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Nokia Open Studio: Design oder nicht sein

Wie kommt eigentlich das Design ins Handy, und wie lange dauert es von der Idee bis zum fertigen Produkt? Nokia hat bei "Behind the Scenes" zum ersten Mal einen Blick in seine neuen Design-Studios in London gewährt.

Von Gerd Blank

Wo sonst, wenn nicht in London, wird entschieden, wie die Handys von Nokia aussehen und wie sie funktionieren. Die britische Metropole ist nicht nur die Hauptstadt des Landes, sondern auch seit Jahrzehnten die der Mode, der Musik und des Stiles. Hier entstehen die Trends, die später durch die Welt gehen. "Swinging Sixties", Minirock und Brit-Pop - an jeder Ecke verströmt die Stadt ein ganz besonderes Flair, das Tradition mit Moderne verbindet. Es gibt wenige Städte auf der Welt, die eine ähnliche Wirkung auf Besucher und Einwohner haben, vielleicht nur noch New York, Schanghai oder Berlin.

Erst im Oktober 2007 sind die von Alastair Curtis geleiteten Nokia-Design-Studios vom Stadtrand Londons in die City gezogen. Unweit von Soho, vom Theater-Distrikt und den exklusiven Shopping-Strassen werden nun die Mobilgeräte entwickelt, die später in der ganzen Welt verkauft werden sollen. Doch wie entwickelt man eine Technik, die Käufer in Europa, Afrika, Amerika, Australien und Asien gleichermaßen finden soll? Bei einem Tag der offenen Tür zeigen Curtis und sein Design-Team, wie das finnische Unternehmen die Geräte für die Welt entwickelt.

Weltweite Gemeinsamkeiten

Am Anfang steht der Mensch. Wie nutzt er Technik, wie kommuniziert und interagiert er mit seinem Umfeld? Weltweit gibt es viele Gemeinsamkeiten, aber auch große Unterschiede. So tragen weltweit 60 Prozent aller Männer ihr Handy in der rechten vorderen Hosentasche, 61 Prozent der Frauen ihres in der Handtasche. Ebenfalls ein weltweites Phänomen ist, dass 30 Prozent dieser Hosentaschen- und 50 Prozent der Handtaschen-Träger Anrufe verpassen. Diese Beobachtung hat zu Entwicklungen geführt: Der Vibrationsalarm wurde verbessert, und außerdem werden Anrufe durch ein zusätzliches Blinken signalisiert, wodurch die kleinen Geräte in den großen Taschen besser gefunden werden.

Um etwas über die Menschen und ihre Gewohnheiten, über globale Gemeinsamkeiten und lokale Besonderheiten zu erfahren, hatte Nokia Teams in alle Teile der Welt geschickt. Doch nicht nur das Leben der modernen Großstädter, die überall Zugang zu Energie und Bildungseinrichtungen haben, wurde beobachtet. Auch und vor allem wurde der Blick auf Menschen in den Slums der Welt gerichtet, wo Wasser ein kostbarer Schatz und Strom eine Seltenheit ist. Die Vororte drei der am stärksten wachsenden Städte waren das Ziel der Forschung: Dharavi (Mumbai in Indien), Jacarezinho (Rio in Brasilien) und Buduburam (Accra in Ghana). Will man neue Märkte und ihre Menschen erreichen, muss der Blick auch demütig nach unten gerichtet werden.

Zwei Telefone pro Kopf

Am Rande der Gesellschaft funktioniert das Erfolgsmodell Handy nicht mehr. Nokia ist weltweit Marktführer eines lukrativen Marktes. Die gesamte Branche verkauft innerhalb eines Jahres über eine Milliarde Geräte. Alleine in Deutschland müsste rein rechnerisch jeder Bundesbürger zwei Mobiltelefone besitzen. Der Bedarf ist nicht nur gedeckt sondern der Markt übersättigt. Die Geräte müssen mehr können als Computer und besser aussehen als Schmuck. Features wie Megapixel-Kameras, schneller Datenversand, Navigation und, ach ja, Telefonieren werden wie selbstverständlich in den Industrienationen gefordert.

