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Opel Diplomat B 5.4 V8: Schweizer Garde

Die Standarten mit dem Schweizer Wappen flattern stolz im Wind und geben der dunkelblauen Limousine bereits aus der Ferne etwas königliches. Als ob die Langversion im Opel Diplomat V8 nicht schon staatsmännisch genug wäre.

Auch Opel hat einmal Luxuslimousinen gebaut. Bevor Insignia, Vectra, Astra und Corsa Opel in der wenig spektakulären Mittelklasse verschwinden ließen, dachten viele beim Logo mit dem Blitz an den Diplomat. Eine Luxuslimousine mit ausladenden Formen, das seinem Namen alle Ehre macht. Das gilt insbesondere für den kosmosblauen Diplomat B 5.4 V8, der sanft über die Landstraße zwischen Groß-Gerau und Darmstadt gleitet. Die bunten Rapsfelder ziehen sanft vorbei, die Luxuskarosse mit den beiden Schweizer Landesflaggen auf den vorderen Kotfügeln gleitet wie ein fliegender Teppich über jegliche Unebenheiten hinweg. Die Passagiere betten sich auf blauen Stoffsitzen und genießen besonders im Fond den Komfort von Klimaanlage und verlängertem Radstand. Die XL-Version des Opel Diplomat als Nachfolger von Kapitän und Admiral stammt aus dem Frühjahr 1976. Kaum mehr als ein paar handvoll Luxusversionen haben den um 15 Zentimeter verlängerten Radstand und bringen es so auf das Gardenmaß von 5,07 Metern.

Ein Traum, wenn Opel wieder eine Luxuslimousine mit diesen Dimensionen auf die Räder stellen würde. Abseits aller sportlichen Designgedanken eine Versuchung, die leider fast drei Jahrzehnte in der Versenkung schwelt. Wie gut Luxusklasse und Opel zusammenpassen, zeigt die Ausfahrt vorbei an den zahllosen Frühlingsfeldern durch kleine Ortschaften eindrucksvoll. Immer wieder fallen die Blicke von Fußgängern und Autofahrer auf die glänzenden Standarten, denn die beiden Schweizer Flaggen trägt der Diplomat mit besonderer Anmut und Grazie. Nie hat dieser einstige Konkurrent der Mercedes S-Klasse das Unternehmen Opel verlassen. Zu seiner aktiven Zeit wurde die elegant-kantige Limousine mit dem unübersehbaren US-Charme bei Empfängen und offiziellen Veranstaltungen in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn und Bad Godesberg eingesetzt. "Als der amerikanische Präsident Ford Deutschland besuchte, war das Begleitpersonal auch mit diesem Diplomat unterwegs", erzählt Heinz Zettl, bei Opel Vater über die Historienabteilung, "Opeleigene Fahrer chauffierten damit eine Fülle von Politikern vorwiegend aus dem Ausland." Obwohl er bereits im Frühjahr 1976 produziert wurde, hat der unter anderem mit einem Vinyldach ausstaffierte Edel-Opel nicht einmal 28.000 Kilometer gelaufen. Exklusiver geht es kaum. Außer man nennt eines von gerade einmal vier Diplomat Cabriolets sein Eigen, die Opel als Einzelstücke in Handarbeit von den Firmen Fissore und Karmann fertigen ließ.

Hessisches Prachtmodell

Die Insassen müssen bei offiziellen Anlässen jeden Zentimeter des über fünf Meter langen hessischen Prachtmodells genossen haben. Denn noch heute strahlt der Diplomat B diese Lässigkeit nicht nur aus – er fährt sich auch so. Wer in den späten 60er und 70er Jahren einen Opel Diplomat fuhr, der hatte es geschafft, gehörte zu den oberen Zehntausend. Zwischen 1969 und 1977 wurde der luxuriöseste Opel aller Zeiten produziert. Die Langversion war nicht nur selten, sondern auch teuer. Im August 1973 kostete der Diplomat 5.4 V8 Lang 36.600 D-Mark. Damit lag er auf Augenhöhe mit dem Mercedes 450 SEL, der mit 38.600 D-Mark kaum teurer war.

Doch es ging auch günstiger. Die Version mit normalem Radstand startete im März 1969 bereits bei 20.260 D-Mark. Von den rund 21.000 gefertigten Diplomaten wurden knapp 10.000 mit dem kleineren 2,8-Liter-Triebwerk ausgeliefert. 11.000 Kunden wollten die pure V8-Power aus dem Hause Chevrolet und gönnten sich das Topmodell. Die amerikanischen Designeinflüsse sind nicht nur durch die ausladenden Formen und die üppigen Chromelemente offensichtlich. Auch im Innenraum gibt es nicht nur Platz im Überfluss, sondern auch die seltene Unterbau-Klimaanlage, Alufelgen, Antennenfrontscheibe, Holzintarsien, Vinyldach, elektrischer Fensterheber und eine Batterie von Druckschaltern an der Oberseite des Armaturenbretts. Ungewöhnlich für eine Chauffeurlimousine mit langem Radstand: die dunkelblaue Schweizer Garde verfügt weder über Kopfstützen für die Fondpassagiere noch über standesgemäße Ledersitze. Aber auch Velourssitze waren in den 70ern für viele ein Zeichen von automobilem Luxus.

