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Pro und Contra: Neu- oder Gebrauchtwagen - eine Checkliste

Irgendwo zwischen dem abgeschriebenen Dienstwagen und der Youngtimerschwelle bewegt sich die Masse der Gebrauchtwagen. Reicht es nicht doch für einen nagelneuen aus der Fabrik? stern.de hilft, das Für und Wider richtig abzuwägen und sagt, worauf Sie beim Gebrauchtkauf achten müssen.

Ein Oldie hat immer seinen Reiz.

Ein Oldie hat immer seinen Reiz.

Das Neu-Gefühl

Allein der Geruch eines neuen Autos verführt viele zur Unterschrift unter den Kaufvertrag. Dabei muss der gar nicht gesund sein: Ein gut durchlüfteter Gebrauchter hat weniger Produktionsgifte im Innenraum und riecht neutraler, wenn er aus Nichtraucherhand stammt. Und das unnachahmliche Neu-Gefühl, der Erste zu sein, der auf den Polstern sitzt und der Erste, der in den sechsten Gang schaltet? Keine Sorge, mit einer professionellen Autoaufbereitung wirkt auch ein 3er BMW wie neu. In Japan werden beim Besitzerwechsel übrigens gerne alle Teile ausgetauscht, die berührt werden: Schalthebel, Lenkrad und Schonbezüge. Achtung: Das Neu-Gefühl ist nur von Dauer, wenn der Alte nicht zu alt ist.

Peilmarke:  Drei Jahre und 50.000 Kilometer Laufleistung. Denken Sie daran, wie lange Sie den Wagen behalten wollen, denn auch das Gefühl im letzten Jahr zählt. Das "Neuwagen"-Gefühl kann man übrigens verlängern, wenn man den Wagen jährlich professionell reinigen und aufarbeiten lässt. Selbst Zigaretten- oder Hundegeruch kann spurlos entfernt werden. Nur mit "Selber-Saugen" geht das allerdings nicht. 

Vorteil: Vorführwagen und junge Gebrauchte. Fast wie neu zu reduzierten Preisen.

Die Abgasnorm

Alle paar Jahre verschärft der Gesetzgeber die Abgasnorm. Im Regelfall produziert jedes neuere Auto weniger gesundheitsschädliche Stickoxide und Kohlenwasserstoffe als ein älteres. Richtige Stinker sind aber auch Gebrauchte nicht: Spätestens seit der Jahrtausendwende sind Benziner mit Euro 3 erheblich sauberer als die kat-losen aus den 80ern. Der Kat muss an Bord sein, damit die Umweltzonen in Berlin, Hannover und Stuttgart problemlos befahren werden können.

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Und die Diesel? Da ist Vorsicht geboten. Einen Wagen ohne Partikelfilter kann man gar nicht mehr kaufen. Wer nicht gerade einen Diesel mit Harnstoffeinspritzung kauft, muss in den nächsten Jahren mit Fahrverboten in Großstädten leben. Wer in so einer Stadt lebt, muss sich jetzt beim Kauf entsprechend einrichten. Sollte es zu Fahrverboten kommen, werden die Preise für gebrauchte Stinker mächtig fallen – ein Weiterverkauf wird nur mit Verlusten möglich sein.

Klarer Vorteil für Neuwagen und junge Gebrauchte.

Die Kfz-Steuer

Nur Neuwagen, die nach dem 1. Juli 2009 erstmals zugelassen wurden, unterliegen der gemischten Besteuerung: Es gibt wie gehabt einen Sockelbetrag, der auf Grund des Hubraums erhoben wird. Dazu kommen je zwei Euro pro Gramm CO2 und Kilometer. Die Sätze für halbwegs normale Autos steigen bei Benzinern selten über 100 und bei Dieseln kaum über 200 Euro.

Generell gilt: Je älter und je Diesel, desto teurer. Während ein acht Jahre alter, typischer 2-Liter Diesel (Skoda Octavia TDI, Mercedes C 220 CDI) noch zwischen 300 und 400 Euro im Jahr kostet, kann ein Benz 300 D aus den 80ern gerne auch mal über 1.000 Euro kosten. Was genau welcher Benziner und welcher Diesel kostet, lässt sich mit Hilfe des Kfz-Scheins ermitteln. Dann reicht es, etwa bei Wikipedia "Abgasnorm" einzugeben, und schon ist das Steuerrätsel gelöst.

