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Interview

Haushaltstechnik: iRobot-Chef: "In fünf Jahren wird Ihnen ein Roboter das Bier holen"

iRobot ist der Marktführer bei Saugrobotern. Der Chef, Colin Angle, sprach mit dem stern über Roboter mit einem Greifarm, die zu kurze Lebenserwartung von Saugrobotern und darüber, warum die Industrie dringend ein Datensiegel braucht.

Colin Angle vor der Konstruktionszeichnung eines Saugroboters.

Colin Angle vor der Konstruktionszeichnung eines Saugroboters.

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Herr Angle, Sie sind der Marktführer für Saugroboter. 25 Millionen Stück haben Sie verkauft und eine stürmische Wachstumsphase hinter sich. Aber inzwischen sind die Roboter-Sauger ziemlich normal im Haushalt geworden. Wann wird das Wachstum einbrechen?
Wir sind noch ganz am Anfang in der Robotik. Am wichtigsten im Haushalt sind die Saugroboter. Man hat sich an die Roboter gewöhnt, doch nur 5 Prozent der EU-Haushalte besitzen ein Gerät. In Deutschland ist es etwas mehr. Wir glauben, dass aber in über 30 Prozent aller Haushalte heute eine Nachfrage besteht. Saugroboter sind die Nummer eins. Aber schon heute gibt es zwei weitere interessante Felder, in denen Roboter gute Dienste leisten können: Wischen und Rasenmähen. Da ist die Durchdringung des Markes noch viel niedriger.

Es wird also noch eine Zeit dauern, bis Sie in der Situation der Waschmaschinenhersteller sind. Bei denen kauft der Kunde nur ein neues Gerät, wenn das alte kaputt ist. Die erste vollautomatische Waschmaschine kam in Amerika 1946, in Deutschland im Jahr 1951 auf den Markt. Doch zu einer wirklichen Sättigung des Marktes kam es erst in den 1970ern.
Sehen Sie, wir haben die Kategorie "Saugroboter" vor 19 Jahren quasi erfunden. Wir sind immer noch in einem frühen Stadium. Aber immerhin: Ein Viertel des Geldes, das für Sauger ausgegeben wird, wird für Saugroboter ausgegeben.

Der hohe Anteil am Umsatz liegt natürlich auch daran, dass ein guter Staubsauger sehr viel billiger ist als ein guter Roboter. Und auch daran, dass ein wertiger Staubsauger im Haushalt viele Jahre hält. Wie lange soll und wird ein Robotsauger halten?


Da haben Sie uns erwischt. Das ist eine schwierige Frage. Ich muss zugeben, dass ein Roboter im Haushalt derzeit nicht so lange hält wie ein Staubsauger. Wir gehen von etwa drei Jahren aus. Aber der Vergleich mit einem manuellen Gerät ist nicht ganz fair.

Wieso nicht fair? Ein guter manueller Sauger hält sicher zehn Jahre.
Sehen Sie, als wir unsere Roboter entwickelt haben, haben wir sie so gebaut, dass sie mindestens die gleiche Anzahl an Stunden im Betrieb durchhalten wie ein manueller Staubsauger. Übrigens haben wir uns an qualitativ sehr guten europäischen Geräten orientiert.  Wir haben aber einen Punkt nicht bedacht, an den wir hätten denken sollen. Weil unsere Geräte Roboter sind und man nicht selbst arbeiten muss, werden sie sehr viel häufiger benutzt. Ein normaler Haushaltsauger wird höchstens 30 Minuten in der Woche benutzt.

Das ist ein Unterschied. Mein Saugroboter arbeitet jeden Tag mindestens 60 Minuten. Das sind sieben Stunden in der Woche im Vergleich zu einer halben Stunde. Also altern die Geräte schneller.
Das ist das Problem. Ein Roboter hat zehn bis zwanzig Mal so viele Betriebsstunden. Es ist also schon eine Leistung, wenn er drei Jahre ohne Probleme läuft. Das sind ja umgerechnet 30 Jahre für einen manuellen Staubsauger. Natürlich arbeiten viele unserer Geräte viel länger als drei Jahre. Aber so war das Design ausgelegt.

