Online-Spenden Der gute Klick

Das Web als Ort für gute Taten und Spendendose der Nation: Wer sich für soziale Projekte einsetzten will, muss mit der Zeit gehen. Die Welt ist online nur ein Klick entfernt und Probleme anderer werden transparenter. Angebote wie Global Eyes TV schärfen das Bewusstsein - und treten für globale Gerechtigkeit ein.
Von Thomas Soltau

Es ist sozusagen das Youtube für Weltverbesserer: Wenn auf Global Eyes TV kleine Videos aus der ganzen Welt laufen, dann nicht um über lustige Pannen im Urlaub unter Palmen zu Schmunzeln. Diese Clips haben eine klare Botschaft. "Siehe her, ich tue etwas gegen Gleichgültigkeit, für Mensch, Natur oder Gerechtigkeit. Und ich zeige es jedem - weltweit im Web."

So auch im Clip "Fluchzeug", den Holger im Rahmen von GlobalEyesTV vorstellt. Man sieht in dem Trickfilm Flugzeuge am Himmel kreuzen und Kondensstreifen hinterlassen. Unter den Flügeln stehen Botschaften wie: "Ich stinke", "Billig und dreckig" oder "Klimabomber". Bis hin zur Aufforderung "Flugbenzin besteuern - CO2 einsparen".

Holger beschreibt die Motivation für seine Arbeit so: "Mit dem Projekt 'Nachhaltiger Filmblick' produziere ich ehrenamtlich Eco-Spots, also Werbevideos für mehr Umweltschutz. Wir gehören zu den neuen Öko-Aktivisten. Wir sind jung, trendbewusst, ideologiefrei. Wir wollen genießen und wir wollen konsumieren - aber mit gutem Gewissen. Wir kaufen ökologisch ein, wir setzen auf Nachhaltigkeit. Wir wollen eine lebenswerte Welt hinterlassen - und mit unseren Filmen wollen wir dieses Lebensgefühl vermitteln."

Greenwashing in Unternehmen

Ganz oben auf der Öko-Welle surfen die so genannten Lohas (Lifestyles of Health and Sustainability). Sie sind die Vertreter eines gesunden und nachhaltigen Lebensstils. Es gibt halt für jeden Trend auch einen eigenen Namen. Man muss sich als Konsument fragen, wie wir einst ohne Health-Food und Solaranlagen überhaupt überleben konnten. Heute ist alles Bio, selbst umweltbedenkliche Unternehmen unterziehen sich einem "Greenwashing" und wollen so ihr angekratztes Image durch Spenden polieren. Kein Wunder also, dass Projekte wie Global Eyes TV regen Zulauf registrieren. Hier zeigt sich der Aktivist von seiner besten, seiner verantwortungsbewussten Seite.

Holger ist nicht der einzige Weltretter, der seine kritischen Spots auf der Plattform www.reset.to, unter der auch GlobalEyesTV firmiert, online stellt. Das Konzept von Reset ist so einfach wie verblüffend: Das Web-Portal verbindet Menschen und Organisationen, die gezielt und mit progressiven Methoden und Projekten für den Umweltschutz werben und für mehr globale Gerechtigkeit eintreten. So weben sie ein Netzwerk über Kontinente und zeigen, an welchen Projekten sie gerade arbeiten - oder filmen einfach ihren Alltag. Vorreiter sind dabei die Netzwerke aus England und den USA.

So ist es möglich, auf der ganzen Welt zu helfen. Eine Hilfsbrücke führt bis nach Kambodscha. Das geläuterte Gangmitglied KK dokumentiert sein Projekt auf der gemeinnützigen Webseite. Auf der Suche nach einer neuen Perspektive ruft der Breakdancer die Tiny Toons ins Leben - und versucht damit, die Kids von der Straße Phnom Penhs zu holen.

Reset-Gründerin Uta Mühleis wacht über das Netzwerk und ist vom Interesse selbst ein wenig überrascht. "Ich glaube, wir haben Glück und profitieren mit unserem ganzheitlichen Angebot vom Öko-Boom. Es gibt eine Sehnsucht, Gutes zu tun, die durch das Web 2.0. wesentlich erleichtert wird", erklärt die Wahl-Berlinerin. Mit ihrem spendenfinanzierten, gemeinnützigen Verein möchte sie nicht nur die Völkerverständigung verbessern, sondern auch eine andere Wahrnehmung erzeugen. "Es gibt nicht nur Slumkinder mit den dicken Bäuchen in armen Ländern - die Kids haben dort die gleichen Bedürfnisse wie in Europa: sie wollen Skaten, Tanzen und Spaß haben", sagt Mühleis.

