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Unterricht via Internet: Penne mit Passwort

Unterricht allein übers Internet? An der Web-Individualschule geht das. Prominente lernen hier, zum Beispiel die Band Tokio Hotel. Doch die meisten Schüler kommen von ganz unten.

Von Ulf Schönert

Das soll eine Schule sein? Es gibt keine Aula und keine Turnhalle. Keinen Pausenhof, keinen Werkraum, keine Raucherecke und keine Klingel. Es gibt keinen Lärm, keine Fahrradständer und noch nicht mal Klassenzimmer. An eine Schule, wie wir sie kennen, erinnert der unscheinbare Flachbau in der Nähe des Bochumer Hauptbahnhofs nicht einmal entfernt.

Aber die Web-Individualschule, die dort ihren Sitz hat, ist auch keine Schule, wie wir sie kennen. Denn der Unterricht findet ausschließlich über das Internet statt. Aufgaben, Lückentexte und Lösungen werden allein über Datenleitungen übertragen. Anstatt an der Tafel kümmern sich die Lehrer an Monitoren um ihre Schüler. Dort beantworten sie Mails, erstellen Arbeitspläne und lesen Korrektur. Hier gibt es Schüler, die ihre Lehrer am Tag ihrer Abschlussprüfung zum ersten Mal zu Gesicht bekommen.

Was sich anhört wie die ferne Zukunftsvision eines Internetfreaks, ist eine staatlich geprüfte Lehranstalt und geht auf die Initiative zweier junger Pädagoginnen aus Bochum zurück. Jennifer Krautscheid und Sarah Lichtenberger wollten das Netz nutzen, um Kindern eine Chance zu geben, für die an normalen Schulen kein Platz ist. Aufgenommen wird nur, wer von der Schulpflicht befreit ist. Und dafür braucht gute Gründe. Kinder von Managern und Diplomaten sind hier, die mit ihren Familien zeitweise im Ausland leben, oder von Schauspielern, die für längere Drehs in die Ferne müssen. Dazu kommen Schüler, die in der Psychiatrie waren und langjährige Schulverweigerer, einige sind gewalttätig, manche haben auf der Straße gelebt. Wieder andere haben die 9. Klasse auf der Hauptschule schon zweimal vergeigt – keine Schule muss solche Schüler noch aufnehmen. "Zu uns kommen viele, die von allen anderen aufgegeben werden", sagt Schulleiterin Jennifer Krautscheid. Vor fünf Jahren haben Krautscheid und Lichtenberger die Schule gegründet, inzwischen unterrichten dort drei angestellte Lehrer mehr als 40 Schüler. Von Rumänien, Polen, USA, Chile, Griechenland, Spanien, Frankreich und Ungarn aus loggen sich deutsche Internetschüler auf dem Bochumer Server ein.

Und natürlich aus Deutschland, zum Beispiel aus Ziltendorf an der Oder. Dort wohnt Marcel Biema. Er ist 17 Jahre alt und kommt aus schwierigen Verhältnissen. Er braucht ständig einen Betreuer, der sich um ihn kümmert. Auf eine normale Schule kann er nicht – zu leicht ablenkbar sei Marcel, "nicht gruppenfähig", sagen die Pädagogen. Also gaben sie ihm einen Benutzernamen und ein Passwort bei der Web-Individualschule.

Daraufhin machte Marcel jeden Tag zu Hause seinen eigenen Unterricht – ohne Psycho-Stress und Hänseleien. Er lud Texte und Aufgaben, die seine Lehrerin für ihn bereitgestellt hatte, auf seine Festplatte. Keine Schulklingel, keine Pausen und keine Unterrichtsstunden gaben ihm den Lern-Takt vor. Nach zwei Jahren hat er seinen Hauptschulabschluss geschafft. "Auf einer normalen Schule hätte ich das nie hingekriegt", sagt Marcel Biema.