Klarer Vorteil für neue Wagen. 

Die Sicherheit

Neue Autos, daran besteht kein Zweifel, sind sicherer als alte. In kaum einem Bereich haben die Autohersteller in den letzten 30 Jahren so viele Fortschritte gemacht wie bei der aktiven (Bremsweg) und passiven (Airbags, ESP) Sicherheit. Ist ein Neuer darum automatisch immer besser? Nicht unbedingt. Denn viele Interessenten kaufen nicht nach Fahrzeugklasse, sondern mit einem bestimmten Budget

Für 7.000 Euro gibt es bestimmt irgendwo einen Fiat Panda neu vom Hof. Das Problem: Die Autobauer geizen gerade bei Kleinwagen mit der serienmäßigen Sicherheitsausstattung. Gerade der Schleuderschutz ESP ist oft an den Kauf einer Servolenkung oder eine Klimaanlage gekoppelt. Das treibt den Preis, und schon neigt der Kunde dazu, auf alles zu verzichten. Die Lösung heißt auch hier: Gebrauchtwagen. Ein Golf IV (ab Baujahr 1998) hat immer ESP – ein absolutes Muss jedes Auto. Und ein Smart Forfour aus dem Daimler-Konzern ist so vollgestopft mit Sicherheitsfeatures, dass neue Kleine oft nicht mithalten können. Nicht vergessen: Im Crash Auto gegen Auto zählt leider auch das Gewicht. Je schwerer Sie sind, desto besser Karten haben Sie bei einem Unfall Auto gegen Auto. 

Kompliziert: In der Praxis zählen Sicherheitsausstattung plus Wagenklasse. Im Zweifel ist man in einer vier Jahre alten E-Klasse besser aufgehoben als in einem neuen Kleinwagen. 

Das Umweltgewissen 

Klar, neue Autos sind so sauber, das – kein Witz – die Luft, die hinten rauskommt manchmal sauberer ist als die, die vorne eingesaugt wird. Und es gibt immer mehr Modelle, die sehr wenig verbrauchen und damit einen niedrigen CO2-Ausstoß haben. Klima und Geldbeutel freuen sich. Darum ist ein Gebrauchter aber noch lange nicht schlecht. Denn bei der Produktion eines Autos werden rund 20 Prozent der Gesamtenergie eines Autolebens verbraucht. Und, das wird gerne vergessen, ein Neuwagen kann, muss aber nicht weniger verbrauchen als ein betagter Einkaufstourer

Unentschieden. 

Der Rost

Totgesagte Leben länger. Spätestens mit Einführung der vollverzinkten Karosserie bei Audi 1985 haben alle geglaubt, der Gammel wäre besiegt. Während in den 70ern ganze Autogenerationen wie etwa frühe Golf 1 oder Mercedes W123 von der braunen Pest dahingerafft wurden, schien der Rost Ende der 80er Jahre ausgestorben.

Aber er lebt. Gerade bei der Vorzeigemarke Mercedes sind in letzter Zeit viele Fälle von Kanten- und anderem Rost ruchbar geworden. Als Käufer müssen Sie zwischen harmlosen Flugrost und massiven Durchrostungen an tragenden Teilen unterscheiden. Da Sie das normalerweise nicht selbst können, sollten Sie jeden Gebrauchten checken lassen.

Vorteil für den Neuwagen mit Garantie.

Die Vertrauensfrage

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das gilt nirgends so sehr wie beim Gebrauchtwagenkauf. Seien Sie immer misstrauisch. Selbst bei der lieben Oma oder dem Schwiegersohn-Typ als Vorbesitzer. Beim Kauf aus privater Hand sollten Sie den Anbieter fragen, ob er mit einem so genannten Vertrauens-Check einverstanden ist. Falls nein: Finger weg. Falls ja: Bieten Sie ihm an, die Kosten in Höhe von 30 bis 50 Euro zu tragen oder zu teilen. TÜV und Dekra bieten diese Dienste nach Voranmeldung gerne an. 

