Tokyo Motor Show Reiner Pragmatismus


So ganz wollten die europäischen Autohersteller dann doch nicht auf die Tokyo Motor Show verzichten. Zwar haben sie ihre Teilnahme an der Automesse im Krisenjahr 2009 fast komplett abgesagt. Doch einige neugierige Köpfe der westlichen Industrie huschten dann doch an den Ständen vorbei.
Von Frank Janßen

Volkswagens Entwicklungschef Ulrich Hackenberg beispielsweise stürmte den Eingang gleich zur Öffnung des ersten Pressetages morgens früh um neun zusammen mit einer vielköpfigen Mitarbeiter-Schar. Schließlich hat VW die Parole ausgegeben, Toyota bald als größten Autobauer der Welt ablösen zu wollen – da muss man auf dem Laufenden bleiben. Und auch Renaults langjähriger Designchef Patrick le Quément ließ sich von einem Streifzug trotz der dünn besiedelten Hallen nicht abbringen.

Sie mögen enttäuscht worden sein, denn auch die japanischen Autobauer haben deutlich auf die Krise reagiert: Sie zeigen im Makuhari-Messezentrum kaum eine der verrückten Studien, für die sie in früheren Jahren so geschätzt wurden. Keine durchgeknallten Discos auf Rädern, keine fahrenden Wintergärten mit Plexiglas-Karosserie, keine gefühlsduseligen Showcars, die je nach Stimmung und Verkehrslage die Farbe ihrer Außenbeleuchtung ändern. Von dem zweisitzigen Concept Car Nissan Land Glider mal abgesehen, der sich bei Kurvenfahrt zur Seite neigt.

Neue Studien

Wo früher bei jedem japanischen Hersteller mindestens zwei, drei Studien kreativer Designer und Techniker zu bestaunen waren, herrscht in diesem Jahr in weiten Teilen Ödnis. Statt die Grenzen des Machbaren auszuloten, demonstriert die japanische Autoindustrie dieses Jahr reinen Pragmatismus. Aber der hat es durchaus in sich.

Toyota zeigt beispielsweise neben dem Luxusrenner Lexus LFA die seriennahe Studie FT-86, die in etwa zwei Jahren fertig sein könnte – einen schick geschnittenen Sportwagen mit Zweiliter-Boxermotor von Entwicklungspartner Fuji Heavy Industries, besser bekannt unter dem Markennamen Subaru. "Mit dieser Studie wollen wir unseren Beitrag zum Fahrspaß abliefern", sagt Chefingenieur Tetsuo Tada. Das Projekt hat der neue Toyota-Präsident Akio Toyoda, Spross der Gründerfamilie, persönlich angeschoben. Denn der 53-jährige Toyoda, seit Juni dieses Jahres im Amt, ist ein Autofreak durch und durch.

Sympathieverlust im Inselreich

Auch Honda entdeckt die Emotionen wieder und präsentiert einen Sportwagen, der sogar noch näher an der Serienproduktion ist als der für 2011 angepeilte FT-86 von Toyota: Schon 2010 könnte der Honda-Flitzer mit der aktuellen Bezeichnung CR-Z Concept in den Markt starten. Das kompakte Coupé erinnert an den beliebten Civic CRX, der in Europa vor allem bei jungen Leuten Karriere machte, die dann aber mangels Nachfolger einschlief.

Die deutschen Hersteller versscherzen sich wegen ihrer Absagen möglicherweise Sympathien der Kundschaft im Inselreich. "Ich frage mich, ob die deutschen Hersteller nicht mehr am japanischen Markt interessiert sind", fragt der Manager eines kleines Zubehörlieferanten. Er findet die Haltung der Industrie arrogant. "Wenn sie nicht herkommen und ihre Autos bei uns zeigen, ist das kein positives Zeichen."


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