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Skandinavien: Total vernetzt, diese Nordlichter

Ohne Handy fühlen sich Finnen und Schweden so nackt wie in der Sauna. Mobile Kommunikation hat den Alltag der Skandinavier viel heftiger umgekrempelt als im Rest Europas.

Wenn Tuomas Toivonen sich den Kopf rasiert, kommt er oberhalb des rechten Ohrs an eine Stelle, die schmerzt. "Es fühlt sich etwas roh an", sagt der 28-jährige Architekt, Musiker und Multimedia-Experte aus Helsinki. "Handy-Kopfweh" nennt er das Wehwehchen, an dem auch viele seiner Bekannten leiden. Wird es ihm zu unangenehm, wechselt er einfach das Ohr. "Was soll ich machen?," sagt er. Auf den Gedanken, weniger mobil zu telefonieren, käme er nie. Seinen Festnetzanschluss hat er gekappt. An die 200 Euro beträgt seine Handy-Rechnung jeden Monat. Bei den spottbilligen Gebühren in Finnland muss er dafür ziemlich lange quasseln.

Das erste Handy mit neun Jahren

SMS in Rekordzeit tippen und verschicken ist die Königsdisziplin der 12-jährigen Nena-Peppi Tuovinen. Bevor ihr hellblaues Nokia 3330 klingelt, blinken zuerst drei lilafarbene Leuchtdioden. Sie hat es günstig für 98 Euro gekauft. Nokia-Geräte sind in Finnland nicht etwa besonders billig, weil sie dort gebaut werden. Die fingerflinke Schülerin (mindestens fünf SMS am Tag) hat für das Neugerät ein älteres Modell in Zahlung gegeben. Für ihr Handy müssen die Finnen sogar mehr hinlegen als die Deutschen, weil Subventionen beim gleichzeitigen Abschluss eines Vertrages nicht erlaubt sind. Die kindische Angewohnheit, ihr Telefon mit einem bunten Austauschcover zu verschönern, hat Nena-Peppi bei ihrem fünften Handy aufgegeben: "Die Dinger gingen einfach zu oft kaputt." Ihr erstes Nokia bekam sie mit gerade mal neun Jahren.

Gut für den Nationalstolz

Der Mobiltelefon-Maniac und die SMS-süchtige Göre entsprechen dem Klischee von Skandinavien als Hochburg für Handys und High-Tech. In Finnland nutzen rund 86 Prozent der Bevölkerung ein Mobiltelefon - in Deutschland sind es 74 Prozent. Firmen wie Nokia und Ericsson tragen in ihren strukturschwachen Heimatländern Finnland und Schweden mehr zum Nationalstolz bei als bei uns Mercedes, BMW und VW zusammen. Wo außer mit Papierholz sonst nicht viel Geld verdient wird, ist der Handy-Weltmarktführer Nokia ein einsamer Stützpfeiler für die Wirtschaft. Unterscheidet sich der Alltag der vernetzten Nordlichter aber wirklich noch so sehr von unserem?

Bezahlen per Handy oder Funkticket

Seine U-Bahn-Fahrt zahlt Tuomas Toivonen mit einem Funkticket in Scheckkartengröße. Es funktioniert ähnlich wie ein Diebstahlsicherungs-Chip bei H&M. Er hält sie an ein Lesegerät an der Treppe zum Bahnsteig, das mit einem Piepston und einer Art blinkenden Ampel quittiert. Andere U-Bahngäste bezahlen per Handy: Sie steigen in die Bahn, tippen eine Code-Nummer für ihre SMS-Fahrkarte ein und fahren los. An jeder Station ist eine Hinweistafel mit den einfachen Instruktionen.

Mobile Technik für alle

Der umtriebige Technik-Aktivist kommt gerade von seiner Radio-Talkshow über Stadtplanung und ist auf dem Weg nach Kontula, einer Trabantenstadt im Norden Helsinkis. In diesem Teil der ansonsten sozial gut gemischten Stadt wohnen ärmere Leute, Einwanderer aus Somalia, aber auch rassistische Skinheads. In dem Gemeinschaftszentrum Kontupiste probiert die Multimedia-Gruppe Aula, zu der Toivonen gehört, wie mobile Technologie das Leben ganz normaler Menschen verbessern kann.

Tuomas Hakkarainen, 25, schraubt gerade ein kleines schwarzes Kästchen neben der Eingangstür von Kontupiste fest. An dieses Lesegerät können registrierte Bürger ihre U-Bahn-Karte halten, um die Tür des Bürgerzentrums auch außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten aufzuschließen. "Hunaja" - Honig - haben die Aula-Aktivisten, zu denen auch der junge schwarzhaarige Software-Unternehmer gehört, ihr System getauft. Wie der Bär vom Bienenstock sollen die Menschen aus dem Problemviertel immer wieder angelockt werden: Hier können sie im Internet surfen, Bewerbungsunterlagen gestalten oder digitale Fotos aus ihrem Viertel ins Web-Album stellen.

