Carrera-Bahn 50 Jahre Formel 1 im Wohnzimmer


Eine Carrera-Bahn verwandelt Wohnzimmer in Rennstrecken und Ehemänner in Formel-1-Piloten. Auch nach 50 Jahren ist die Faszination ungebrochen - und treibt mitunter kuriose Blüten.
Von Harald Kaiser

Jeder Carrera-Verkäufer weiß, seine Kunden sind Männer und keine Kinder. Für Väter und Onkel sind die lieben Kleinen nur ein Vorwand, um ins Geschäft zu gehen und sich selbst wieder in ein Kind zu verwandeln. Diese Situation ist typisch: Ein erwachsener Mann steht im Spielwarenladen vor dem Regal mit den vielen Carrera-Baukästen und weiß nicht, welche Autorennbahn er kaufen soll. Ein Verkäufer bemerkt das und fragt leicht grinsend, für wen die Rennbahn sein soll. Antwort: "Für meinen Sohn." Das Grinsen wird breiter. "Wie alt ist Ihr Sohn?" Antwort: "Ein halbes Jahr." Nun lachen beide.

Solche Szenen, wie sie Carrera-Chef Andreas Stadlbauer erzählt, sind das Erfolgsgeheimnis des Unternehmens, das gerade 50. Geburtstag feiert. Motto: Das Kind im Manne ansprechen. "Bei meinen Stichproben in Spielwarenläden erlebe ich oft, wie Väter ihre halbwüchsigen Söhne zur aufgebauten Carrerabahn drängen. Mit beiden Händen auf den Schultern des Filius schiebt er ihn nach vorne und sagt: 'Dann los, probier's mal.' Nach etwa zehn Minuten will er selber ran und drückt den Sohn mit einer Hand und dem Satz 'Lass mich mal' zur Seite."

Wer heute eine Autorennbahn möchte, kauft fast immer Carrera. Stadlbauer: "Wir haben in Deutschland und Österreich einen Marktanteil von 96 Prozent." Jedes Jahr gehen weltweit 2,5 Millionen Carrera-Rennautos über die Verkaufstresen. Und allein das Einsteiger-Set "Go" für Jungs, das 2001 auf den Markt kam, verkaufte sich bis heute mehr als zehn Millionen Mal. Eine wichtige Maßnahme. Die günstigen Go-Sets sorgen für junge Kunden und dafür, dass Carreraautos nach wie vor im Kinderzimmer gefahren werden, und nicht nur in Sammlervitrinen enden. Es gibt sogar eine wenig historische Pixar-Variante. Außerdem ist der Preis der Sets so scharf kalkuliert, dass es No-Name-Anbieter schwer haben, ihn deutlich zu unterbieten.

Hightech, größtmögliche optische Originaltreue an den Flitzern und langlebige Motoren (bis zu 1000 Betriebsstunden) begründen den Erfolg. Durch die Digitalisierung ist es nicht nur möglich, bis zu sechs Rennwagen sausen zu lassen. Die Funktechnik erlaubt es, mit dem drahtlosen Temporegler irgendwo an der Strecke stehen zu können und nicht mehr an Start und Ziel auf Kabel als Stolperfallen achten zu müssen. Ferner gibt es in der Kategorie Sportwagen aufleuchtende Bremslichter, sobald der Daumen vom Gas geht. Wobei die gleichzeitig einsetzende Bremswirkung dem Wunsch des Fahrers, schwächer oder stärker, angepasst werden kann. Und es ist möglich, alleine gegen den Computer zu fahren, der ein Auto wie von Geisterhand am Limit steuert.

Hobbyfahrer, die abends oder am Wochenende am Drücker sind, geben sich meist mit dem zufrieden, was im Baukasten geliefert wird. Anders die echten Freaks. Sie fräsen Plastikteile ab, werfen die Fahrerfigur raus und ersetzen die Metallschrauben durch solche aus Kunststoff. Das Abspecken im Grammbereich macht die etwa 0,02 PS starken Flitzer einen Hauch schneller – von 25 auf 26 km/h.

Solche Fans, deren Rennbahn der Lebensmittelpunkt ist, sind im deutsch-österreichischen Carrera Club mit inzwischen etwa 4000 Mitgliedern organisiert. Sie haben das Gehör von Stadlbauer: "Wenn die zum Beispiel feststellen, dass die Stromschleifer an einem Modell schon nach wenigen Stunden verschleißen, dann ändern wir das." Um die Identifikation mit dem Produkt dauerhaft hoch zu halten, wird nicht nur jedes Jahr eine Carrera-Challenge-Tour ausgetragen, sondern auch ein Design-Wettbewerb veranstaltet. Die Teilnehmer zeigen selbst gestaltete Autos und eine Jury entscheidet, welches den ersten Preis gewinnt. Der besteht darin, dass Carrera das Auto in einer Kleinserie von bis zu 1000 Stück baut.

Gold wert fürs Image sind Modelle, von denen nur wenige Exemplare gebaut werden. Oft sind es Aufträge von Autofirmen, die Verkleinerungen ihrer Neuwagen bestellen. Oder es sind Kunden, die einen Herzenswunsch haben. Geld spielt dann meist keine Rolle. Wie beim Auftrag eines Scheichs. Der Araber wollte von Carrera einen Ferrari 250 GTO in einer ausgefallenen Sonderausführung: vergoldet. Stadlbauer: "Der hat 5000 Euro gekostet." Andere Reiche lassen sich einen Raum in ihrer Villa komplett mit einer Rennstrecke ausstaffieren. Preis: ab 15.000 Euro. Aber je nachdem, ob die Bahn in eine Landschaft eingebettet werden soll und ob Glas- oder Karbonplatten als Unterlage infrage kommen, schießen die Kosten schnell in die Höhe.

Für diese Klientel dürfte eine Neuerung interessant sein, die demnächst zu haben ist. Es ist eine Sound-App zum Runterladen. Zur realistischen Akustikuntermalung eines Heimrennens kann man das originale Motorgeräusch des großen Vorbilds passend zum kleinen Flitzer erklingen lassen. Entweder über die Lautsprecher eines Tablet-Computers oder über die Boxen einer HiFi-Anlage.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker