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VW Tiguan: Der SUV der Dinge

Er kommt als Letzter und schlägt ein wie eine Bombe. Die Spätgeburt aus Wolfsburg krönt sich selbst zum neuen Maßstab der Soft-Offroader. Schön, dass sich das Volk den Geländelurch leisten kann.

Von Gernot Kramper

"VW – Das Auto" Der neue Volkswagen-Slogan hört sich in seiner Schlichtheit überheblich an. Was es mit ihm auf sich hat, merkt man vor dem Kühlergrill des Tiguan. Dann klingt er in anderes in den Ohren. "Tiguan – Der SUV". Das Fahrzeug mit dem lurchigen Namen krempelt die ganze Gattung um. Mit den echten Offroadern hat er nichts zu schaffen, aber den anderen Citycars mit Geländeflair wird der Wolfsburger im Nacken sitzen. Die sogenannten Premium-Kompakt-SUVs – zurzeit nur der BMW X3, aber bald kommen die Modelle von Mercedes und Audi hinzu – werden sich mächtig anstrengen müssen, um ihren Mehrpreis zu rechtfertigen. Und die anderen? Nun, die wurden im Vorbeifahren deklassiert.

Abwarten und besser machen

Es gibt Firmen, die entdecken eine Lücke, mit einem Produkt, das es vorher nicht gab. Volkswagens Art ist das nicht. Dort sitzt man lieber gemütlich in Niedersachsen herum und wartet in Ruhe ab. Was kommt, was geht, was bleibt? Und dann legt man langsam, aber gewaltig los. Ewigkeiten hat sich Volkswagen Zeit gelassen, den kleinen Volks-Offroader vom Band zu lassen. Im nächsten Jahr wird man stolz Erfolgszahlen präsentieren. Ein klarer Beweis, dass der Markt trotz aller vorhandenen Modelle immer noch drauf wartet, was VW zu geben bereit ist. Und das ist eine ganze Menge.

Alles, aber keine Fehler

Als ein "Einer für alle"-Modell zeigt sich der Tiguan als "Mister Richtig", in keinem Bereich leistet er sich einen Schnitzer. Anders als man vielleicht denkt, werden nicht Kühlergrill und Augenaufschlag entscheiden, sondern der "kleine" SUV muss zunächst beweisen, dass er groß genug um eine Volks-Familie zu transportieren. Die übliche Rechnung "große Reifen, bescheidener Innenraum" kann VW nicht aufmachen. Die Hauptkunden sind nicht großstädtische Single, sondern Familien, die finanziell nicht ohne weiteres auf den größeren Touareg umsatteln können.

Geradezu meisterlich konnte die Raum-Klippe genommen werden. Steile Front und Seitenscheiben "stehen" einem Offroader gut zu Gesicht und führen im Innenraum zu einer stattlichen Box. Vorn stößt man nicht an die Schultern des Beifahrers und hinten wartet der Tiguan mit einer verschiebbaren Rückbank auf. Eine Seltenheit bei angetriebener Hinterachse. Sie garantiert entweder stattlichen Fußraum oder bei kleinen Passagieren einen opulenten Hinterraum. Im Ergebnis lässt der Tiguan im Innenraum SUVs vom Schlage des Rav4 oder eines Grand Vitara weit hinter sich. Mit seinen 4,46 Metern Länge straft der Allradler das Unfugsgerede von den "gewaltigen" SUVs Lügen, er ist mehr als 20 Zentimeter kürzer als ein neuer Audi A4. Schwanken und Wanken gibt es bei Tiguan nicht, sein Fahrwerk hat alle SUV-Gebrechen abgestreift. Hier rückt VW an den X3 heran. Die klassische Haldex-Kupplung wurde modernisiert, aber auch mit 20 Zentimetern Bodenfreiheit wird der Tiguan nicht zum Dienstfahrzeug für Waldhüter in Kamtschatka. Wer partout will, kann sich den Tiguan dennoch in Geländeausführung kaufen. Dann erhält er eine spezielle Offroad-Abstimmung der Elektronik und hochgezogene Front und Heckpartien für größere Böschungswinkel.

Verkehrssünder benutzen verbotenerweise den Standstreifen.

Günstige Einstiegsvariante

Beim Außen-Design setzt der Atem nicht aus, spektakuläre und polarisierende Highlights darf man vom Volks-SUV kaum erwarten. Er wurde einfach gut gemacht und mit einem weißen Farbkleid wird er sogar verwegen schick. Im nächsten Jahr gibt es eine günstige Version mit Vorderradantrieb, nun mit vier angetriebenen Rädern startet der Allradler bei 26.700 Euro. Als Basis gibt es dafür den neuen 1,4 Liter-Vierzylinder Direkteinspritzer mit 150 PS und 240 Nm. Sicher, der Basis-Benziner reißt nicht die Stollen vom Gummi, für ein hübsches Familienauto reicht es aber allemal. Von 0 auf 100 km/h geht es in 9,6 Sekunden. 192 km/h Spitze sind für einen Einstiegsmotor gewiss nicht zuwenig. Wenn es bei den versprochenen 8,4 Litern bleibt kann man sich nicht beschweren. Weniger ist bei einem Benziner-SUV einfach nicht zu erwarten. Wer sich für die Bauform mit Allrad entscheidet, genehmigt sich eben mehr, als wenn man den Golf Variant gekauft hätte. Passender für den Tiguan ist der 140-PS-Diesel, mit dem sich erstmals VW vom Eigengewächs der Pumpe-Düse-Technik verabschiedet.

Gutes, aber nicht überraschendes Interrieur

Den normalen Kunden gefällt der Verarbeitungsstandard im Innenraum, dass viele Design-Lösungen aus dem Golf Plus stammen, wird ihn nicht stören. Sehr positiv wirkt das große Navigations- und Elektronikpaket, hier wurde endlich der gruselige 16-Farben-Look überwunden. Dafür gibt es Festplatte, Mp3 und andere Schikanen. Das große Panoramadach bringt neben dem erhabenen Sitzgefühl noch den lichten Himmel hinein Mit dem Basismodell "Trend & Fun" kann man leben, dafür kostet der Tiguan auch weniger als 27.000 Euro, ohne Allrad dürfte der Wagen dann etwa 24.900 Euro kosten. Zum Vergleich: Ein Touran in Basisausstattung mit 140 PS Benziner kostet etwa 23.400 Euro. Natürlich geht es auch beim Tiguan preislich forsch nach oben. Wem es nach neuem Navigationssystem, Xenonlicht, Sitzheizung, Leder und und und gelüstet, bewegt sich in der Preisregion zwischen 35.000 und 40.000 Euro.

Der SUV, den alle wollen

Keine Frage, jeder der sich für einen halbwegs bezahlbaren SUV interessiert, beschäftigt sich mit dem Tiguan. In sehr, sehr vielen Fällen wird der Kompakt-SUV von VW die Qual der Wahl für sich entscheiden können. In den Themen Verarbeitung, Raumangebot und Fahrverhalten kann ihm in seiner Preisklasse keiner Paroli bieten. Nur echten Offroadern lässt der Tiguan einen Platz neben sich. Volkswagen erscheint manchmal wie eine alte Tante, die Geist der Zeit verpasst, der SUV-Konkurrenz dürfte das Witzeln jetzt vergangen sein.

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