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Automobildesign: Der Triumph des Bösen

Auf den Straßen driftet die Gesellschaft auseinander. Attraktive Zwerge tummeln sich neben Giganten mit einschüchternden Maßen. Wer es sich leisten kann, fährt SUV. Auf Kraft und Dominanz mag kaum jemand verzichten, dafür wird es billigen Bling-Bling für alle geben.

Der Genfer Autosalon gilt als der Autolaufsteg der Zukunft. In der Schweiz zeigen Hersteller besonders gern, wohin der Trend in Zukunft gehen wird.Da gibt es extravagante Ausflüge in eine ferne Zukunft, die wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben, strategische Konzepte, die zeigen, in welche Richtung sich eine Marke entwickeln möchte, und realitätsnahe Vorgriffe auf die nächste Generation.

Grundsätzlich wird Design immer wichtiger. Zumindest in den entwickelten Märkten ist kein Erfolg ohne eigenes Design denkbar. Ein klares, herstellerspezifisches, unverwechselbares Designkonzept gehört zu den Pflichtaufgaben und zu den Selbstverständlichkeiten. Wie schnell die Entwicklung voran schreitet, zeigt sich an den Anbietern aus Korea. Vor wenigen Jahren musste man ihre Modelle in aller Regel trotz des Aussehens kaufen. Das schwellende Blech verdiente häufig den Namen "Korea-Barock", die ersten SUVs erinnerten an eine kuriose Kreuzung von Sofa und Geländewagen. Inzwischen müssen sich Hyundai und Kia vor niemand mehr verstecken.

Auf Kraft mag man nicht verzichten

Nach wie vor kommt Kraft vor Niedlichkeit insbesondere im Frontbereich. In der Vorderansicht soll ein markantes Statement gesetzt werden. Dunkle Schlünde und schwarze Rachen: Die Kühlluftöffnungen haben zum Teil Dimensionen erreicht, die mit dem tatsächlich technisch notwendigen Bedarf nicht zu erklären sind. Ein Kleinwagen hat nicht den Luftbedarf eines PS-Monsters. Aber egal, dann werden diese sinnfreien "Ansaugöffnungen" eben dunkel verblendet. Trotz der gewaltigen Übertreibungen wie bei Peugeot wird sich dieser Trend bei den meisten Herstellern fortsetzen bzw. zumindest nicht nachhaltig abschwächen. Böse Blicke und markante Öffnungen signalisieren potente Überlegenheit, darauf mag niemand verzichten.

Klein, schick und edel

Neben dem bekannten Statuswettbewerb im Oberhaus wuseln die Autozwerge in eine eigene Richtung. Der Trend geht zum "downsizing". Die Gründe dafür sind vielfältig: Teilweise geht in wichtigen Märkten die Kaufkraft zurück. Deutschland ist ein Paradebeispiel dafür, wie stagnierende Realeinkommen auf die Autokonjunktur durchschlagen. Weiterhin lassen sich steigende Spritpreise am leichtesten durch kleinere Karossen kompensieren. Auch akzeptable Flottenverbräuche kommen nur zustande, wenn neben den PS-Boliden attraktive Kleinwagen stehen. Selbst kleinere Haushaltsgrößen schlagen durch: Ein Single-Haushalt braucht keinen Familienwagen. Also wird man bei sämtlichen Volumenherstellen neue pfiffige Klein- und Kleinstwagen sehen - mit progressivem Design und auch historischen Zitaten. Durch die Bank werden diese Kleinwagen wertiger erscheinen. Gutes Design soll keine Frage des Geldes sein. Ein attraktiver Kleinwagen darf alles Mögliche signalisieren, aber eine Botschaft darf es nicht sein: "Für einen Golf hat es wohl nicht gereicht." Selbst Low-Budget-Fahrzeuge sollen sich nicht mehr durch liebloses, simples Design outen.

