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Praxistest Dodge Viper SRT-10: Ein ganz normaler Tag

Aufstehen und direkt nach dem Frühstück geht es mit dem Auto in Richtung Ruhrpott. Von Berlin aus braucht man für die knapp 500 km meist rund vier Stunden. Heute könnte es etwas schneller gehen. Es ist eine Art Kurierfahrt - mit einer Dodge Viper.

Knallrot liegt sie wie eine hungrige Schlange auf der Straße. Bei der Namensfindung haben es die Dodge-Leute leicht gehabt. Auf den Namen „Viper“ hätte jedes Kind kommen können. Diese Schlange zu reiten ist etwas ganz Besonderes. Unter der nicht enden wollenden Motorhaube bollert ein böser Zehnzylinder mit 8,3 Litern Hubraum. Stammt ehemals als einem Truck, macht mit seinen 506 PS und über 300 km/h Spitze jedoch in einem Sportwagen eine grandiose Figur. Die Beschleunigungswerte sind schlicht berauschend – der Sound betört als eine Mischung aus Sucht und Sex. Es gibt nicht viele Autos, die derart begeistern.

Die Stielaugen auf der Straße sind riesengroß. Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer – alle glotzen. Selbst Piloten aus Porsche-Geschossen oder Ferraris schauen herüber. Der Blick verrät eine Mischung aus Anerkennung und Begeisterung. Mit Neid hat man bei einer Dodge Viper kaum zu kämpfen. Es klingt seltsam, aber man ist scheinbar in einem klassenlosen Auto unterwegs. Okay, auch das kostet rund 100.000 Euro; ist damit aber meilenweit von den astronomischen Preisen anderer Supersportwagen entfernt. Und die Viper ist kein deut weniger. Doch bereits nach ein paar Kilometern auf dem Berliner Ring wird klar, dass die Viper ist geschulte Hände gehört. Mit Vorliebe läuft sie der kleinsten Bodenwelle nach, die Lenkung erlaubt keine Unachtsamkeit. In der City ist die 4,46 m lange Viper unübersichtlich und überaus unhandlich. Durch den mächtigen Radstand und die prächtigen Walzen liegt der Wendekreis bei knapp 12,50 Metern. Das Publikum links und rechts wird es freuen.

Einfach geil

Im flotten Autobahntempo geht es über die A9 bis zum Autobahnkreuz Potsdam. Wohlgemerkt mit Tempo 120. Hinter einem drückt ein aufgemotzter Nissan Terrano aufs Gas – trotz Tempolimit. Als auf die A2 in Richtung Hannover abgebogen wird, zieht der Terrano trotz Überholverbot und Tempo-100-Beschränkung rechts vorbei – mir etwa 160 Sachen. Der Nissan mit russischem Kennzeichen ist wohl nicht nur optisch aufgebohrt worden. Sein Triumph dauert nur ein paar hundert Meter, da fliegt von hinten ein silberner Opel Omega heran. So schnell fährt kein Omega-Fahrer und schon gar keiner fährt einen 3,2-V6. Eine Zivilstreifen macht dem Treiben des russischen Rennfahrers ein Ende. Das wird teuer.

Wo die Viper auftaucht, schlägt sie wie automatisch eine Schneise. Autofahrer ziehen wild nach rechts, obwohl man noch mehr als 200 Meter entfernt ist und mit gleichem Tempo (160 km/h) fährt. Das Überholimage ist mächtig, oft treibt die Vorausfahrenden scheinbar die pure Angst. Endlich strahlt die Sonne und so geht es auf eine Raststätte nahe Hannover um das Dach zu öffnen. Endlich wieder in den dritten Gang schalten – einfach geil! Bei der exzellenten Serienausstattung hätte man auf eine elektrische Öffnung des Stoffdachs gehofft - vergebens. Geradezu prähistorisch öffnet sich die dünne Stoffmütze per Hand. Dazu muss man aussteigen und die mächtige Kofferraumklappe öffnen. Das Dach klappt umständlich nach hinten. Das wäre im dritten Jahrtausend nach Christus doch auch einfacher gegangen. Auch wenn die Sonne strahlt und es mächtig windet, macht das Offenfahren bei über 200 Sachen mächtig Spaß. Darüber wird es nervig. Doch auch mit geschlossenem Dach war es nicht leiser. Wer wirklich schnell unterwegs sein will, sollte sich gleich eine Viper aus den USA importieren. Da gibt es eine geschlossene GTS-Version; in Europa nur als Cabrio – wieso nur? Gerade als Coupe wäre die Viper SRT-10 doch der Renner und der Schrecken der Nordschleife.

Anerkennende Blicke

Zum x-ten Mal geht es vorbei an endlosen Kolonnen schläfriger Bereitschaftspolizei. Im Nordrhein-Westfalen scheint ein Großevent zu sein und die Brandenburger Ordnungshüter machen wohl einen mehrtägigen Betriebsausflug. Doch selbst der müdeste Schutzmann verrenkt sich in seinem grünen T4-Bully den Kopf, als die Viper vorbei fährt. Der anerkennende Blick bleibt der gleiche wie in Berlin. Bei jedem Tempo spürt man die gewaltige Power des Zehnzylinders. Ein Tritt aufs Gas und die Viper donnert nach vorn. 712 Nm Maximaldrehmoment bei 4.200 U/min sind gewaltig und wollen beherrscht sein. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei über 300 km/h und den Spurt 0 auf 100 km/h schafft die züngelnde Schlange in unter vier Sekunden.

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Die 1,5 Tonnen schwere Dodge Viper liegt wie ein Brett auf der Straße und ist dabei nicht einmal unkomfortabel. Nur bei nervigen Querfugen hat man schon wegen der 275er Reifen vor und 345er Reifen hinten wenig Vergnügen. Der Tank fasst 70 Liter. Bei flottem, aber gleich bleibend gemäßigtem Tempo dauerte es rund 400 Kilometer, bis der erste Tankstopp rief. Man würde sich über einen Bordcomputer freuen. Übrigens sitzt der Innenraum der Viper wie ein angepasster Rennanzug. Die Ledersitze sind exzellent, lassen sich jedoch nur lausig verstellen. Alles wird dominiert von dem mächtigen Mitteltunnel, der die über 500 PS nach hinten transportiert und eine Sitzheizung entbehrlich macht. Für einen Hauch Komfort sorgen elektrische Fensterheber, Navigation, Klimaanlage und elektrische Spiegel. Nicht vergessen sollte man die bärenstarken Bremsen. Sie sorgen für die nötige Sicherheit, denn außer Airbags ist sonst nichts an Bord.

Nach knapp vier Stunden hat man das Ruhrgebiet über die A2 erreicht. Es wäre auch schneller gegangen, doch Verkehr und Sonnenschein forderten nun mal ihre Opfer. Für die 500 Kilometer lange Strecke würde man sich ein anderes Auto wünschen. Die Viper gehört auf die Landstraße oder eine Rennstrecke. Hier genießt man jeden Meter, die präzise Lenkung und den donnernden Sound des Saugers, der einem noch nach Stunden betörend in den Ohren hängt.

Stefan Grundhoff, Press-Inform

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