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IAA 2011 Wachstum und Wasserstoff


Die Gegenwart im Griff und die Zukunft im Blick: Für Mercedes ist Wasserstoff das Öl der Zukunft. Volkswagen schlägt sich selbstbewusst auf die Brust, aber Fehlstarts und Schrammen auf der große Showbühne sorgen für Lacher.
Von Harald Kaiser und Jan Boris Wintzenburg

Dieter Zetsche war groß in Form. Der schnauzbärtige Daimlerchef hat bei einer Abendveranstaltung kurz vor der IAA Farbe bekannt. "Wasserstoff ist das bessere Öl, deswegen ist es Zeit für einen Ölwechsel", sagte er. Nicht ohne Grund, der Autokonzern setzt wie kein zweiter auf Wasserstoff als Treibstoff der Zukunft. Das sichtbare Zeichen ist ein neues Forschungsauto, der F125.

F steht für Forschung und die Ziffernfolge für den 125. Geburtstag des Automobils. So gesehen hat sich der Erfinder des Autos mit dem Forschungswagen selbst ein Geschenk gemacht. Und gibt mit ihm einen Ausblick bis zum Jahr 2025. Das revolutionäre Detail in dem Auto steckt tief im Bauch verborgen. Es ist der spezielle Tank aus einem neuartigen High-Tech-Material, das die doppelte Menge an Wasserstoff aufnehmen kann als dies bisher möglich ist. Damit, so Zetsche, seien 1000 Kilometer Reichweite drin.

Daimler geht mit Vollgas an dieses Projekt. Auch die Einrichtung eines Wasserstoff-Tankstellennetzes steht auf dem Plan. Zusammen mit dem Wasserstofflieferanten Linde will Daimler dafür sorgen, dass 1000 Wasserstoffzapfsäulen bis 2017 in Deutschland stehen. Das koste nach Angaben von Zetsche etwa 1,4 Milliarden Euro.

Zetsche glaubt, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert des Wasserstoffs werden kann. Er glaubt auch, dass die Automobilwirtschaft in diesem Jahrzehnt schneller wachsen wird als die übrige Weltwirtschaft. Was man unter anderem daran sehe, dass die Zuwächse bei den Geländewagen rasant seien. Zetsche mit einem leichten Seitenhieb auf die Politik: "Die steigen schneller als die Zuwächse bei den Grünen."

Was die Menschheit weiterbringe, seien Innovationen. Wie der Wasserstoffbetrieb mit einer Brennstoffzelle, die wiederum durch eine chemische Reaktion den Strom für die Elektromotoren erzeugt. "Wir erleben", so Zetsche eine grüne Gründerzeit, die mit dem Auto beginnt, aber nicht damit endet." Denn Wasserstoff sei nicht nur mit Abstand das auf der Erde am häufigsten vorkommende Element. Es sei auch in wenigen Minuten zu tanken. Also wie Benzin oder Diesel heute. Zetsche: "Beim Wiederaufladen einer Batterie hingegen können Sie ja das Buch Krieg und Frieden von Leo Tolstoi durchlesen."

Gewagte Kleinwagenkreation

Honda schaut nicht so weit in die Zukunft wie Daimler. Die Japaner haben im Schatten der Bürotürme des Frankfurter Bankenviertels den neuen Civic vorgestellt - einen Kleinwagen, der so gar nicht zum Budget der Banker passt. Dafür überrascht er mit Design. Das ist nämlich so gewagt, wie eine Kaufoption auf griechische Staatsanleihen: Ein rotes Leuchtenband schwingt sich frei über das gerundete Heckfenster und mündet in knubbeligen Fortsätzen an den Seiten. So etwas muss man schon wollen.

Der freundliche Herr Ito, Ingenieur und seines Zeichens Chef von Honda Motors sagte, der europäische Markt sei die Messlatte in der Automobilwelt. "Nirgendwo ist die technologische Entwicklung schneller. Wenn wir global erfolgreich sein wollen, dann müssen wir zuerst in Europa Erfolg haben," so Ito. Die Zukunft sieht auch er nicht bei Autos, die mit Batterien vollgeladen sind: "Wir sehen Brennstoffzellenautos als die vielversprechendste Technologie der Zukunft."

Volkswagen schlägt sich auf die Brust

Europa als Schrittmacher der Autowelt, diese Sichtweise unterstrich VW-Chef Martin Winterkorn auf der gigantischen Show des Volkswagen-Konzerns: "Die deutsche Autoindustrie ist so stark wie nie. Volkswagen ist so stark wie nie." Bescheidenheit und Zukunftsangst klingen anders. "Die nächsten Monate werden kein Selbstläufer, aber wir sind gut vorbereitet."

Weniger gut vorbereitet waren dafür einige Konzernmanager bei der Vorstellung ihrer neuen Fahrzeuge: Porsche-Chef Mathias Müller würgte den neuen 911er mitten auf der Bühne ab und bekam ihn zunächst vor lauter Aufregung nicht wieder an. Ähnlich ging es auch Ex-Rennfahrer und Motorsportchef Chris Nissen, der im neuen Rallye-Polo an gleicher Stelle liegenblieb. Er habe vergessen, den zentralen Sicherungsschalter wieder einzuschalten, entschuldigte er sich anschließend. Und auch ein Seat-Modell blieb hängen: Ein Bühnentor klemmte den Wagen ein und beschädigte ihn. Das vorzeitige Messe-Aus für das Ausstellungsstück. Wenigstens passierte der kleine VW Up das rabiate Tor - das wichtigste neue Auto des Konzerns auf der IAA konnte problemlos auf die Bühne schlüpfen.


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