Luxus für Moskau und Schanhai

Westeuropa wird in vielen Bereichen weniger wichtig werden. Im Ganzen gesehen kann der westeuropäische Markt keine Wachstumsphantasien mehr wecken. Und beim Thema "Luxus" schon gar nicht. Der Designtrend der Luxusklasse wird weiter dem puren Trend zur absoluten Größe folgen. Hier werden keine Limits akzeptiert. Selbst ein weiteres Längenwachstum wird kommen. Warum? Einfach, weil es geht. Die führenden Autobauer sind in der Lage, den längsten Giganten die gewünschte Fahrdynamik mit auf den Weg zu geben. Auch das Design in diesem Segment wird weit eher nach stärkerer Dominanz suchen, als nach formaler Leichtigkeit. Der westeuropäische Geschmack mag anders sein, aber - überspitzt gesagt - eine Mixtur von Las-Vegas-Glitter und Moskowiter-Protzgebaren gibt hier den Ton an. Denn die Absatzmärkte verschieben sich. Luxuswagen werden schon jetzt primär für den US-Markt entwickelt und schon bald für den Geschmack der asiatischen und osteuropäischen Kunden. Und diese Kunden bevorzugen schiere Größe und eine statusorientierte Designsprache. Asiaten und Russen sehen überhaupt nicht ein, warum man Reichtum verstecken sollte. Der deutsche bzw. europäische Markt mit einer eher bevorzugten sportlich-eleganten Designsprache verliert weltweit in diesem Segment an Bedeutung.

Sortenwachstum

Interessant sind auch die neuen Fahrzeugkategorien. Nach dem Vorbild des Mercedes CLS wird es viertürige Coupés in naher Zukunft von vielen Herstellern geben. Auch der vielgescholtene SUV-Trend wird sich ungebrochen fortsetzen. Hier führt der Gang der Popularisierung zu kompakten SUV. Danach kommen kleine SUV runter zu der 4-Meter-Klasse. Die Formsprache der kraftstrotzenden Geländegänger ist seit Jahren zumindest ebenso begehrt, wie die Vision eines betont sportlichen Fahrzeugs. Dabei handelt es sich eher um design- und spaß-orientierte Autos, die zu 99 % nur auf der Strasse bewegt werden. Schon in der Vergangenheit wurde die Bodenfreiheit der SUV reduziert und auf die Geländeuntersetzung verzichtet. Saharatauglich ist kaum einer der Geländeposer, immer stärker wird sich daher der optionale Verzicht auf Allradantrieb durchsetzen. Nebenbei dürfte es in der nahen Zukunft eine zaghafte Renaissance der kleinen Coupés geben wie dem Scirocco

Bling-Bling

Eines eint groß und klein, schnittig und mächtig: Die Autos werden leuchten wie ein Weihnachtsbaum. Grund ist die LED-Lichttechnik. Sie wird wesentlichen Einfluss auf das zukünftige Automobildesign nehmen. Es ergeben sich hieraus im Rückleuchtendesign und noch mehr im Frontleuchtendesign fantastische Gestaltungsmöglichkeiten für die Designer. So wird ein Frontscheinwerfer nicht mehr nur von ein- oder zwei konventionellen Reflektoren plus einer orangenen Blinkerbirne dominiert - vielmehr können jetzt komplexe, die Funktion visualisierende “Licht-Skulpturen” geformt werden. Unterstrichen in ihrer technischen Ausstrahlung durch das zum Teil schon eingeführte LED-Tagfahrlicht.

Bei der LED-Technik besteht allerdings die Gefahr einer Überdosierung. Die Lichtquellen und selbst komplexe Lichtgestaltungen im Innenraum oder des geparkten Fahrzeuges machen einen starken Eindruck, sind aber sehr günstig zu verwirklichen. So ist die Inflation durch die Nachahmer vorprogrammiert. Wer hier Klasse beweisen will, muss eine klare Lichtsprache finden und sich von Begin an disziplinieren.

Der Kick des Schönen

In einer Zeit der annährenden technischen Patt-Situation der Hersteller untereinander bekommt das Design einen immer bedeutenderen Stellenwert bei der Fahrzeugentwicklung. Zwischen Limousinen der gehobenen Mittelklasse gibt es Unterschiede in Fahrdynamik und Sportlichkeit. In Alltagssituationen sind diese Feinheiten für den normalen Fahrer kaum zu bemerken. Das Statement, das das Fahrzeugdesign abgibt, wirkt dagegen selbst beim geparkten Wagen. Darum eignet sich das Auto als sichtbares Zeichen der sozialen Hierarchie. Andere Codes wie Schmuck, Kleidung und Uhren werden nur von Nahem und nur von Eingeweihten erkannt. Faktoren wie den Wohnort verrät man Fremden nicht einmal. Das Zeichen "Auto" hingegen sieht und versteht jeder, daher wird das Aussehen bei der Kaufentscheidung einen zunehmend größeren Stellenwert einnehmen.

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