Um möglichst viele Beiträge zu produzieren, geben Filmschaffende ihre Erfahrungen mit Kamera und Schnitt an Anfänger in Workshops weiter. Außerdem gibt es ein Leitfaden auf der Website, welchen Rahmenbedingungen Filme unterliegen. So sollten die Beiträge nicht länger als zehn Minuten sein, keine Gewalt oder Diskriminierung beinhalten und die Datenmenge des Materials darf 100 Megabyte nicht überschreiten.

Unverstellter Blick

Die Ergebnisse sind Resultate sind beeindruckend und erlauben einen ganz besonderen Blick auf Regionen, die man sonst nur aus den Nachrichten oder Reisekatalogen kennt. Ohne die Hilfe von Reset und dem Einsatz von Reisenden wären Bilder wie die aus der Militär-Diktatur Birmas, wo Anarchos und Punks mit Hakenkreuz-Flaggen den Umsturz fordern, gar nicht möglich.

Das ist aber nur die eine Seite des Projekts. Die andere lautet informieren und Spenden sammeln. Und hier setzt Reset auf Transparenz. Im Gegensatz zu großen Organisationen wie Unicef kann jeder selbst bestimmen, wo sein Geld hinfließt. Der Weg von einer Spende bis zum fertigen Projekt wird zum Teil per Video, aber immer per Newsletter und Fotos dokumentiert. Ein Beispiel: Im Juli letzten Jahres wurde das kleinere Lazarettschiff TLC1 zu Wasser gelassen und nimmt nun seinen Dienst als mobile ärztliche Versorgungseinheit in Kambodscha auf. Finanziert wurde das knapp 3200 Euro teure Schiff von Mitgliedern der Community, die sich mit ihren Profilfotos als Spender kennzeichnen.

Durch regelmäßige Rechenschaftsberichte und Veröffentlichungen der Fortschritte sieht jeder, was aus seiner Spende genutzt wird. Anders als bei konventionellen Hilfsorganisation, wo der Weg nicht so lückenlos wie im Web dokumentiert werden kann. Der Antrieb für virtuelle Wohltäter speist sich dabei zumeist aus zwei Quellen, wie Uta Mühleis vermutet. "Zum einen aus der Notwendigkeit, in unserer globalen Welt zu helfen. Zum anderen vielleicht auch deshalb, weil mit der öffentlichen Darstellung ein Ego befriedigt wird. So lange das zum allgemeinen Wohl geschieht, habe ich nichts dagegen."

Per Mausklick die Welt retten, das bieten auch andere Portale wie Weltretter oder Betterplace an. Auch sie bieten Spendern eine transparente Möglichkeit, schnell und ohne Bevormundung zu helfen. Der Unterschied zu Reset besteht allerdings darin, dass hier keine Selektion durch die Macher geschieht - Hilfsorganisationen können für ihre Projekte ungefiltert auf Spendenjagd gehen. "Unser Anspruch ist es jedoch, gezielt Projekte zu fördern. Auf manchen Websites herrscht wahrer Wildwuchs, bei 5000 Angeboten weiß man meist nicht, wo man spenden soll. Uns geht es um Effizienz und Innovation. Mehr als fünfzig Projekte sollen am Anfang nicht online gehen", erklärt Reset-Gründerin Uta Mühleis. Zur Effizienz gehört übrigens auch, dass der oftmals hohe Verwaltungskostenanteil bei etablierten Hilfsorganisationen entfällt. Reset finanziert sich selbst durch eingesammelte Spenden.

Das Spendenbarometer

Damit auch jeder weiß, wie viel Geld den Projekten fehlt, findet sich unter den Beschreibungen ein Spendenbarometer. Es zeigt an, wie viel Prozent des Gesamtetats bereits finanziert sind.

Und wie sieht die Zukunft aus? Werden große Organisationen wie Unicef von den sozialen Netzwerken verdrängt? Wohl kaum, wie Mühleis bemerkt. "Um Katastrophenschutz können wir uns nicht kümmern. Aber wir bringen die Großen zum Nachdenken, was im Netz so alles möglich ist. Da wird sich noch einiges bewegen."


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