Diesel-Partikelfilter Vollgas für den Filter


Vom Werk eingebaute Partikelfilter funktionieren. Falls sie sich mal zusetzen, müssen sie mit "Regenerationsfahrten" freigebrannt werden. Ein ökologisches Paradox, das offenbar vermehrt auftritt: Müssen Dieselfahrer das hinnehmen, oder sind die Filter serienmäßig mangelhaft?
Von Christoph M. Schwarzer

Fehler der Technik oder zu blöd zum Autofahren? Genau das ist die Frage, die sich jetzt angesichts verstopfter und vom Werk verbauter Partikelfilter in modernen Dieseln stellt. Wie stern.de im Oktober berichtete, können sich die grundsätzlich sehr gut wirksamen geschlossenen Systeme unter bestimmten Umständen zusetzen. Wenn die notwendige Betriebstemperatur von über 600 Grad nicht erreicht wird, etwa bei permanentem Kurzstreckenverkehr oder Schleichfahrt, mahnt zum Beispiel bei Volkswagen eine Lampe zur "Regenerationsfahrt".

Verstärkt Hinweise auf echte Mängel

Eine exotische Ausnahme, so sah es aus, für die eine ökologisch paradoxe Freibrennfahrt gut in Kauf genommen werden kann. Der allgemeine Nutzen der sauberen Luft wiegt weit mehr als die kurze Autobahntour eines Pensionärs, so das Credo. Die Fachzeitschrift "auto, motor und sport" zeichnet nun ein anderes Bild: Offenbar mehren sich die Indizien, dass mit den Werksfiltern etwas nicht stimmt.

Das automobile Leitmagazin verweist zum einen auf immer mehr Leser, die sich telefonisch oder im Internetforum über zugesetzte Filter beklagen. Bei Volvo wurden im Dezember 50.000 Diesel wegen Problemen mit dem Rußfilter zurückgerufen. Und bei der "auto, motor und sport" selbst musste ein Ford S-Max im Dauertest wegen Aussetzern zum "Regenerationszyklus" sogar in die Werkstatt. Es darf bezweifelt werden, dass die Redakteure den Abgasstrang des Vans nicht auf Betriebstemperatur gekriegt haben.

ADAC warnt vor Überbewertung

Auch beim ADAC gebe es vermehrt Anfragen, bestätigt Arnulf Thiemel vom Technikzentrum Landsberg. Den aktuellen Wirbel versteht er allerdings nicht: "Angesichts der Masse der Fahrzeuge mit ab Werk verbauten Filtern ist die Zahl der Beschwerden verschwindend klein." Der ADAC, so Thiemel, werde sofort aktiv, wenn bei einem oder mehreren Fahrzeugtypen eine signifikante Zahl von Fehlern offenbar werde, und das sei hier bei weitem nicht der Fall. Er warnt vor einer irrationalen Hysterie, wie sie immer wieder bei neu eingeführten Technologien auftrete.

Vielleicht müssen sich Dieselfahrer einfach mehr mit der Technik auseinandersetzen. Die Hersteller jedenfalls bauen auf die Mitarbeit eines bewussten Fahrers, der Ruß-Warnlampen ernst nimmt und sich dann eine freie Strecke sucht. Das kann dauern, wie Stadtbewohner wissen: Um aus dem ständigem Stop-and-go zwischen den Ampeln herauszukommen, sitzt man schon mal eine Stunde hinterm Lenkrad – pro Richtung. Zwei bis drei Stunden Fahrt, nicht nur für die Umwelt, sondern auch, damit der Filter frei, die Motorleistung bestehen und ein teurer Werkstattaufenthalt überflüssig bleibt.

Bisher keine Gerichtsurteile

Wenig technikinteressierte Fahrer und die, für die ein Auto einfach nur ein Nutzgegenstand ist, könnten mit dieser Notwendigkeit zum Gehorsam gegenüber den Herstellervorgaben in der Gebrauchsanleitung überfordert sein. Und wie weit dürfen diese Vorgaben überhaupt gehen? Das fragte die "auto, motor und sport" Claudia Schraufstetter, Hausjuristin beim ADAC: "Die Grenze ist dort zu ziehen, wo dem Kunden bei üblichem Betrieb des Fahrzeugs Bedingungen aufgebürdet werden, die über das zumutbare Maß hinausgehen."

Juristisch können die Hersteller Freibrennfahrten also durchaus verlangen, wenn sie selten auftreten und als Folge kurzer Strecken. Irgendwo dahinter liegt die Grenze der Zumutbarkeit. Wo exakt diese ist, bleibt vorerst offen. Muss jeder Fahrer jede Kontrolllampe im Auto kennen und einordnen können? Muss jeder Fahrer die dicke Anleitung gelesen haben, bevor er den Zündschlüssel zum ersten Mal umdreht? Vor Gericht könnte eine Klage auf Sachmängelhaftung wohl nur Erfolg haben, wenn auch bei "normalem" Fahrbetrieb die Filter-Warnlampe häufig aufleuchten würde.

Rohr frei bei Nachrüstfiltern

Nachrüstfilter sind übrigens nicht von dem Problem der Verstopfung betroffen, weil sie mit so genannten offenen Systemen arbeiten. Allerdings gab und gibt es bei ihnen eine gigantische Austauschaktion, in der mehr als 40.000 Dieselbesitzer ihre Billigfilter kostenlos ersetzen lassen dürfen. Diverse Anbieter hatten Technik angeboten, die schlicht nicht arbeitet. Auf der sicheren Seite waren nur die Kunden von HJS und TwinTec.

Zurück zu den Werksofferten. Egal ob Audi, Renault oder Ford: Die Autobauer tun gut daran, bei Werkstattkosten für verstopfte Filter kulant zu sein. Wir sind zwar keine Amis, die ihre Katze in die Mikrowelle packen und das Gas- nicht vom Bremspedal unterscheiden können. Aber ein Imageschaden wird inzwischen auch in Deutschland richtig teuer.


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