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Automarkt: Lohnen sich die Flatrates für all "All-inclusive-Autos"?

Komplettangebote, bei denen Kfz-Versicherung und Wartungsarbeiten in einer monatlichen Summe inbegriffen sind, erobern den Markt. Lohnen sich diese sogenannten Flatrates für Autokäufer?

Von Gernot Kramper

Autohändler verkaufen heutzutage nicht nur Autos. Häufig offerieren sie Komplettangebote, bei denen Kfz-Versicherung, Wartungsarbeiten und eine Mobilitätsgarantie gleich inbegriffen sind – unter dem Begriff "Flatrate" wurden diese Modelle bekannt. Dieser Weg der Autofinanzierung ist inzwischen ein Verkaufsschlager. Von den im Juli 2010 in Deutschland bestehenden 85 Finanzierungsangeboten waren 63 Komplettangebote. Ein Jahr zuvor lag der Anteil der All-inclusive-Pakete noch bei 50 Prozent.

Diese Pakete können große Preisvorteile für den Kunden beinhalten, müssen es aber nicht. In einer vom ADAC veröffentlichten Studie wurden exemplarisch drei Finanzierungs-Angebote von Ford, Volvo und Audi mit den Rabatten bei Barzahlung verglichen. Das ADAC-Ergebnis: In allen drei Fällen war der Kunde mit Cash besser bedient, als mit der Flatrate. In der systematischen Auswertung des Center Automotive Research unter Leitung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer zeigte sich dagegen, dass Faltrate-Pakete durchaus attraktiv sein können. Der Kundenvorteil der Juli-Offerten beträgt laut der CAR-Studie bis zu 28,5 Prozent. Diesen Nachlass bekommen Käufer eines Honda Civic im Rahmen einer 48-monatigen Finanzierung. Auch beim Leasing setzen die Händler zunehmend auf All-inclusive. Derzeit sind nahezu 50 Prozent aller Aktionen Komplettangebote. Den höchsten Rabatt gibt es in diesem Rahmen für einen Peugeot Partner. Bei ihm geben die Händler 32,4 Prozent Preisnachlass. Die Top-Preislassnachlässe bei den Paketen können sich also sehen lassen. Sie lassen sich im Einzelkauf mit Barzahlung kaum erreichen, sind aber auf ausgesuchte Modelle beschränkt.

Die Vorteile der Autohersteller

Für den Hersteller haben diese Offerten mehrere Vorteile. Weil Flatrate-Angebote entweder ohne Anzahlung oder aber mit einer geringen Anzahlung angeboten werden, erreicht man mit ihnen Kunden, die wegen fehlender flüssiger Mittel vor einem Neuwagenkauf zurückschrecken. Dazu verkauft der Autohersteller Finanzierung, Versicherung, Garantie und Ersatzteile bei der Wartung. Mit allen Bestandteilen wird Gewinn gemacht. Ein Plus, das intern die Belastung durch den Preisnachlass des Gesamtpakets deutlich mindert. Außerdem brechen die Autohersteller durch das Flatrate-Modell massiv in den Markt der Autoversicherer ein. Ohne weitere Werbeanstrengung erobern die Autohersteller hier schnell Marktanteile.

Ähnliches geschieht im Feld von umfassenden Mobilitätsgarantien. Kunden, die diesen Service im Paket mit dem Auto erwerben, sind für andere Anbieter wie den ADAC verloren. Zudem hoffen die Hersteller, durch die Flatrate eine hohe Kundenbindung zu erhalten. Zum Teil, weil die Kunden den Wagen nach Ablauf des Vertrages kaufen. Zum anderen, weil Kulanz bei Rückgabe des Fahrzeugs zum Abschluss eines neuen Vertrages führen kann.

Psychologischer Vorteil

Die Flatrate-Angebote reagieren auf eine andere Mentalität der Autokunden. Einst träumte man vom Eigenheim und eigenem Auto. Es galt: "Nur meins ist wirklich meins." Was Geliehenes war dagegen nichts Halbes und nicht Ganzes. Hinzu kam eine Bereitschaft, lange Zeit fürs Auto zu sparen und ein gewisser Unwille sich die wirklichen Kosten anzusehen. Heute ist der Besitzerstolz geringer und die Einsicht, dass die Tankrechnung nur einen kleinen Teil der Fahrzeugkosten ausmacht, hat sich durchgesetzt. Übrig bleibt eine diffuse Angst vor Kostenüberraschungen. Viele Kunden vergessen wegen der niedrigen, monatlichen Belastung, dass sie durch den Vertrag verpflichtet sind, eine hohe Summe aufzubringen. 250 Euro monatlich summieren sich in 48 Monaten zu 12.000 Euro.

Auch Flatrates kennen Kostenüberraschungen

Flatrates geben sich in der Werbung so, als seien alle Kosten abgedeckt. Das ist aber nicht so. "Flatrate" ist kein geschützter Begriff, letzten Endes kann jeder Hersteller oder Händler alles Erdenkliche darunter zusammenfassen. Zum normalen Flatrate-Paket gehört zunächst die Nutzung des Fahrzeugs über den vertraglichen Zeitraum und die vereinbarte Laufleistung. Dazu kommt eine Garantie über den Vertragszeitraum. Viele Flatrates berechnen nur eine monatliche Rate ohne Sonderzahlung, manche verlangen jedoch eine höhere Zahlung zum Start. Meist sind auch die Kosten für den Wartungsservice im Preis mit enthalten. Klarheit, schafft nur ein Blick ins Kleingedruckte. Die "Garantie" hat sehr unterschiedliche Dimensionen. Umfangreich kann eine Mobilitätsgarantie sein mit Kostenübernahmen auch bei Reisen und Schäden im Ausland. Allerdings umfasst eine Garantie nie alle denkbaren Schäden – die klassische Reifenpanne ist nicht abgedeckt.

