Mobile World Congress Wenn die Flatrate zur Gefahr wird


Im Verlauf der Woche wird die Anzahl der Sim-Karten weltweit die vier Milliarden übersteigen. Mobilfunk ist also immer noch ein Wachstumsmarkt. Allerdings sorgen diese Zahlen in Branche auch für düstere Stimmung.
Von Thomas Wendel

Die Zahl ist gigantisch: Im Laufe der Woche wird weltweit die Marke von vier Milliarden Handy-Sim-Karten überschritten werden. Einen eindrucksvolleren Beleg für das ungebrochene Wachstum des Mobilfunks hätte die Branchenorganisation GSMA zum Auftakt der wichtigsten Handymesse Mobile World Congress in Barcelona kaum vorlegen können.

Es gibt damit weit mehr Menschen, die ein Mobiltelefon besitzen, als solche, deren Wohnungen an die Strom- und Wasserversorgung angeschlossen sind. Doch erstmals macht sich in der Branche düstere Stimmung breit: Podiumsdiskussionen zu Überlebensstrategien in der Rezession sowie zu Maßnahmen gegen den rapiden Preisverfall in den gesättigten Märkten Europas stehen auf der Agenda. Ein Novum für die Veranstalter der exklusiven Messe, die auch dieses Jahr für Dauerkarten 3000 Euro und mehr verlangen.

Fallende Umsätze pro Kunde

Dabei wirken die Umsatzzahlen zunächst freundlich: Das britische Beratungsunternehmen Ovum hat einen weiteren Umsatzschub von 23 Prozent bis 2013 prognostiziert. Handyhersteller und Netzbetreiber würden dann weltweit 1100 Mrd. US-Dollar umsetzen. Doch gleichzeitig, warnt Ovum, werde die Zahl der Anschlüsse um 46 Prozent ansteigen, was fallende Umsätze je Kunde bedeutet. Die Beratungsfirma Booz & Company geht für den deutschen Markt davon aus, dass der durchschnittliche Preis einer Mobilfunkgesprächsminute von derzeit 13 Cent 2012 auf 9 Cent fällt. Ein ruinöser Preiskampf droht.

Um neue Kundenschichten zu erschließen, bauen Netzbetreiber und Gerätehersteller auf das mobile Internet. Handys wie das iPhone von Apple sowie mit Mobilfunkkarten ausgestattete Minilaptops, sogenannte Netbooks, sollen die Datennutzung kräftig nach oben treiben.

Vor allem die Netbooks haben einen Siegeszug angetreten. Allein im vierten Quartal wurden laut US-Marktforscher IDC weltweit fünf Millionen Stück verkauft. In Deutschland konnte Netzbetreiber im November in einer Woche 10.000 Stück eines Acer-Netbooks mitsamt 24-Monats-Vertrag losschlagen. Hierzulande sei die Zahl der Datenkunden von 2007 bis 2008 um 45 Prozent angestiegen, frohlockt die Telekom-Tochter. Gleichzeitig sei das per T-Mobile-Netz übertragene Datenvolumen gar um 516 Prozent gewachsen.

Besonders stolz ist man bei T-Mobile auf die Exklusivverträge mit Apple und Google: Deren Handys iPhone und G1 sind leicht zu bedienende Websurfstationen im Hosentaschenformat - wie jetzt auch eine Umfrage der Unternehmensberatung Accenture zeigt. Forsa-Marktforscher haben dazu 3063 Internetnutzer in Deutschland befragt. Von denjenigen, die mobil ins Web gehen, würden iPhone-Besitzer deutlich öfter Datendienste nutzen als Käufer anderer Telefone. 64 Prozent der iPhone-Eigentümer saugen sogar mehrmals täglich Daten aus dem Web.

"Riskante Wette"

Doch in die Dateneuphorie mischen sich warnende Stimmen. Sie sehen vor allem in den Angeboten von Netbooks sowie UMTS-Sticks für Laptops eine riskante Wette: Nutzer solcher Geräte würden im Schnitt monatlich zwei Gigabyte Daten in Mobilfunknetzen übertragen, hat Ovum ermittelt. Die dafür verkauften Datenflatrates würden somit intensiv genutzt. Die dänische Beratungfirma Strand Consult warnt, dass in vielen europäischen Netzen die gängigen Datenflatrates oft nur 50 Prozent der Kosten deckten. Die Betreiber reagieren und drosseln die Geschwindigkeiten der Datenübertragung, wenn Nutzer bestimmte Mengengrenzen überschritten haben. Oder sie filtern spezifische Datenpakete, etwa für Internettelefonie, aus.

Damit aber beraubten sich die Netzbetreiber jener Vorteile, die das mobile Internet interessant machten, kritisieren Berater. Schließlich komme es zu Nutzungseinschränkungen. Die Mobilfunkfirmen sollten stattdessen andere Geschäftsmodelle entwickeln. So könnten sie Internettelefonie als zubuchbare Pakete verkaufen, schlägt Strand vor. Zudem sollten die Betreiber etwa von Google oder dem iPhone-Hersteller Apple Umsatzanteile für den mobilen Verkauf von Werbung sowie Software abverlangen, heißt es bei Accenture.

FTD

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