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Dünner, schneller, leichter: Apples iPad Air im Test

Flink und flach: Apples iPad Air ist eine gelungene Rundumerneuerung. Perfekt ist das Tablet aber nicht. Was es kann und für wen sich der Umstieg lohnt, verrät der stern.de-Test.

Von Christoph Fröhlich

Haben große Tablets überhaupt noch eine Chance? Spätestens seit dem Start von Apples iPad Mini geht der Trend zu kleineren, leichteren Geräten. Denn sie sind nicht nur handlicher, sondern auch deutlich günstiger als die großen Flach-Computer. Googles kompaktes Full-HD-Tablet Nexus 7 beispielsweise erschien vor wenigen Wochen zum Kampfpreis von 229 Euro. Trotz ihrer kompakten Bauform sind die Mini-Tablets echte Alleskönner, die sich gleichermaßen zum Zocken, Surfen und zum Arbeiten eignen. Nun wirbelt Apple die Branche mit dem iPad Air auf: Das 9,7-Zoll-Gerät ist deutlich leichter und dünner als der Vorgänger. Doch geht das geringe Gewicht zu Lasten der Akkulaufzeit? Und macht sich das dünnere Gehäuse im Alltag überhaupt bemerkbar? Wir haben den Luftikus auf Herz und Nieren getestet und sagen, für wen sich der Umstieg lohnt.

Verarbeitung & Design

Die fünfte Auflage des Apple-Tablets macht seinem Namen alle Ehre und erinnert mit dem flachen Design an das Macbook Air. Es ist 2,4 Millimeter dünner (7,5 statt 9,4 mm) und rund 180 Gramm leichter (469g statt 650 g) als das iPad 4. Zum Vergleich: Die Gewichtseinsparung beträgt in etwa so viel wie ein iPhone 5S plus zwei iPod Nano. Das macht sich deutlich bemerkbar: Lag das iPad 4 auf Dauer recht schwerfällig in der Hand, lässt sich das Air nun auch längere Zeit ohne Ermüdungserscheinungen halten. Die Schlankheitskur spürt man jede Sekunde. Menschen mit großen Händen können das Tablet nun sogar mit einer Hand halten, das ist für ein Zehn-Zoll-Tablet keine Selbstverständlichkeit.

Das iPad Air ist nicht nur deutlich schlanker, sondern auch schicker geworden. Die Ränder links und rechts neben dem Display sind 43 Prozent schmaler, was den Touchscreen optisch größer erscheinen lässt. Passend zum iPhone 5S ist das neue iPad in den Farben spacegrau und silber erhältlich. Die Rückseite fällt wie beim Smartphone etwas steiler und weniger geschwungen nach hinten ab. Die Kanten der Vorderseite sind diamantgeschliffen und leicht angeschrägt. Das wirkt nicht nur edel, sondern sorgt für ein angenehmes Gefühl beim Festhalten.

Das dünnste Tablet der Welt ist das iPad Air nicht. Diesen Platz hält nach wie vor Sonys Xperia Tablet Z. In puncto Verarbeitung reicht Apple keiner das Wasser. Das Gerät wirkt hochwertig, nichts hakt oder wackelt, die Schalter rasten nahtlos ein. Apple hat in puncto Qualität sogar noch eine Schippe draufgelegt: So bestehen die Bedienelemente am rechten Gehäuserand nun nicht mehr aus Plastik, sondern aus Aluminium.

Kein Entschlüsseln durch Handauflegen

Bedingt durch die neue Bauform werden auch neue Smart Cover nötig: Die magnetischen Schutzhüllen bestehen nur noch aus drei statt vier Lamellen. Der Funktion tut das aber keinen Abbruch: Klappt man die neuen Smart Cover zum Standfuß um, hat das iPad nach wie vor festen Stand.

Der Fingerabdruckscanner Touch ID ist im iPad Air nicht verbaut. Der Ring um den Home-Button sorgt beim iPhone 5S dafür, dass das Gerät durch simples Fingerauflegen entschlüsselt werden kann. Beim Handy ist das wirklich praktisch, da das Gerät mehrmals am Tag aus der Hosentasche gezogen und entschlüsselt wird. Ein Tablet dagegen wird meist zu Hause genutzt, sodass Touch ID nicht zwingend nötig ist.

