Opel-GAZ-Allianz Der Kreml lenkt mit

Der kanadisch-österreichische Magna-Konzern wird als Opel-Retter gefeiert. Die Drahtzieher der Übernahme - der russische Autobauer GAZ und die russische Sberbank - spielen in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle. Doch durch sie bestimmt der Kreml die Geschicke des Rüsselsheimer Autobauers.
Von Susanne Kilimann

Mit einem Wagen von GAZ ließ sich Stalin kutschieren, den aktuellen Wolga Silber nahm Wladimir Putin persönlich ab. Wer die Wirtschaftsseiten deutscher Zeitungen liest, ist inzwischen ausgezeichnet über Magna informiert. Er weiß, dass dieser Konzern heute bei fast allen bekannten Automarken rund um den Globus "mitbaut". Der russische Autobauer GAZ dagegen, der im Verbund mit der Sberbank künftig sogar das größere Opel-Aktienpaket halten wird, ist bislang allenfalls Freunden robuster Transporter und bulliger Geländewagen ein Begriff. Aus der russischen Automobilgeschichte dagegen ist die Gorkowski Awtomobilny Sawod, kurz GAZ genannt, nicht wegzudenken.

Projekt der Industrialisierung

GAZ ist ein Kind von Stalins erstem Fünfjahresplan. Produktionsstandort war und ist bis heute Nischni-Nowgorod, eine Stadt die sechs Jahrzehnte lang Sonderstatus hatte - Ausländern durften sie nicht betreten. Anfangs konzentrierte sich GAZ auf die Produktion leichter Lastwagen – bis heute der Schwerpunkt der Marke. Aber auch PKW namens GAZ-A und M1 rollten vom Montageband. Der M1 basierte auf dem V8-40 von Ford. Denn die Sowjetführung hatte - Klassenfeind hin, Klassenfeind her - beim amerikanischen Autobauer eingekauft, Produktionsanlagen importiert und die Lizenzen für einige Modelle übernommen. Im Zweiten Weltkrieg stellte die Autofabrik ihre Produktion auf Panzer und Panzerspähwagen um und wurde dafür mit Auszeichnungen geehrt. 1946 lief der ZIS-110 vom Band, ein Nachbau des US-amerikanischen Packard 180 der Vorkriegszeit. In der gepanzerten Version ließ sich Josef Stalinkutschieren.

Spezialist für leichte und geländegängige Lastwagen

Nach dem Krieg bereicherten verschiedenste Lastkraftwagen, Tanklaster, Muldenkipper, sowie der Geländewagen Pobeda und der Pobeda 4x4 PKW die Angebotpalette der Automobilfabrik. Auch gepanzerte Fahrzeuge wurden und werden weiter produziert -das aktuelle Modell heißt "Tigr". Seit den fünfziger Jahren bringt GAZ zudem Limousinen der Marke Wolga auf den Markt, die inzwischen auch hierzulande bei Importeuren bestellt werden können sind. Einen Coup landete die Autoschmiede in den Neunzigern mit dem Transporter GAZelle. Neuere Variationen der Ur-GAZelle haben auf den Straßen zwischen Moskau und Wladiwostok immer noch einen Marktanteil von 30 bis 50 Prozent.

Import von Westtechnik

Die Technik unter den robusten Blechkleidern ist allerdings in die Jahre gekommen. Der unökonomische 4-Zylinder Benziner, mit dem GAZ seine GAZellen ausstattet, fordert gut und gerne 15 bis 20 Liter für die 100-Kilometerstrecke. Moderne Aggregate kauft das Unternehmen GAZ International, das inzwischen dem russischen Oligarchen Oleg Deripaska gehört, bei Zulieferern ein. So sind GAZ-Transporter inzwischen zum Beispiel auch mit einem 2,1 Liter-Turbodieselaggregat von der europäischen Magna-Tochter Magna-Steyr zu haben.

Auch bei Chrysler haben die russischen Autobauer in den letzten Jahren eingekauft. Aus Michigan holte sich GAZ Maschinen zur Produktion von Chrysler Sebring und Dodge Stratus in die Stadt, die seit dem Zerfall des Sowjetunion längst wieder Nischni-Nowgorod heißt. Gleichzeitig wurde ein Vertrag unterzeichnet, der es den Russen erlaubt, Mittelklassewagen der Chrysler Group in allen GUS-Staaten mit verändertem Design unter der eigenen Marke zu vertreiben. Motoren dafür sollen vom Chrysler-Werk im mexikanischen Saltillo geliefert werden. Seit Frühjahr 2008 bietet GAZ nun auch den Wolga Silber an, eine Mittelklasselimousine, die in Chrysler-Partnerschaft gebaut wird. Doch der Hoffnungsträger enttäuscht bislang - der Absatz verläuft schleppend.