Wer eine SMS an die Kontupiste-Website schickt, erhält im Gegenzug eine SMS mit einer Liste der registrierten Besucher, die gerade dort sind. So können sich Nachbarn und Freunde mobil zusammenschalten, bevor sie sich real treffen.

Datenschutz – anders als bei uns

Datenschutz hat in Finnland keinen so hohen Stellenwert wie bei uns. Völlig ungehemmt öffnet das Handy die Türen zu Datenbeständen, die bei uns nur der Polizei zugänglich sind. Blockiert ein fremdes Auto die Garageneinfahrt, tippt ein Finne einfach die Autonummer in sein Handy, verschickt sie per SMS und bekommt Namen und Adresse des Besitzers. Den kann er anrufen, bevor er den Wagen abschleppen lässt.

Ideen muss man haben

Im Alltag nützlich sind viele der kommerziell angebotenen Handy-Dienste in Finnland. Juhani Kivikangas, Manager bei Telia Sonera, der führenden Telefongesellschaft in Finnland und Schweden, nutzt einige Angebote auch privat. Bevor er im Winter nach Ylläs, einem Langlauf-Skigebiet in Lappland aufbricht, kann er sich per Handy direkt ein Bild vom Wetter machen. An den Schneepflügen sind Kameras installiert. Und deren Live-Bild lässt sich über ein Farbhandy abrufen.

An Einfallsreichtum ist Finnlands Telekom kaum zu übertreffen: Parkgebühren lassen sich per Handy zahlen, Überweisungen erledigen, Pizza, CDs oder Jeans kaufen. Wer eine Wohnung sucht, kann im Internet sein Suchprofil angeben. Liegt ein Angebot vor, kommt eine MMS mit Bildern der Wohnung und einer farbigen Karte mit Wegbeschreibung.

Anders als Telefonfirmen bei uns, die ihre Kunden gerne mit rätselhaften Abkürzungen wie WAP, GPRS, I-Mode oder HSCSD verwirren, hat Telia Sonera für seine Kunden eine klare Botschaft: "Color-Handys sind wie der Sprung vom Schwarzweiß- zum Farbfernsehen", sagt Kivikangas. Wenn die Eishockey-besessenen Finnen mit einem Spiel auf dem Farbhandy Penalty-Shots abfeuern können, sind sie schon fast gewonnen für die neuen Bunt-Telefone.

Die Netze an die Grenzen bringen

Die Mobilfunknetze stoßen am 1. Mai und am Vorabend in Helsinki regelmäßig an ihre Grenzen. Tausende von Studenten, erkennbar an ihren weißen Kappen, suchen und finden sich per Anruf oder SMS. Sie feiern Vappu. So heißt der Tag der Arbeit, der gleichzeitig auch der Tag der Studenten ist. In ihren bunten Overalls beherrschen sie das Straßenbild. Die Overalls sind mal schwarz, mal weiß, ferrarirot oder pink. Jede Farbe steht für eine bestimmte Uni oder Fakultät. Die Stimmung ist wie beim Karneval in Köln. Mit "Hölökynkölökyn" prosten sich die Studenten zu. Das heißt so viel wie: Wenn Spaß, dann feuchtfröhlich! Melancholische Finnen mit permanentem Winterblues wie in einem Kaurismäki-Film sind an diesen Tagen unsichtbar, abgesehen von vereinzelten Komasäufern auf Parkbänken.

Auch Nokia entlässt

Wer eine Troddel an der weißen Kappe trägt, studiert an einer technischen Uni. Die Overalls sind mit den Firmenlogos der künftigen Arbeitgeber der Studenten gepflastert - erste Adressen wie Telia Sonera, ABB, Nokia oder Ericsson. Mikko Lummukainen feiert am Morgen des ersten Mai in einem Park weiter. Der 24-Jährige hat gerade seinen Abschluss in Physik gemacht. Während des Studiums absolvierte er bei der Nokia-Filiale in Malaysia ein Praktikum: "Nokia wäre meine erste Wahl als Arbeitgeber gewesen", sagt er. "Dort wurden aber gerade erst 1800 Leute entlassen. Deswegen bleibe ich an der Uni und promoviere."

Die dritte Generation ist da…

Vier Tage später geht in Stockholm das Handy der Zukunft in den Handel. Schlicht "3" nennt sich der Mobilfunkanbieter der dritten Technik-Generation. Überall in Stockholm hängen Plakate, auf denen Gesichter in Großaufnahme zu sehen sind: heulende Männer, lachende Kinder, wütende Frauen. Daneben steht der Slogan "I 3 you". Damit soll der größte Vorteil dieser UMTS-Geräte gegenüber selbst den modernen Fotohandys deutlich werden. Hier können Menschen zum ersten Mal videotelefonieren - eine private Liveschaltung. Ein Stück Privatsphäre geht auch hier verloren. "Schatz, ich bin noch im Büro" geht als Notlüge künftig nicht mehr durch: "Dann zeig doch mal deinen Schreibtisch!" Der "Guru" im Handy zeigt auf Wunsch sogar auf einer Karte an, wo sich das Telefon befindet.

