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Pixel 4: Googles neues Smartphone nutzt Radar-Technik - doch wozu braucht man das?

Das Highlight von Googles neuem Pixel 4 ist weder die bessere Kamera noch der aufgemotzte Bildschirm. Es ist ein kleiner Radar-Chip. Dadurch weiß das Telefon, dass man es anfassen möchte, bevor man es überhaupt berührt hat. Ist das eine Revolution oder nur ein Gimmick?

Das Google Pixel 4 hat eine verbesserte Kamera und einen eingebauten Radar-Chip.

Das Google Pixel 4 hat eine verbesserte Kamera und einen eingebauten Radar-Chip.

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Google hat am Dienstag in New York sein neues Smartphone vorgestellt, das Pixel 4. Das hat selbstverständlich einen besseren Bildschirm und soll, na klar, noch bessere Fotos als die Vorgänger knipsen. So weit, so bekannt. Doch das Gerät hat auch eine coole, wirklich vielversprechende Neuerung parat: das Pixel 4 ist das erste Smartphone mit einem eingebauten Radar-Chip.

Das Pixel 4 erkennt, wenn man zugreift

Richtig gelesen: Im Pixel 4 steckt eine Art Mini-Radar. Das Telefon ist dadurch in der Lage, nonstop seine Umgebung "abzutasten". Greift man nach seinem Smartphone, erkennt dies das Telefon 30 Zentimeter vorher und schaltet bereits das Display und die Gesichtserkennung ein. Dadurch ist es nahezu sofort entsperrt, sobald man es in die Hand nimmt. Und das Display bleibt - unabhängig vom eingestellten Timeout - solange aktiviert, solange man das Gerät in der Hand hält.

Der im oberen Ende des Gehäuses untergebrachte Radar-Chip namens Soli ermöglicht aber auch eine Gestensteuerung: Führt man mit der Hand über dem Display eine Wisch-Geste aus, kann man beispielsweise in Youtube den Song wechseln.

Stellt sich nur die Frage: Braucht man das oder ist es wieder nur eines jener Gimmicks, die cool aussehen und von denen man in zwei Jahren nichts mehr hört?

Die Chips des Project Soli wurden in den vergangenen Jahren stark miniaturisiert.

Die Chips des Project Soli wurden in den vergangenen Jahren stark miniaturisiert.

Vorteile gegenüber einer Kamera

Die zugrundeliegende Technologie hört auf den Namen "Motion Sense", erstmals öffentlich vorgeführt wurde sie bereits im Jahr 2015. Seitdem haben Googles Ingenieure viel Zeit darauf verwendet, die Technik zu schrumpfen und zu optimieren.

Ivan Poupyrev ist Leiter von Googles internem Technologie-Inkubator. Er hält den Radar-Chip im Vergleich zu bislang verbauter Technik für überlegen, so benötige die Technik weniger Strom als eine Kamera und sei auch in der Lage, Bewegungen durch Materialien - etwa eine Schutzhülle - hindurch zu erkennen. "Ein Radar-Signal erkennt keine unterscheidbaren menschlichen Merkmale", sagt Poupyrev im Gespräch mit dem US-Technologieportal "The Verge“. Mit anderen Worten: Aus Privatsphäre-Sicht sei das Radar einer Kamera ebenfalls vorzuziehen.

Die Technik sei extrem präzise und sogar in der Lage, den zarten Flügelschlag eines Schmetterlings zu erkennen, erklärt Google. Das klingt in der Theorie vielversprechend, in der Praxis kann man die Einsatzzwecke bislang aber noch an einer Hand abzählen. Denn die Implementierung der Gesten gestaltet sich alles andere als einfach, wie die zuvor erwähnte Swipe-Geste der Musiksteuerung zeigt. "Wir haben drei Wochen lang versucht herauszufinden, was das bedeuten kann“, sagt Poupyrev im "Verge"-Interview. "Am Ende hatten wir Dutzende Varianten gesammelt, wie Menschen swipen.“ Einige Menschen halten die Hand flach, andere hochkant, manche führen die Bewegung ruckartig aus, bei anderen gleitet die Hand gleichmäßig durch die Luft. All diese Unterschiede muss die Software erkennen.

Revolution oder Gimmick?

So beeindruckend die Technik ist, im Alltag dürfte sich der Mehrwert zunächst in Grenzen halten. Doch Google glaubt an das langfristige Potenzial: "Am Ende des Tages setzt sich jene Technologie durch, die eine simplere Nutzung ermöglicht“, gibt sich Poupyrev überzeugt. "Indem wir etwas Reibung aus dem Alltag nehmen, gewöhnen sich die Menschen nach und nach an die Technologie.“

Wie radikal unser Nutzungsverhalten durch innovative Technik verändert werden können, zeigte etwa die Gesichtsentsperrung Face ID, die Apple 2017 mit dem iPhone X einführte. Bis dahin war man es gewohnt, seinen Finger auf der Vorder- oder Unterseite des Geräts zu legen, um so das Gerät sicher zu entsperren. Nun genügte ein Blick auf das Display. Innerhalb von nur zwei Jahren wurde das Prinzip von allen renommierten Herstellern - wenn auch auf technisch unterschiedliche Weise - übernommen.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob Googles Radar-Chip die Smartphone-Nutzung ähnlich stark prägen wird. Klar dürfte jedoch sein: Google hat so viel Aufwand in die Entwicklung der Technik gesteckt, dass wir sie vermutlich demnächst noch in weiteren Geräten finden werden.

Quelle: The Verge