fahrer, dazu gab es einen großen Kofferraum und eine Toilette. Zur Komfortausstattung gehörten noch ein Mikrofon, ein Radio, eine Kühlbox zwei Visá-Vis-Tische, Vorhänge und eine elektrische Klimaanlage. Anfang der 1970er-Jahre war das Luxus pur. Auf einer Länge von 12 Metern und einer Breite von 2,5 Metern tat sich eine neue Reise-Welt auf.

Das Echo der anwesenden internationalen Besucher war überwältigend. Die einen schoben anerkennend die Unterlippe nach vorne, andere freuten sich auf die erste Reise in dem revolutionären Gefährt, die Neoplan-Konkurrenz fluchten in sich hinein und murmelten: "Verdammt noch mal, warum sind wir nicht auf die Idee gekommen." Zu spät. Das Designkonzept des ersten Neoplan Cityliner ist heute, 50 Jahre später noch gültig: Die geteilte Frontscheibe und die in das Dach reichenden Glasflächen zeigen heute noch, dass hier ein Neoplan Cityliner unterwegs ist.

Der Vortrieb des klassischen Neoplan Cityliner N116 kam von einem herrlichen Zwölf-Liter Sechszylinderdiesel Henschel 6R 1315 mit 176 kW / 240 PS und bulligen einem Drehmoment, das mit einer Sechsgangschaltung angepasst wird. Wir sitzen am Steuer des Originals und fragen uns schnell, wie der Fahrer mit dem dünnen monströsen Lenkradkranz zurechtgekommen ist, wenn es warm war und die Handflächen feucht wurden. Egal. Der Klassiker lässt sich problemlos bewegen, sobald man sich mit der feinfühligen Gangschaltung angefreundet hat. Aufgrund der Sitzposition hinter der großen Scheibe hat man einen grandiosen Überblick und dirigiert das tonnenschwere Gefährt nach einer gewissen Eingewöhnungszeit zielsicher um die Ecken. Ein Highlight ist allerdings der Diesel. Nichts ist schlägt Hubraum außer noch mehr Hubraum und 11.943 cm³ sind nur schwer zu toppen. Also kann man mit dem Cityliner des Baujahres 1971 auch im vermeintlichen Drehzahlkeller so herrlich cruisen, dass es eine wahre Freude ist.

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