Aber als Kunde wünsche ich mir trotzdem, dass Sie an einer längeren Lebensdauer arbeiten. Zumal Ihre Geräte nicht billig sind. Ich nehme jetzt mal das Flaggschiff: Ihr bester Sauger mit großer Dockingstation und der größere Wisch-Roboter kosten zusammen über 2000 Euro. Das ist viel Geld. Stoßen Sie nicht irgendwann an eine Grenze, was der Kunde bereit ist zu zahlen?
Unser Ziel ist es, eine breite Spanne von Robotern anzubieten. Es gibt also nicht nur Geräte in der Preisklasse, die Sie jetzt genannt haben. Und Ziel ist es auch, unsere beste Technik in möglichst vielen Geräten einzusetzen. Und sie nicht nur exklusiv für die teuersten Roboter anzubieten. Mit dem teuren S9+ haben wir eine Technik eingeführt, mit der mehrere Roboter zusammenarbeiten können.

Der Sauger und der Wischer können koordiniert arbeiten. Der Wischer macht den Boden nur in den Zonen nass, in denen der Saugroboter bereits fertig ist. Wenn der Sauger das Wasser schlucken würde, gäbe es eine schöne Sauerei.
Genau. Vor einigen Wochen haben wir ein Upgrade angeboten, mit dem auch die Geräte unserer 900er Serie von diesem Feature profitieren. Und diese Geräte sind preislich in der Mittelklasse – vielleicht sogar etwas günstiger. Und dieses Update ist kostenlos.

Ihren 960 kann man in Deutschland für knapp 400 Euro bekommen. Das ist deutlich weniger als der Preis für den i7+ oder das neueste Gerät, den S9+.
Natürlich ist unser teuerstes Gerät, der S9+, mit einem Preis von 1499 Euro nicht billig. Wir arbeiten daran, die Geräte günstiger zu machen. Gleichzeitig wollen wir aber auch, das Beste anbieten, was es im Haushalt geben kann. So kommt die weite Preisspanne zustande.

Man kann mit dem S9+ sprechen. Man kann einen ganzen Monat lang jeden Tag abends in eine frisch gereinigte Wohnung kommen, ohne dass man sich um das Gerät kümmern muss. Sie können dem Gerät beim TV sagen: Mach die Küche sauber. Diese Roboter fühlen sich mehr wie eine Dienstleistung an als wie ein Gegenstand. Früher konnte man das nicht sagen. Aber in den neuesten Geräten ist die Technik so weit fortgeschritten, dass das ein fairer Vergleich ist.

Lassen Sie uns über die Zukunft sprechen. Ihre Roboter arbeiten am Boden, die Geräte leben in einer zweidimensionalen Welt. Wir leben aber in drei Dimensionen. Drei Dimensionen, die auch sauber gemacht werden wollen.
Auch in den zwei Dimensionen wird noch einiges kommen. Aber Ihre Frage nach der dritten Dimension ist wichtig für unsere ganze Branche. Technisch heißt das: An diesem Punkt bekommt der Roboter einen Arm, so dass er in die Höhe greifen kann. Von der Produktion und der Steuerung her ist ein Roboterarm nicht so schwierig. Man könnte sagen: Der Teil des Problems ist bereits gelöst. Die Herausforderung ist eine andere: Wir wissen nicht, wo alles im Haushalt herumsteht. Wo ist das Bier, das mir der Roboter holen soll? Wo steht der Kühlschrank? Und welcher Raum ist die Küche? Was ist ein Bier? Und was der Essig?

Das müsste der Roboter alles verstehen können, bevor er ein Bier holen kann. Im Haushalt ist die dritte Dimension also komplexer als bei einem Flugroboter.
Genau. Nach oben greifen ist einfach, aber damit so ein Roboter im Haushalt auch etwas Sinnvolles tun kann, muss er verstehen, was er da macht. Die Technologie, mit der ein Roboter lernen kann, einen Haushalt zu verstehen, wird erst jetzt entwickelt. Und Sie müssen daran denken, dass dies zu einem Preis möglich werden soll, den ein privater Kunde auch bezahlen kann.

Das ist sicher komplex. Man kann einem Roboter nicht alles erklären, was es im Haushalt gibt. Das würde ewig dauern.
Um so etwas zu verstehen, benötigt man die fortschrittlichste Robotertechnik, die es heute gibt. Doch Sie wollen einen Zeitpunkt hören: In etwa fünf Jahren wird Ihnen Haushaltsroboter das Bier holen. Ein Gerät, das einen Arm sinnvoll einsetzen kann. Für so einen gewaltigen Prozess ist das kein langer Zeitraum. Aber vorher machen wir nach etwas Neues auf dem Boden. Im Frühjahr bringen wir einen Mähroboter heraus.

Dann trauen sich Ihre Maschinen in den Garten. Sie wissen, da kann es auch mal regnen. 