Ähnliches gilt beim Thema Inspektionen. Für einen normalen Wagen dürfte in dem Zeitraum von 48 Monaten und einer Laufleistung von 40.000 Kilometer eine vom Kunden zu bezahlende Inspektion anliegen. Kosten: etwa 250 Euro.

Was ist nicht in der Flatrate enthalten?

Meist ist kein zweiter Reifensatz für den Winter enthalten, die montierten Ganzjahresreifen ersetzen keine echten Winterreifen. Die Flatrate deckt keine Kfz-Steuern ab, kein Nummernschild und kein Zulassungskosten. Wichtig ist es, auf das Thema "Überführungskosten" zu achten. Hier werden deutsche Autokäufer von allen Herstellern mächtig über den Tisch gezogen, durchaus möglich, dass dieser ärgerliche Posten nicht in der Flatrate enthalten ist. Nach Ablauf der Nutzung wird das Fahrzeug zurückgegeben. Dabei kann es wie beim Leasing Auseinandersetzungen über den Zustand des Fahrzeugs geben. Bei überdurchschnittlichem Verschleiß werden Nachzahlungen gefordert, auch Kuriositäten wie durch Marder verkratzte Autodächer erfordern teure Reparaturen.

Kostenpunkt KFZ-Versicherung

In Flatrate-Angeboten ist nicht unbedingt eine Versicherung enthalten. Haftpflicht- und Vollkasko bedeuten aber eine erhebliche finanzielle Belastung. Einzelne Flatrates packen zeitweise als besonderes Leckerli die Versicherung mit ins Paket, ohne dass der Preis entsprechend steigt. Meist hat die Versicherung einen relativ hohen Eigenanteil im Schadensfall und führt zu einer Beschränkung bei der Wahl der Werkstatt. Trotzdem sind diese Angebote finanziell interessant. Besonders profitieren Fahrer mit einem niedrigen Schadensrabatt bzw. hohen Prozenten.

Geldwerte Vorteile für Habenichtse

Die Kalkulationen für Pkw berücksichtigen meist keine Kapitalkosten. Es wird der geschätzte Wertverlust umgelegt. Idealbild ist also Opa, der 30.000 Euro aus der Sparbüchse nimmt und den Wagen bar bezahlt. Für ihn stimmen die Beispielrechnungen in den Marktübersichten des ADAC. Kunden, die den Kaufpreis finanzieren, müssen anders rechnen. Für sie sind die Flatrate-Angebote interessant, die auf einem subventionierten Billigzins aufbauen. Die Verlockung geht nicht von der Konstruktion Flatrate oder Leasing aus, sondern vom zugrunde gelegten Zins. Leider ist der Zinssatz bei diesen Finanzkonstruktionen nicht sofort sichtbar, weil die gesetzlichen Regelungen für einen Kredit nicht greifen.

Turbo-Wirkung von Niedrigzinsen

Ein Flatrate-Angebot läuft meist über 36 bzw. 48 Monate. Anders als beim klassischen Kredit wird in dieser Zeit nicht der gesamte Wert des Fahrzeugs abbezahlt. Am Ende bleibt ein Sockelbetrag übrig, der den Restwert des Fahrzeugs widerspiegelt. Zu diesem Preis kann der Kunde den Wagen meist übernehmen. Diese Summe, weil nicht abgetragen, muss über den gesamten Zeitraum verzinst werden. Bei einem marktüblichen Zins von derzeit etwa 6,5 Prozent effektiv, kommt eine erhebliche Summe zusammen. Beispielrechnung: Bei einem Listenpreis 30.000 Euro und einem angenommen Restwert nach 48 Monaten von 12.000 Euro fallen über 3000 Euro allein für die Verzinsung des Restwerts an. Für den Privatkunden ist eine normale Finanzierung ob Flatrate oder nicht mit so einer hohen Restrate meist nicht zu empfehlen. Ganz anders sieht es aus, wenn der Zins auf minimale Werte herunter subventioniert wird. Mit einem Zinssatz von 1,9 Prozent spricht wenig gegen dieses Modell.

Keine Pauschalempfehlung

Flatrates überzeugen die Kunden mit einer fixen, genau zu kalkulierende Summe im Monat. Leider sind die Kalkulationen dahinter keineswegs transparent und unterscheiden sich von Hersteller zu Hersteller. Entscheidend ist immer der zugrunde gelegte Zins der Kalkulation. Wird das Angebot von der Zinsseite massiv subventioniert, ist es interessant, zu marktüblichen Zinsen wird eine Flatrate tendenziell teuer. Bei einem Kostenvergleich sollten die unterschiedlichen Leistungen der Angebote direkt verglichen werden. Zu dem nackten Leistungsvergleich muss ein persönliches Rating kommen. Der kalkulierte Preis muss in ein: "Das ist es mir wert" umgerechnet werden.

Wie bei anderen Flatrates auch, wird das Geschäft für den Anbieter besonders lukrativ, wenn er dem Kunden Leistungen berechnet, die der überhaupt nicht braucht. Der Ersatz von Verschleißteilen hört sich mächtig an, doch bei einer Laufzeit von drei Jahren und 30.000 Kilometern sollten weder Reifen, noch Bremsen oder Auspuff verschlissen sein. Eine Absicherung für den Fall von Arbeitslosigkeit kann in Einzelfällen sinnvoll sein, eine verbeamtete Lehrerin profitiert davon nicht. Eine umfassende europaweite Mobilitätsgarantie ist für einen Geschäftsmann viel wert, für ein familiär genutztes Zweitauto kann man getrost darauf verzichten.

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