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Zehnzylinder sterben aus: Voll auf die zehn

Zehn Zylinder. Vor Jahren ein kurzer, supersportlicher Hightech-Flirt, hat sich die Garde der Entwickler mittlerweile von dem spektakulären Motorenprojekt verabschiedet. Nur eine Handvoll Sportler brüllen aktuell noch aus zehn Töpfen. Wie lange noch?

Den Anfang machte in den 90er Jahren die Dodge Viper. Der gigantische Motor, mehr Triebwerk denn Fortbewegungsverbrenner, entstammte einem Lastwagen und wurde nach entsprechenden Modifikationen in einen Supersportwagen eingebaut. Die Dodge Viper RT/10 der ersten Generation war mit ihren acht Litern Hubraum optisch wie technisch ein wilder Stier, der geritten werden wollte. Der anfangs gerade einmal knapp über 400 PS starke Zehnzylinder passte perfekt zum ungehobelten US-Zweisitzer, der sich in Texas weit wohler fühlte, als im Sonnenstaat Kalifornien.

Audi R8 V10 FSI / Audi S6, BMW M5 E60, VW Touareg und selbst die verkannte Luxuslimousine VW Phaeton - sie alle waren ein paar Jahre lang mit zehn Zylinder unterwegs. Ihnen sämtlich gemein war eine prächtige Leistungsausbeute, spektakuläre Fahrleistungen und ein Klang zu Niederknien - egal ob Diesel oder Benziner, Limousine oder Sportwagen. Doch die V10-Zeiten sind bald vorbei. BMW schickte seinen hoch drehenden Zehnzylinder bei der aktuellen M5- / M6-Generation ebenso in Rente wie Volkswagen sein eindrucksvolles Leistungsdoppel aus Touareg und Phaeton; beide von einem 313 PS starken Fünfliter-Turbodiesel befeuert. Die Wiederauferstehung in der IAA-Sportwagenstudie des Audi Nanuk mit einem V10-TDI ließ die Branche kurz aufhorchen und den Kopf schütteln.

Zehnzylinder passen aufgrund von Größe und Bauart nur in einen mikroskopisch kleinen Teil von Autos. Zudem sind die Triebwerke ebenso durstig wie leistungsstark und die Abgaswerte lassen sich nur durch großes technisches Engagement in die gewünschten Bahnen leiten. Zudem bietet ein V10 niemals die Laufruhe eines Zwölfzylinders. Daher passen sie besser in Sportwagen als in Luxusschiffe für die Straße. Nur der Volkswagen-Konzern bietet mit R8 / Gallardo aktuell Serienmodelle mit zehn imposant brüllenden Töpfen aus deutschen Landen. Noch sportlicher positioniert sind Spitzensportler wie die Neuauflage der Viper SRT und der Lexus LF-A - beides spektakuläre Supermobile, die weltweit ihresgleichen suchen.

Der Charme der aktuellen Zehnzylindermodelle besteht darin, dass ihnen die heute übliche Turboaufladung fehlt. Jedes PS wurde ehrlich im Verbrennungsprozess des Saugmotors erzeugt und wird über Kurbelwelle und Getriebe realer denn je auf die Straße gebannt, dass dem Fahrer hören und sehen vergeht. Wer ein Modell wie den Audi R8 V10 FSI mit seinen 5,2 Litern Hubraum dynamisch bewegt, wird die Vorteile eines hubraumstarken Saugers schnell zu schätzen wissen. Der 525 PS starke Roadster hängt bissig am Gas und betört mit einem sonoren Bollerklang, dass einem die Blicke des Publikums nicht nur bei offenem Dach sicher sind. Understatement ist weder ein R8, noch ein Zehnzylinder. Dessen muss man sich klar sein. Kein Wunder, dass Lexus seinen Vorzeigesportler LF-A, der so gar nicht in die grün-japanische Hybridgeschichte passt, ebenso mit zehn Zylinder brüllen lässt, wie Lamborghini seinen pornösen Gallardo - mit bis zu 570 PS imposant motorisiert wie Toyotas Edelgeschoss mit 550 PS. Beide schaffen 320 km/h - genauso wie Lamborghini Gallardo LP 570-4 und die 640 PS starke Viper SRT.

Den Zehnzylindern gemein ist ein im Vergleich zu Acht- oder Zwölfzylindern vergleichsweise hochfrequenter, typischer Klang, den man allenfalls aus dem Motorsport kennt. Lexus LF-A oder der in den Jagdgründen der Powerlimousinen verschwundene BMW M5 der vorherigen Generation leben dies bei höheren Drehzahlen bis zur akustischen Ekstase aus. Lamborghini Gallardo und Audi R8 V10 5.2 FSI klingen dagegen bulliger und bassiger. Ein Hörgenuss sind alle - insbesondere wenn dieser mit martialischem Vortrieb gekoppelt wird. Beim Audi R8 verzahnen sich die vier Antriebsräder mit dem offenporigen Asphalt und katapultieren einen nach wenigen Sekunden über den Tempo-100-Marke. 100, 140, 180 oder 220 km/h - alles fliegt nur so vorbei während einem in dem Roadster der Fahrsturm das Haupthaar durcheinander wirbelt.

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Alle Begeisterung ändert nichts daran: so langsam heißt es Abschied nehmen. Die Zeit der Zehnzylinder in Serienautos neigt sich dem Ende. An ihre Stelle werden ein- und zweistufig aufgeladene Sechs- und Achtzylinder treten, die einem mindestens genauso beeindruckend in den Sportsitz pressen. Doch Faszination und Klang eines Zehnzylinders werden sie nicht besitzen.

Press-Inform / pressinform

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