Der Unterricht ist radikal individuell

– so sehr, dass die Lehrer den Kindern quasi die Schulbücher selbst schreiben. Den Formel- 1-Fan lassen sie in Mathematik die Längen aller Rennstrecken zusammenrechnen. Den 007-Fan lassen sie die Oberweiten von Bond-Girls addieren. HipHop-Fans üben Rechtschreibung mithilfe eines Lebenslaufs des Rappers Samy Deluxe. "Wir müssen die Kinder dort abholen, wo sie stehen", sagt Krautscheid. Zumal es über die Distanz keine Disziplinarmaßnahmen gibt. Zeugnisse, Tests und Noten: gibt es nicht. Zur Strafe nach vorne an die Tafel? Geht nicht. Einen Einzelplatz zuweisen? Den haben die Schüler schon. Hausaufgaben? Unterricht an der Web-Individualschule ist eine einzige Abfolge von Hausaufgaben. Am PC zu lernen anstatt in einem miefigen Schulgebäude ist für die oft Computer- begeisterten Jugendlichen – 80 Prozent der Schüler sind Jungs – eine große Motivation. Für viele Problemkinder ist der Bildschirm der einzige Ort, an dem sie sich selbstbewusst und sicher fühlen. Doch auf dem Computer liegen die Startknöpfe für Computerspiele und für das Lehrmaterial nie weit auseinander. Einen ehemaligen Schulverweigerer dazu zu bringen, "Lernen" anzuklicken und nicht „Spielen“, das ist die Kunst für die Web-Individual-Lehrer. Jedes Kind, das neu ist bei der Internetschule, füllt einen Fragebogen aus, auf dem es seine liebsten Zeitschriften, Computerspiele, Fernsehsendungen, Musik- Helden angeben kann. Gefragt wird außerdem: Worauf bist du besonders stolz? Wovon träumst du?

Die Antworten sind der Schlüssel, um die Schüler zu erreichen. Um sie zu verstehen, haben die Lehrer ein "Wörterbuch der Jugendsprache" im Schrank. Auf dem Couchtisch im Lehrerflur liegt immer die aktuelle "Bravo". Um auf dem Laufenden zu bleiben, spielen die Pädagogen Ballerspiele wie "Call of Duty". Wer einen Eminem- Fan als Schüler hat, schaut sich den Eminem-Film an, um den Jungen kennenzulernen. Daraus ergeben sich dann Aufgaben, zum Beispiel das Aufsatzthema: "Warum ist 'Call of Duty' ab 18? Würdest du deinen kleinen Bruder das Spiel spielen lassen?" 500 bis 1000 Euro kostet diese intensive Betreuung pro Monat pro Schüler, in vielen Fällen bezahlt vom Jugendamt. Ohne Aufsicht zu lernen hat für viele Schüler auch Vorteile. Die Konkurrenz untereinander fällt weg. Jungs müssen sich nicht mehr voreinander beweisen. Keine Frage muss mehr peinlich sein, keiner wird gehänselt oder ausgelacht. Aber ist so jemand ein fertiger Schüler? Jemand, der es nie gelernt hat, sich in einem Klassenverband zurechtzufinden? Jemand, der nur zum Lernen zu bringen ist, wenn die Lehrer ihm ein pädagogisches Feuerwerk bieten? "Was ist die Alternative?", fragt Jennifer Krautscheid und verweist auf die vielen Härtefälle, die an ihrer Schule büffeln. "Früher hätte so jemand von vorneherein keine Chance auf einen Abschluss gehabt."

Keine Chance

auf einen Abschluss hätten auch die Jungs der Band Tokio Hotel – zumindest auf einer normalen Schule. Denn nirgendwo in Deutschland würde der Lehrbetrieb aufrechterhalten werden können, wenn die Superstars morgens ganz normal zum Unterricht erscheinen würden. Und beinahe wäre der Kult um die Band selbst der Web-Individualschule zum Verhängnis geworden. Als die Truppe in einem Interview ausplauderte, dass auch sie Internetunterricht nimmt, rannten die Fans fortan dem kleinen Bochumer Schulgebäude die Türen ein. Mädchen legten mit ihren Mails den Schulrechner lahm oder kamen gleich mit Mami vorbei zur Anmeldung. Vorne am Gebäude haben Fans die Hausnummer abgeschraubt, als Souvenir. Den Hinterhof zieren Graffiti mit der Forderung nach guten Noten für die Stars. Auch "Bild" war da und denunzierte die Tokio-Hotel-Lehranstalt als "Schummel-Schule". Dass Lernen ohne Aufsicht funktioniert, das können sich viele einfach nicht vorstellen.

"Natürlich kann man schummeln", gibt Krautscheid zu. Schließlich kann kein Mensch kontrollieren, wer den Lückentext am anderen Ende der Leitung wirklich ausgefüllt hat. Doch die Schüler wissen, dass das nichts bringt. Die Abschlussprüfungen am Ende müssen sie nämlich ganz real bestehen: Sie sind das Einzige, was nicht über das Internet stattfindet. Dazu haben Krautscheid und Lichtenberger mit mehreren Bochumer Schulen Kooperationen geschlossen. Dort können die Internetkinder an den regulären Abschlussprüfungen – sogar bis hin zum Abitur – teilnehmen. Und sie tun das mit Erfolg: Bisher ist keiner durchgefallen.

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