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Suzuki Rallye Cup: Mein Gott Walter

Zwei Minuten als Beifahrer von Walter Röhrl sind genug. Mehr Zweifel am eigenen Fahrkönnen wachsen nur, wenn man selbst ins Rallye-Lenkrad greift.

Von Christian Gebhardt

"Wir sind auf der Suche nach einem neuen Walter Röhrl", erzählt Niki Schelle, sportlicher Leiter des Suzuki Rallye Cups. "Super, hier sind wir genau richtig." Auch wenn man sonst nur im öden Kleinwagen durch die Stadt schlurft, insgeheim bleibt doch Drift-Ikone Walter Röhrl das schillernde Vorbild. "Der Walter" ist inzwischen auch schon jenseits der 60, eine rasante Mitfahrt neben dem zweifachen Rallye-Weltmeister verändert trotzdem den Glauben an das eigene Fahrkönnen. Kann man diesen herausragenden Fahrstill auch erlernen? In der Rallye-Schule von Suzuki geht's daher ans Eingemachte. Hier lehrt Ex-Rallye-Profi Schelle den jungen Kurvenkünstler das Schotter-Alphabet. Einer von denen soll irgendwann mal Altmeister Röhrl vom hohen Rallye-Thron stoßen. Das Konzept des Suzuki Rallye Cups ist simpel und als Nachwuchsförderung einzigartig in Deutschland. Identische Rallye-Boliden für alle Teilnehmer bedeuten Chancengleichheit. So kann am besten unter den Nachwuchs-Quertreibern der potentielle Weltmeister von morgen ausgesiebt werden.

"Schon mal vorher was mit Rallye zu tun gehabt? Nicht wirklich!" Hier wird nicht wie auf einer Rennstrecke stumpf im Kreis gefahren. Einzeln starten die Rallye-Teilnehmer im Minutenabstand und jagen dann im donnernden Tiefflug so schnell wie möglich von A nach B. So was nennt sich dann Wertungsprüfung. Danach geht's im öffentlichen Straßenverkehr weiter zum nächsten Zeitfahren. Gesittet und mit Nummernschild. "Okay, verstanden! Wo ist mein Auto? Los geht's!" Doch Rallye ist mehr als die bloße Hatz über abgesperrte Feldwege. "In erster Linie ist es ein Teamsport und ein Zusammenspiel aus Fahrer und Beifahrer", erzählt mein Nebenmann Jan Enderle ruhig. Der aufgestachelte "Röhrl-Nachfolger-Blick" in meinen Augen scheint ihn nicht zu stören. Als langjähriger Copilot hat er schon manchen Abflug in die Botanik miterlebt und nimmt's gelassen. Muss er auch, als Beifahrer kann er nur mit mahnenden Worten bremsen.

Damit es erst gar nicht so weit kommt, ist ein perfekter Aufschrieb der Rallye-Strecke wichtig. Der kommt vor dem anmachenden Drift-Kick, leider. Im langweiligen Bummeltempo geht's einen ermüdenden Tag lang über die unbekannten Wege. Mühsam sondieren die Teams 140 Wertungskilometer meterweise. Jede Bodenwelle wird begrüßt, wellige Kurven angesprochen und alle bekommen nachher eine Schulnote. Klingt zumindest so. Eine Eins für eine enge Spitzkehre. Die Fünf gibt's für einen zügigen Knick. So wird vorher sichergestellt, dass Fahrer und Beifahrer im Vollgastempo über den gleichen Kurvenradius reden. Zu den hunderten Kurven gesellen sich dann noch unzählige Entfernungsangaben, aushebelnde Sprungkuppen und rutschige Belagwechsel von Asphalt auf Schotter hinzu. Das ganze Geographie-Chaos vereint sich dann im Gebetsbuch, der Rallye-Bibel. Jede interessante Strecken-Information ist später im heilige Stadtplan des Copiloten verzeichnet.

Reizüberflutung im Staccato

Wenn die Zeit dann endlich läuft, rattert der Beifahrer im Staccato-Ton den Aufschrieb runter. "30 Rechts drei, 20 Rechts drei, Achtung, sofort in Links eins Kehre." Den ungeübten Rallye-Novizen überkommt bei dem merkwürdigen Kurven-Alphabet eine totale Reiz-Überflutung. "Wie schnell ging noch mal eine Kurve mit dem Radius drei?", denkt der eigene Geist, während vom Beifahrersitz schon wieder die nächste Ansage abgefeuert wird. Neben der vollkommenen Beherrschung des laut grölenden Boliden ist vor allem aufmerksames Zuhören gefragt. "Slow, slow, slow!", tönt es wiederholt von rechts. Langsam merkt auch der Co, dass man den Sprung in Röhrls Fußstapfen ernst meint. Doch blindes Vertrauen müssen Beifahrer und Steuermann gegenseitig aufbringen. "Links voll!" Der rechte Fuß zuckt vor den ersten, uneinsichtigen Biegungen ungewollt vom Gaspedal, bis auch die letzte Gehirnwindung dem sprechenden Nebenmann glaubt. Ein banaler Lesefehler und der staubende Rallye-Hobel würde trotz des aufgebrachten Vertrauens mit Volldampf ins dichte Gehölz abbiegen. Und so ziehen die dicht gestaffelten Baumgruppen und die steilen Abhänge abseits der verwinkelten Feldwege grußlos mit 190 km/h vorüber. Wer sich Gedanken über den Abflug macht, steigt wahrscheinlich sofort wieder aus. Phantasielos geht es weiter.

Die Spreu vom Weizen trennt sich erst so richtig bei wechselnden Straßenverhältnissen, wenn's vom griffigen Asphalt auf losen Schotter geht. Spätestens hier muss jeder gewöhnliche Autofahrer vor der driftenden Rallye-Gilde seinen Hut ziehen. Ein nervöses Zucken am Lenkrad und aus der Seitenscheibe kann der schleudernde Hintern des eigenen Rallye-Mobils bestaunt werden. Für die richtigen Profis ist der staubende Ritt auf dem rutschigen Geläuf das Allergrößte. Aber es scheint noch größere Herausforderung für die adrenalinsüchtige Drift-Gemeinde zu geben. Jetzt kommt doch die Phantasie wieder durch. Der Wunsch, auf gefrorenem Schnee und blanken Eis bei der Rallye Monte Carlo durch die französischen Seealpen zu driften, ist auch der Traum der heutigen Rallye-Jugend. Andere werden diese Gelüste, nach der ständigen Absturzgefahr beim kleinsten Verbremser, eher lebensmüde nennen.

Training auf heimischen Feldwegen

"Besonders die unterschiedlichen Bedingungen faszinieren mich am Rallyefahren", strahlt auch Florian Niegel begeistert. Der 23-jährige blieb als besonderes Rallye-Talent im Nachwuchs-Sieb hängen und wird nun von Suzuki gefördert. Sein Ziel ist natürlich die Weltmeisterschaft, wie kann es auch anders sein. Für talentfreie Normallenker hält der 23-Jährige ebenfalls schmunzelnd einen kleinen Hoffnungsschimmer parat. "Ich habe mal mit Üben auf den heimischen Feldwegen angefangen."

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