Doch während diese rund zwei Milliarden Kunden schuld an einer sich ständig weiter drehenden Leistungsspirale sind, gibt es weltweit über vier Milliarden Menschen ohne Handy oder Zugang zum Internet. Ein Gerät wie das neue Nokia-Flaggschiff "N96" kann nur in der ersten Welt funktionieren. Es verbraucht so viel Energie, dass es bei voller Nutzung aller Features wohl jeden Tag neu aufgeladen werden muss.

Die Beobachtung der Menschen, das akribische Notieren der Bedürfnisse und des täglichen Lebens zeigt, dass es manchmal ganz einfache Dinge sind, die für eine kleine Flucht sorgen. Wenn die sechs Mitglieder einer Familie in nur einem winzigen Raum leben, ist ein Handy oder gar Computer wahrscheinlich nicht die erste Anschaffung, an die dort gedacht wird. Dennoch steht auch fest, dass durch die Möglichkeit der Kommunikation auch der wirtschaftliche Wohlstand steigt. Untersuchungen haben ergeben, dass in Regionen, in denen sich Handys verbreiten, das durchschnittliche Einkommen deutliche steigt. Als Beispiel führt Nokia eine Verkäuferin an, die an ihrem Straßenstand nun auch Bestellungen per Handy annehmen kann.

Blick auf die Umwelt

Doch nicht nur die Bedienung der Geräte steht auf der Agenda, auch der Umgang mit Ressourcen wird thematisiert. Warum verbraucht ein Ladegerät eines Telefons, dass in der Steckdose steckt, Strom - auch ohne, dass ein Handy angeschlossen ist. Und warum müssen für neue Geräte immer neue Materialien verwendet werden. Es ginge doch auch, fast das komplette Handy aus recycelten Rohstoffen zu bauen.

Chefdesigner Alastair Curtis will aber mehr. Im genügt es nicht zu wissen, was seine Mitarbeiter durch Beobachtungen herausfinden. Viel wichtiger ist es, was die Nutzer wollen. Um also zu erfahren, wie das perfekte Handy aussehen soll und welche Features unbedingt integriert sein müssen, wurden typische Nutzer gebeten, ihr Wunschgerät zu zeichnen. Die Ergebnisse verblüffen, denn wichtig sind häufig eben nicht die Standardfunktionen, sondern solche, die auf das ganz persönliche Leben zugeschnitten waren. So ist es für Bewohner trockener Regionen wichtig zu wissen, wann es das nächste Mal regnet. Und die Nokia-Ingenieure haben zugehört: Bald wird es das erste Gerät geben, dass dem Nutzer etwas über das Wetter sagen kann.

Die iPhone-Frage

Und welches Nokia-Gerät mag der Chefdesigner am liebsten? Das wäre so, sagt Curtis, als wenn man ihn nach seinem Lieblingskind fragen würde - er hat sie alle lieb. Und auch wenn es bei anderen Herstellern sicher ab und zu spannende Entwicklungen gäbe, hat er noch kein Gerät entdeckt, welches er sich kaufen würde. Nur bei der iPhone-Frage, die er wahrscheinlich nicht mehr hören kann, wird er ein wenig unruhig. "Ja, die Bedienerführung ist wirklich gut gelungen, und wir sind froh, dass Apple ein Produkt in den Handel gebracht, welches den Markt belebt." Doch noch wird es dauern, bis sich die Touchscreen-Bedienung durchsetzen wird, glaubt Curtis. Das ist auch gut so, denn von der Idee bis zum fertigen Handy braucht es immerhin bis zu 18 Monate.

Natürlich war es eine Firmenveranstaltung und natürlich wollte sich das finnische Unternehmen als innovativ und global präsentieren. Gerade in Deutschland ist die Öffentlichkeit nach der Werksschließung in Bochum eher reserviert gegenüber dem globalen Unternehmen eingestellt. Dass Nokia einen Blick hinter die Kulissen zugelassen hat, war allerdings ein Novum. Bleibt zu hoffen, dass es nicht zum letzten Mal stattfand. Denn manchmal, wenn man die immer gleichen Handys mit ähnlichen Funktionen in die Hand nimmt, bezweifelt man, dass sich überhaupt Gedanken über die Geräte gemacht wurden.