Ohne Startschwierigkeiten geht die Handy-Zukunft aber auch in Schweden nicht los. Im edlen 3-Laden in Stockholms goldenem Shopping-Dreieck, dem Stureplan, nehmen die jungen Mitarbeiter an diesem Tag nur Vorbestellungen entgegen. "Die ersten beiden erhältlichen Modelle, zwei klobige japanische NEC-Geräte, liefern wir innerhalb von 31 Werktagen aus", sagt Unternehmenssprecher Niclas Lilja.

... aber so richtig braucht es niemand

Ungelöst ist auch bei "3" ein peinliches technisches Problem: Wenn ein Anrufer im UMTS-Netz etwa in Stockholm telefoniert und im Auto aus dem Abdeckungsbereich fährt, bricht das Gespräch ab. Dann muss der Anrufer im herkömmlichen Handy-Netz die Nummer neu wählen. Selbst Branchenprimus Nokia hat dieses Problem noch nicht gelöst. Im benachbarten Finnland steht das UMTS-Netz von Telia Sonera deswegen seit Anfang 2002 ungenutzt in der Landschaft.

Die Skandinavier sind heiß auf Hot Spots

Problemlos setzt sich dagegen der mobile Internet-Zugang durch. Allein 500 kommerzielle HotSpots hat Telia Sonera in Schweden installiert. Wie zunehmend auch in deutschen Großstädten, in Hotels und an Flughäfen kommen Notebook-Nutzer mit einer speziellen WLAN-Karte an diesen Punkten drahtlos und mit DSL-Tempo ins Netz.

Ulrik Sundquist wartet wie alle Stockholmer jedes Jahr sehnsüchtig auf den Sommer. Dann lässt der 38-jährige Software-Spezialist sein Motorboot zu Wasser und nutzt es als "Balkon". Im Clubhaus seines Vereins hat er einen DSL-Anschluss legen lassen, an den er eine WLAN-Basisstation angeschlossen hat. Diesen privaten Hotspot nutzt Sundquist auch zum Arbeiten. Als Netz-Nomade schläft er auf dem Boot, schwimmt morgens eine Runde und liest dann seine E-Mails. "So kann ich jede Sonnenstunde auskosten", sagt Sundquist.

Er hat insgesamt drei Hotspots aufgebaut - neben dem Boot noch je einen in seiner Wohnung und in seinem Büro. So ist er immer drin - drahtlos im Internet und per Handy sowieso. Sein Handy - ein Outdoor-Siemens - beansprucht er so stark, dass bereits die Farbe von den Tasten abgeschabt ist.

Abschalten und ihren Handy-Kopfschmerz kurieren können Männer wie Ulrik Sundquist oder Tuomas Toivonen nur, wenn sie ganz weit in den Norden fahren. In Lapplands Nationalparks werden Mobilfunkantennen aus Naturschutzgründen nicht aufgestellt. Dann taugt selbst das coolste Handy nur noch als Mückenklatsche.

Dirk Liedtke / print
Kann ich mich auf Geschwindigkeitsanzeige FritzBox verlassen?
Hallo zusammen, erstmal herzlichen Dank für die Leute, die sich Zeit nehmen Fragen zu beantworten oder ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Das ist oft hlifreich, wenn man sich nicht so auskennt. Ich hoffe, dass mir jemand weiterhelfen kann. Die Telekom hat hier nach langer und ersehnter Zeit schnelle Leitungen verlegt. Mitarbeiter waren auch zu Besuch da und auch nett:-) Sie wollten ja auch, dass ich von 1und1 wieder zurück wechsel. Das ist für mich in Ordnung und gehört zum Wettbewerb. Da jedoch die Mitarbeiter mir sagten, dass die Telekom für paar Jahre das Vorrecht hätte, könnte ich schnelles Internet nur über Telekom beziehen. Sprich entweder Telekom und schnelles Internet oder langsames Internet. Da habe ich im Internet recherchiert und rausgefunden, dass das so nicht mehr stimmt. Das war der Grund, warum ich dann bei 1und1 DSL100 abgeschlossen habe, da man mir am Telefon gesagt, dass es ohne Probleme möglich wäre. Nun ist es jedoch so, dass wir gar nicht so merken, dass unser Internet schneller ist. Gerade in der oberen Etage kann man nicht ohne Router surfen oder Sky über Internet Fernsehen. Nun meine Frage: Bei der Fritzbox wird es jedoch angezeigt. Kann ich mich drauf verlassen? Oder wie macht ihr eure Messungen? Ich weiss, dass es Software gibt, aber der feste Rechner ist bereits alt und hat einen alten Internet Explorer drauf. Wenn ich mit einem Laptop im Wlan mich reinhänge, wird sicher die Geschwindigkeit sowieso niedriger und nicht verwertbar sein, oder? Vielen Dank für die Antworten.