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Automobiles Schlaraffenland

Wer die blaue Diva besteigt, der betritt ein automobiles Schlaraffenland. Der Diplomat bietet nicht nur Platz im Überfluss, sondern lässt einen für die Dauer der Fahrzeit auch der Automobilhistorie der frühen 70er Jahre träumen. In Zeiten, als CO2 und Schadstoffe nicht einmal dunkle Wolken am hellen Horizont waren, da protzte der Diplomat mit einem Image, das bisher kein anderes Fahrzeug der Rüsselsheimer Volksmarke hatte. Die lange Version dürfte nur selten von den eigentlichen Hauptdarstellern bewegt worden sein. Die saßen gestern wie heute ausschließlich in der zweiten Reihe und genossen den exzellenten Fahrkomfort dieser exklusiven Art zu reisen. Fahrer wie Insassen werden insbesondere nach heutigen Maßstäben auf besonders sanfte Art und Weise entschleunigt. In einem Diplomat fährt man nicht schnell durch Kurven oder beschleunigt unstandesgemäß am Ortsausgang. Stattdessen lässt man die beiden Schweizer Standarten bei gemäßigter Fahrt sanft im Wind flattern und genießt den sanft im Hintergrund blubbernde Achtzylinder.

Dabei ist es nicht so, als könnte der blaue Engel nicht, wenn er nur wollte. Der Chevrolet-Motor lässt vom Start weg Gefühle wie in der amerikanischen Staatslimousine aufkommen. Statt des europäischen, aber wenig passenden Sechszylinders mit 2,8 Litern Hubraum und 165 PS bietet der 327er-Langhuber 169 kW / 230 PS bei 4.700 U/min. Wer es darauf anlegt, drückt den 1,7 Tonnen schweren Hecktriebler so zaghaft über 200-km/h-Marke. Das maximale Drehmoment von 427 Nm bei 3.100 Touren ist auch nach heutigen Maßstäben noch beachtlich. Die Kraftübertragung auf die Hinterachse geschah über die dreistufige Turbo-Hydramatic aus dem Hause General Motor. Für derartige Leistungen gab es nichts im Opel-Konzernregal.

Ende der Diplomaten-Ära

Der hochrangige Passagier im Fond hinten rechts hat den exzellenten Federungskomfort schnell lieben gelernt. Hier haben die Opel-Ingenieure ganze Arbeit geleistet. Statt der üblichen Starrachse flaniert das Diplomatenheck auf einer aufwendigen und vergleichsweise teuren DeDion-Hinterachse, die sich spürbar auf den Langstreckenkomfort auswirkt. Optional verfügbar die in den 70er Jahren besonders beliebte Niveauregulierung. Doch nicht nur bei der Komfortausstattung macht der Opel Diplomat keine Kompromisse. Neben üppigen Knautschzonen, einer besonders unfallsicheren Fahrgastzelle und Automatikgurten sorgten Scheibenbremsen rundum für ein Gefühl wie in Abrahams Schoß. Fahrer und Gefahrener störte sich an dem Durchschnittsverbrauch von mindestens 20 Litern auf 100 Kilometern ebenso wenig wie an dem Spurtpotenzial 0 auf 100 km/h in zehn Sekunden.

Das Ende der sagenhaften Diplomaten-Ära kam in der zweiten Hälfte der 70er Jahre. Die Ölkrise war für den Niedergang von Opels Luxuslimousine dabei weit weniger entscheidend als die geringe Akzeptanz bei der zahlungskräftigen Kundschaft. Wer nobel reisen und repräsentieren wollte, der entschied sich für die Mercedes S-Klasse oder ebenfalls im Jahre 1977 vorgestellte 7er Reihe von BMW. So wurde auch der mächtige Diplomat im Jahre 1977 von einem allzu modischen und europäischen Opel Senator abgelöst. Doch auch er hatte es gegen die übermächtige Premiumkonkurrenz schwer und wurde letztlich nach der zweiten Generation eingestellt. Bleibt abzuwarten, ob General Motors noch einmal einen Vorstoß in die Luxusliga wagt. Schließlich hat man sich nach wenig erfreulichen 90er Jahren sogar von der großen Omega-Klasse verabschieden müssen. Luxus und GM gibt es bis auf weiteres nur in den USA - mit dem Edelableger Cadillac. Die stellt mit dem DTS nach wie vor die Limousine des amerikanischen Präsidenten her. So schließt sich der Kreis.

Stefan Grundhoff; press-inform / press-inform

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