Wir kommen vom Militär. Unsere Militärroboter können sogar tauchen. Das Regenproblem meistern wir.

Mähroboter gibt es bereits. Wird das Besondere an Ihrem Gerät sein? Ich rate mal: Brauchen Sie noch Drähte für die Navigation? Oder haben Sie sich was Klügeres überlegt?
Das ist der Punkt. Sie brauchen bei unserem Gerät keinen Draht rund um den Rasen zu spannen. Wir haben gedacht, dass der Draht nur Probleme macht.

Niemand mag diese Drähte, vor allem dann nicht, wenn es ein komplexer Grundriss etwa mit Bäumen auf dem Rasen ist. Die bisherigen Geräte ohne Draht navigieren mit Kompass und GPS – das war häufig nicht so genau und führte auch zu Problemen.
Darum machen wir das auch nicht. Bei uns verteilen Sie nur ein paar Beacons im Garten. Die begrenzen nicht jede Ecke einer Mähzone, sie helfen dem Roboter nur bei der Navigation.

Die Beacons sind kleine Sender. Sie wirken wie Leuchttürme, die als feste Navigationsmarken für den Roboter dienen. Sie sind der Ersatz für die festen Wände im Haus, die ihre Haushaltsroboter anmessen können?
Genau, feste Punkte. Dann gibt es eine manuelle Fernbedienung. Damit müssen Sie den Roboter einmal um den Rasen herumfahren, um jeden Baum und jedes Beet. Aber dann hat er es kapiert und zeichnet selbst einen Grundriss. Und dann mäht er natürlich in gerade klaren Linien.

Das ist wichtig. Viele Leute sind versessen auf diese exakten Bahnen, einfach kreuz und quer mähen, sieht nicht so toll aus.
Das haben wir uns auch gedacht. Sie kommen nach Hause und dann soll der Rasen perfekt gemäht aussehen.

Eine ganz andere Frage. Wie betrifft der Wirtschaftskrieg zwischen USA und China Ihr Geschäft?
Das betrifft uns direkt, denn die Zölle, die die USA auf Importe erheben, machen unsere Roboter in den USA teurer. Wir produzieren in China. Wir hoffen, dass die Regierungen bald eine Übereinkunft führen, so dass diese Zölle zurückgenommen werden. Aber derzeit hat das einen negativen Einfluss auf unser Geschäft in den USA.

Für den europäischen Kunden ist das allerdings nicht so wichtig, denn Trumps Strafzölle betreffen Importe in die EU nicht. Datensicherheit ist in Europa ein großes Thema. iRobot hat sich zu einem sehr sicheren Umgang mit Kundendaten verpflichtet. Wie wichtig ist das den Kunden?
Für einen Endkunden ist das eine sehr komplizierte Situation. Wir wissen, nach einem Datenleck sind die Kunden immer sehr wütend. Aber am nächsten Tag kaufen sie das billigste Produkt, ohne an die Datensicherheit zu denken. Das liegt auch daran, dass es für einen Kunden fast unmöglich ist, eine gute Entscheidung zu treffen. Denn die Fragen der Datensicherheit sind sehr kompliziert, vor allem wenn sie nur einen Staubsauger oder einen Lautsprecher kaufen wollen. Wir kommen aus dem Militärbereich, wir verschlüsseln die Daten, wir halten sie sicher. Das ist aufwändig, aber wir wollen diese Sache richtig machen. Wir wollen, dass der Kunde die richtige Entscheidung treffen kann.

Je mehr Roboter können, umso mehr intime Daten werden sie im Haushalt sammeln. Es gibt Geräte, die fahren mit einer HD-Kamera in der Wohnung herum. Denen bleibt nichts verborgen. Wie wollen Sie die Sensibilität beim Kunden erhöhen?
Ganz einfach, wir brauchen ein verbindliches, klares und einfaches Siegel. Wenn Sie ein elektrisches Gerät mit dem CE-Siegel sehen, wissen Sie, dass dieses Gerät geprüft wurde und sie keinen Stromschlag bekommen. So ein Siegel benötigen wir auch für die Datensicherheit.

Also so etwas wie die Ernährungsampel für Lebensmittel – Grün für Gesund und Rot für eher ungesund – nur eben für Daten und den Umgang damit. Facebook wäre dann vermutlich Orange bis Rot.
Exakt. Grün für sichere Daten, Verschlüsselung und keine Weitergabe an Dritte. Nur mit so einem garantierten Siegel kann der normale Kunde auf einen Blick erkennen, wie sicher seine Daten sind.
 

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