Bildschirm & Sound

Der Retina-Bildschim hat sich nicht verändert: Auf einer Diagonale von 24,6 Zentimetern stehen nach wie vor 2048 x 1536 Pixel zur Verfügung. Das ist mehr als jeder Full-HD-Fernseher darstellt. Obwohl auch hier die Konkurrenz auf- und teilweise überholt hat, zählt das Display zu den besten der Welt. Die Schrift im Browser und in E-Books ist gestochen scharf, hochauflösende Fotos offenbaren jedes Detail. Das Display ist hervorragend ausgeleuchtet, die Farbtreue ist gut, die Kontraste sind knackig. Eine Besonderheit der Apple-Tablets ist das 4:3-Format, wodurch sich das iPad sowohl horizontal als auch vertikal bequem nutzen lässt. Bei Filmen gibt es dadurch aber oft unschöne schwarze Balken. Viele Android-Tablets setzen auf das 16:9-Format, das im Querformat besser zur Geltung kommt.

Eine leichte Verbesserung gibt es beim Sound. Wie beim iPad Mini befinden sich auf der Unterseite zwei Lautsprecher, die den Lightning-Anschluss flankieren. Zwar wirkt der Sound klarer als beim iPad 4, ein wirkliches Stereo-Feeling stellt sich trotzdem nicht ein, da der Sound je nach Lage des Tablets sehr unterschiedlich klingt. Bei maximaler Lautstärke scheppert der Ton etwas. Zudem hat das iPad Air nun ein zweites Mikrofon, das Hintergrundgeräusche herausfiltern soll und der Sprachqualität zugutekommt.

Leistung

Das Herz des iPad Air ist der A7-Prozessor, der mit einer etwas langsameren Taktrate auch im iPhone 5S steckt. Er ist der erste mobile 64-Bit-Prozessor und ist damit bestens für die Zukunft gerüstet. Zwar gibt es bislang nur wenige Anwendungen, die die 64-Bit-Architektur unterstützen - etwa den Shooter "Call of Duty: Strike Team" oder das professionelle Mal- und Zeichenprogramm Sketchbook Mobile -, doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die meisten populären Apps aktualisiert werden.

Doch wie schnell ist das iPad Air im Vergleich zum Vorgänger? Wir haben das Tablet mit verschiedenen Benchmark-Tests an seine Grenzen gebracht und die Leistung überprüft. Das Ergebnis ist wenig überraschend: Das iPad Air ist das schnellste Mobilgerät von Apple, es ist sogar etwas flinker als das iPhone 5S. Gegenüber der Vorgängergeneration zeigt sich das iPad stark verbessert: Im Sunspider-Test (Version 1.0.2) wird die Geschwindigkeit gemessen, mit der Webseiten aufgebaut werden. Hier ist das iPad Air gut 20 Prozent schneller als der Vorgänger. Noch deutlicher wird der Unterschied im Geekbench-3.1-Benchmark, hier ist das neue iPad knapp doppelt so schnell wie das iPad 4 und im Schnitt sechsmal flinker als das iPad Mini aus dem Jahr 2012. In der Praxis macht sich das Mehr an Rechenpower aber kaum bemerkbar, da schon das Vorgänger-Tablet zu den schnellsten überhaupt gehörte. Wer allerdings auf rechenintensive Apps angewiesen ist, profitiert vom neuen Prozessor.

Schneller Prozessor, knapper RAM

Dem A7-Prozessor steht ein Gigabyte Arbeitsspeicher zur Seite, viele Android-Tablets nutzen bereits doppelt so viel Speicher. Mehr Ram hätte auf langfristige Sicht auch dem iPad Air nicht geschadet, da 64-Bit-Apps etwa 20 bis 30 Prozent mehr Arbeitsspeicher besetzen als 32-Bit-Apps. Störende Ruckler gibt es aber nicht.

Auch bei der Wlan-Reichweite und -geschwindigkeit liegt das iPad Air im Spitzenfeld. Es ist jetzt ein Dual-Band-Wlan-Modul verbaut, mit dem theoretisch Datenraten von bis zu 300 Mb/s erreicht werden können. In einigen Tests brach die Funkverbindung erst nach rund 170 Metern ab. Auch beim Speed ist das iPad Air top: Selbst durch zwei Wände schafft das Tablet Geschwindigkeiten von 25 Megabit pro Sekunde, deutlich mehr als das iPad 4. Im Gegensatz zu den neuen Macbooks wird der Netzwerkstandard 802.11ac im iPad Air nicht unterstützt.

