HOME

"Terra dei Motori": Rennmotoren statt Renaissance

Die italienische Provinz Emilia Romangna lockt die meisten Besucher mit Kultur, Denkmälern und dem guten Essen. Aber auch Motorsport-Verrückte finden jenseits der Alpen das gelobte Land: die "Terra dei Motori".

Von Axel F. Busse

"Gentlemen, start your engines" – dieses Kommando elektrisiert alljährlich die PS-Gemeinde, vor allem, wenn wie am vergangenen Wochenende, die Formel-1-Saison wieder beginnt. Um den Duft von großen Sport zu atmen, Renn-Legenden aus der Nähe zu betrachten und bahnbrechende Entwicklungen der Automobil-Technik zu bewundern, muss man aber nicht zum Grand-Prix-Rennen um den halben Globus fliegen. Wer weiß, dass Motorsport auch eine Geschichte hat und sie wesentlich geprägt wurde von italienischen Marken, der findet jenseits der Alpen das gelobte Land: "Terra dei Motori".

Als Land der Motoren gilt das Zentrum der Provinz Emilia Romangna. Italien-Urlauber kennen die Region gewöhnlich als Heimat von Gaumengenüssen wie dem kräftigen Käse Parmigiano Reggiano, auch exzellenter Balsamico-Essig ist hier zu Hause. Oder es sind die Kunstschätze und Kulturdenkmäler aus Lucca, Parma oder Ravenna, die die Herzen der Touristen höher schlagen lassen.

Dass so wohlklingende Namen wie Ferrari, Lamborghini, Maserati, Ducati oder De Tomaso hier ihre Wurzeln haben, ist weniger bekannt. Sportwagen und Motorräder gehören sozusagen zum kulturellen Erbe der Region wie der Neptun-Brunnen in Bologna. Genau an diesem Wasserspiel trifft sich auch die Historie der Baukunst und der Motortechnik. "Als Ernesto, Bindo und Ettore Maserati 1914 ihre Firma gegründet hatten", erzählt Giorgio Manicardi, "suchten sie nach einem klaren und unverwechselbaren Logo für das Unternehmen. Sie fanden es im Tridente, in dem Dreizack des Meeresgottes Neptun hier im Stadtzentrum von Bologna".

Für Italien gerettet

Giorgio Manicardi arbeitete als Vertriebsmanager bei Maserati, hat viel von der bewegten Geschichte der Marke, die einst im Besitz von Citroen, dann von De Tomaso war, mitbekommen. Heute gehört der inzwischen nach Modena umgezogene Sportwagenbauer zu Ferrari und Manicardi ist im Ruhestand. Dass er dennoch häufig in der Firma anzutreffen ist, hat mit der Traditionspflege und den vielen Besuchergruppen zu tun, die durch die modernisierten Werkhallen geführt werden.

Peinliche Überholaktion: Angeber fährt Ferrari bei Straßenrennen schrottreif

Ein anderer früherer Mitarbeiter von Maserati hieß Umberto Panini. Bevor die Familie mit Comic-Heften und Klebebildchen zu sagenhaften Wohlstand kam, war Umberto Panini dort als Mechaniker beschäftigt. Heute unterhält die Panini-Gruppe unweit von Modena eine exklusive Fahrzeug-Sammlung, zu der außer Maserati-Klassikern auch Motorräder und Traktoren gehören.

"Als De Tomaso Maserati verkaufte, wollten sie aus der firmeneigenen Oldtimer-Sammlung möglichst viel herausholen und die Stücke einzeln versteigern", berichtet Giorgio Manicardi. "Die Panini-Familie hat dann alle Fahrzeuge übernommen und dafür gesorgt, dass diese Raritäten in Italien bleiben konnten".

Längst nicht so traditionsbeladen wie Maserati oder Ferrari, die außer einem Museum in Maranello auch noch das Geburtshaus Enzo Ferraris in Modena als Wallfahrtsstätte zu bieten haben, ist die Marke Lamborghini. Als Traktorenhersteller durchaus erfolgreich und vermögend, sah sich Ferrucio Lamborghini Anfang der sechziger Jahre veranlasst, über die Qualität seines privaten Ferrari zu mäkeln. Der Legende nach fiel die Reaktion des "Commendatore" Enzo Ferrari so harsch und abweisend aus, dass Lamborghini beschloss, seine eigenen Sportwagen zu bauen.

Design statt Renn-Historie

Auch diese Firma ging durch zahlreiche Hände, auf dem Umweg über Chrysler kam sie 1998 zu Audi. Außer schnellen Zweisitzern lieferte sie auch bärenstarke Bootsmotoren, mit denen sie auf dem Wasser die Wettbewerber das Fürchten lehrte. All das ist in der Firmenzentrale in Sant’Agata Bolognese zu sehen. "Wir haben keine Geschichte", sagt Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann, wenn er nach einem der Unterschiede zum Konkurrenten Ferrari gefragt wird. Aber Power haben sie, zurzeit genau 20 mehr als das Topmodell der roten Konkurrenz aus Maranello.

Die 2001 eröffnete Sammlung kann deshalb nicht die die gute alte Zeit der tollkühnen Rennpiloten beschwören, die in den 50 Jahren bei Mille Migla oder Tagra Florio Kopf und Kragen riskierten. Das auf Initiative von Ferruccio Lamborghinis Sohn entstandene Museum ist aber für Designfreunde eine wahre Fundgrube, Klassiker wie das Modell Miura oder der spektakuläre Countach fehlen natürlich nicht. In Dosso, unweit von Ferrara, gibt es sogar noch eine zweite Lamborghini-Sammlung.

Wer sich mehr der Fortbewegung auf zwei Rädern verbunden fühlt, kommt bei Ducati auf seine Kosten. 1926, im Jahr der Gründung, fertigte Ducati noch Radioteile, erst 1946 stieg sie mit dem Bau des Fahrradhilfsmotors Cucciolo in die Welt der Zweiräder ein. Das Ducati Museum in Bologna breitet heute die gesamte Geschichte der Renn- und Straßenmotorräder aus, der zahnradgesteuerte Ventiltrieb namens Desmodromik ist weltweit einzigartig und versetzt Technik-Freaks in Verzückung.

Busladungen voller ps-affiner Technik-Touristen bereisen heute schon die Terra dei Motori. Wen die geballte Information in einem halben Dutzend Museen allzu hungrig macht, muss aber nicht lange suchen. Einen Steinwurf von der Panini-Sammlung entfernt stehen Kühe. Sie geben die Milch für den schmackhaften Bio-Käse, den das Klebebild-Imperium dort erzeugen lässt und der vor allem in den USA sehr geschätzt wird.

Wissenscommunity