Der Vorteil: Hier wird nicht etwa eine TÜV-Untersuchung gemacht. Hier wird das ganze Auto geprüft. Wie lange halten die Bremsbeläge noch? Steht der Auspufftopf kurz vor seinem Ende? Da TÜV und Dekra die Mängelberichte von vielen Autos des gleichen Typs vorliegen haben, wird auf neuralgische Punkte besonders geachtet. Das Geld ist als gut investiert.

Beim Kauf vom Händler sollten Sie ebenfalls misstrauisch sein. Überprüfen Sie immer, ob das Serviceheft korrekt ausgefüllt ist und tatsächlich zu dem Auto gehört, für das Sie sich interessieren. Glauben Sie niemals die Ausreden, warum das Scheckheft weg ist. Und was Garantien und Gewährleistungen betrifft, gilt für den seriösen Markenhändler das gleiche wie für den kleinen Krauter an der Ausfallstraße: Lesen Sie das Kleingedruckte.

Vorteil für Neuwagen und junge Gebrauchte, denn Garantie schlägt Vertrauen.

Das Budget

Es gibt Neuwagen für vierstellige Preise, für 12.000 Euro und für 22.000 Euro. Im Regelfall ist das Budget beim Autokauf begrenzt. Manchmal stellt sich dann die Frage: Lieber für das vorhandene Geld den Neuwagen mit Vollgarantie und ohne Vorbesitzer kaufen, oder doch lieber den Traumwagen mit 70.000 Kilometern auf der Uhr? Wir vom stern können Ihnen diese Entscheidung nicht abnehmen, berichten aber gerne aus unserer Erfahrung: Wer seinem Herzen folgt, wird oft glücklicher als der, der vermeintlich seinem Verstand gehorcht. Wenn ein 5er BMW schon immer auf der Wunschliste stand – bitte schön, die Auswahl ist groß, die Preise sind klein. Apropos klein: Wenn Sie einen Kleinwagen kaufen wollen, sollten Sie doch verstärkt erwägen, zum Neuen zu greifen. Wegen des Kostendrucks auf den Gebrauchtkäufern ist das Preisniveau oft unangemessen hoch. 

Der ideale Preiskorridor

Viele Statuswagen verlieren in den ersten Jahren enorm an Wert. Wer dann zuschlägt, kann sehr günstig einen sehr aufwändigen Wagen fahren, der in jeder Beziehung Tipp-Topp in Ordnung ist. Aber ein Siebener oder auch eine E-Klasse kosten auch gut gebraucht immer noch mehr Geld als ein Golf. Wer sich derartige Summen nicht leisten kann, sollte nicht warten, bis das Prestige-Modell auf Preise unter 10.000 Euro gesunken ist. Dann muss nämlich auch mit sündhaft teuren Reparaturen gerechnet werden. Denken Sie auch daran, dass Kaufpreis und Wertverfall nur einen Teil der Fahrzeugkosten ausmachen. Bsp: Für 22.000 Euro – dem Preis eines mittelprächtigen Golf - können Sie einen noch sehr ansehbaren Audi A6 Avant bekommen. Möglich auch, dass Sie ihn nach drei Jahren genauso gut verkaufen können, wie den Kompakten. Aber Versicherung, Verbrauch und Service liegen unweigerlich auf Mittelklasse-Niveau. 

Daumenregel: Mit einem großen Gebrauchten fahren sie deutlich billiger als mit dem großen Neuen, aber immer teurer als mit einem kleinen Wagen, den Sie fürs gleiche Geld bekommen hätten. 

Fazit

Nie war die Auswahl an guten Gebrauchten so groß wie heute. Auch das Image hat sich gewandelt: Niemand rümpft die Nase, wenn Sie mit Ihrem 97er Mercedes T-Modell vorfahren. Nur Sie wissen, dass es weniger gekostet hat als der neue Hyundai von nebenan und trotzdem länger halten wird. Rechnen Sie immer, egal ob neu oder gebraucht, die Folgekosten durch und versuchen Sie, den Selbstbetrug möglichst klein zu halten.

Der stern-Tipp: Wenn es finanziell nicht zu eng wird, dann greifen Sie zum Premium-Gebrauchten aus heimischer Produktion. Das ist erste Ware aus zweiter Hand..


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