Akkulaufzeit

Ein wichtiger Punkt bei Mobilgeräten ist die Akkulaufzeit. Trotz des wesentlich kleineren Gehäuses und der damit geschrumpften Batterie (8827 statt 11560 Milliamperestunden) hält das iPad Air genauso lange durch wie die Vorgänger. Das liegt vor allem am stromsparenden A7-Prozessor. In verschiedenen Wlan-Surftests hielt das Tablet je nach Displayhelligkeit zwischen zehn (75 Prozent Helligkeit) und zwölf Stunden (50 Prozent) durch. Noch beeindruckender ist das Ergebnis im Video-Playback-Modus: Das Techportal "Anandtech" ließ einen HD-Rip der "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 2"-Bluray in Endlosschleife durchlaufen. Erst nach 13,63 Stunden ging dem iPad Air die Puste aus. In der Zeit schafft man die gesamte "Herr der Ringe"-Trilogie plus den ersten Teil des "Hobbits". Toll: Der Akku des iPad Air hält nicht nur länger, er wird auch schneller geladen. Es dauert etwas mehr als vier Stunden, bis die Batterie voll ist, ältere iPad-Versionen brauchten teilweise zwei Stunden länger. Leider ist der Akku wie bei den Vorgängern nicht auswechselbar.

Kameras

Als Kamera kommt die gleiche Fünf-Megapixel-Rückkamera zum Einsatz, die auch im iPad 3 und 4 steckt. Sie wirkt mittlerweile wie eine Notlösung, denn bis auf HDR und quadratische Fotos im Instagram-Format beherrscht die Kamera keine nennenswerten Funktionen. Einstellungen wie Panoramaaufnahmen oder die vom 5S bekannten Slow-Mo-Videos fehlen. Bei guten Lichtverhältnissen macht das iPad Air gute Schnappschüsse, bei Kunstlicht werden die Farben aber schnell verfälscht. Etwas aufgemotzt wurde die 1,2-Megapixel-Frontkamera: Sie schneidet bei schlechten Lichtbedingungen viel besser ab als beim Vorgängermodell.

Apps

Jeder Käufer eines iPads erhält kostenlos die neue iLife-Suite (enthält das Bildbearbeitungsprogramm iPhoto, die Videoschnittsoftware iMovie und das Musikprogramm Garageband) sowie das Office-Pendant iWork (enthält das Textverarbeitungsprogramm Pages, der Excel-Klon Numbers und das Präsentations-Tool Keynote). Die Apps wurden optisch runderneuert und sind für die schnelleren 64-Bit-Prozessoren in den neuen Apple-Geräten optimiert.

Das macht sich bemerkbar: Selbst durch riesige Bildarchive scrollt das iPad Air in wenigen Sekunden. iPhoto bringt zudem neue Bild-Effekte mit, unter anderem die mit iOS 7 eingeführtem Filter. Hochauflösende Videos lassen sich in iMovie in Echtzeit bearbeiten. In der Musiksoftware Garageband lassen sich bis zu 32 Tonspuren parallel bearbeiten, ältere Geräte ohne A7-Chip müssen mit 16 Tonspuren vorliebnehmen.

Fazit

Apple hat das iPad Air an den richtigen Stellen verbessert und seinen Ruf als Premiumhersteller gefestigt. Die Verarbeitung des 9,7-Zoll-Tablets ist exzellent, das Display zählt nach wie vor zu den besten am Markt, der neue Prozessor ist pfeilschnell und dem Akku geht erst nach zehn Stunden die Puste aus. Wer die Wahl hat, sollte zu einem Modell mit mehr Speicherplatz greifen: Für Retina-Displays optimierte Apps nehmen viel Platz in Anspruch, 32 Gigabyte sollten es mindestens sein - zumal ein microSD-Slot zum Erweitern des Speichers nach wie vor fehlt.

Wie finden Sie das neue iPad Air?

Das hat seinen Preis: Der Einstiegspreis liegt bei 479 Euro, für eine Speicherverdoppelung sind jeweils 90 Euro fällig. Wer unterwegs surfen will, muss für die Variante mit LTE-Mobilfunkmodem noch einmal 120 Euro draufzahlen. Die teuerste Ausstattung des iPad Air mit LTE und 128 Gigabyte Speicher kostet somit rund 870 Euro.

Wer ein iPad 3 oder 4 besitzt und sich an dem hohen Gewicht nicht stört, kann noch eine Generation warten, bis mehr Apps den 64-Bit-Prozessor unterstützen. Für iPad-2-Besitzer lohnt der Umstieg: Das iPad Air hat nicht nur das hochauflösende Retina-Display, sondern ist auch wesentlich schneller und leichter.

Wer auf einen großen Bildschirm verzichten kann, sollte sich noch ein paar Wochen gedulden und zum neuen iPad Mini mit Retina-Display greifen, das Ende November erscheint: Der iPad-Zwerg hat ebenfalls den schnellen A7-Prozessor und kostet nur 389 Euro.