Opel ist "trendy"

Bei der russischen Kundschaft gilt Wolga als veraltet. Autokäufer in Moskau und Sankt Petersburg steigen lieber in Fahrzeuge aus westlicher Produktion. GAZ verliert in Russland daher massiv Marktanteile. Aber der Kreml lässt die Traditionsfabrik und die von ihr abhängige Stadt nicht sterben. Das Schicksal von GAZ ist Chefsache, Wladimir Putinhat sich in die Rettung der russischen Autoindustrie eingeschaltet. Aus russischer Sicht soll GAZ nicht Opel retten, sondern umgekehrt.

Denn Opel zum Beispiel gilt in Russland durchaus als "trendy". Der Einstieg beim deutschen Traditionsautobauer könnte für GAZ daher die dringend notwendige Trendwende bringen. Modernisierungsbedarf herrscht bei GAZ auf jeder Ebene. Das fängt bei zeitgemäßen Fahrzeugplattformen an, reicht über zentrale Komponenten und geht bis zum Know How der eigentlichen Produktion. Während sich Komponenten noch am Markt kaufen lassen, ist für eine tiefgreifende Verbesserung der Produktion eine enge Partnerschaft mit einem großen Hersteller nötig. Nur durch die Entsendung von Personal lässt sich die Produktionsqualität auf internationales Niveau heben. Mit dem Kauf von Opel und einer Belegschaft, der massiver Stellenabbau droht, steht ein großes Reservoir an Fachkräften zur Verfügung. Im Stammwerk des russischen Autobauers GAZ in Nischni Nowgorod soll schon bald der Opel Astra für den russischen Markt produziert werden. Zunächst soll das auslaufende, aktuelle, später dann auch das neue Astra-Modell vom Band laufen, so die "Auto Bild". Dass eine russische Mutter mit ihren Tochtergesellschaften ruppig umgehen kann, mussten diese Woche die Angestellten von LDV in Birmingham erfahren. Die finanziellen Schwierigkeiten von GAZ kosteten 850 Briten den Job.

Chance für Opel

Opel selbst kann von dieser Partnerschaft allerdings auch profitieren. Ordnungspolitisch ist die defacto Beteiligung der Kremlherren bedenklich, praktisch kann sie Opel massive Vorteile beim Zugang zum russischen Markt bieten. Eine große eigene Produktion in Russland kann zudem die russischen Einfuhrzölle von Autos aus Deutschland stark absenken, ein entscheidender Wettbewerbsvorteil für Opel. Die größte Zukunftsherausforderung wäre der Aufbau einer eigenen Low-Cost-Linie in Russland. Mit einer Billig-Fabrikation wie Dacia könnten Opel/GAZ in den weltweiten Wachstumsmarkt der Schwellenländer einsteigen. Aber auch in Westeuropa wird der Anteil der Billigwagen massiv wachsen. Sollte das Kunststück gelingen, in Russland Billigautos herzustellen und diese nach West-Europa zu exportieren, würde sich wegen der russischen Einfuhrregularien zugleich der Export von Opelmodellen nach Russland massiv verbilligen.

Der Kreml spielt mit

Aus eigener Kraft kann der russische Autobauer den Deal mit Opel ohnehin nicht stemmen. Rund eine Milliarde Euro Schulden soll GAZ vor allem durch den schleppenden PKW Absatz bereits eingefahren haben. Hilfe fürs Unternehmen kommt aus dem Kreml - für den Geldfluss sorgt die staatlich kontrollierte Sberbank. Und weil GAZ-Eigner Deripaska seine Aktien als Sicherheit für die Bürgschaften hinterlegen musste, halten bei GAZ praktisch die Kreml-nahen Banker das Steuer in der Hand. Sberbank-Chef German Gref freut sich öffentlich über das Schnäppchen: Russland übernehme mit Opel eine "technisch hochentwickelte Produktion" zu einem "beispiellos niedrigen Preis".

Damit hat die russische Regierung eines ihrer erklärten Ziele erreicht - den Einstieg bei einem großen westlichen Unternehmen. Ohne den kanadisch-österreichischen Zulieferer als Türöffner wäre das Übernahme-Manöver so nicht geglückt.

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